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Automatisiertes Fahren Motor AI: „Wir sind die europäische Antwort auf autonomes Fahren“

| Autor / Redakteur: Svenja Gelowicz / Maximiliane Reichhardt

Das Berliner Unternehmen Motor AI will Europas Anbieter für autonome Fahrsoftware werden. Und die soll sogar den TÜV überzeugen. Über ein Start-up, das kaum die Öffentlichkeit sucht, obwohl es eine prominente Investorin hat.

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Die Gründer: Roy Uhlmann und Adam Bahlke.
Die Gründer: Roy Uhlmann und Adam Bahlke.
(Bild: Motor AI)

Als Roy Uhlmann Ende 2018 eine E-Mail öffnete und darin eine Einladung fand, den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier auf einen Staatsbesuch nach China zu begleiten, griff er erst einmal zum Telefonhörer. War das Angebot ernst gemeint? Es war ernst gemeint. Und so flog der 39-Jährige im Dezember vor gut einem Jahr mit der Regierungsmaschine ins Reich der Mitte. „Ich habe Einblicke erhalten, wie die Chinesen arbeiten. Und die Reise hat mir auch gezeigt, wie gut die Grundlagenforschung im Bereich künstliche Intelligenz in Deutschland ist“, sagt Uhlmann.

Motor AI: Kognitive KI statt Machine Learning

Roy Uhlmann ist Gründer des Start-ups Motor AI, das seit 2017 in Berlin vollautomatisierte Fahrfunktionen entwickelt. Damit sind er und sein Mitgründer Adam Bahlke nicht alleine: Zahlreiche Unternehmen und natürlich die Autohersteller selbst machen sich seit Jahren Gedanken über selbstfahrende Autos. Uhlmann weiß das natürlich: Er und sein Team haben den Markt umfassend analysiert, sich die Strategien der Unternehmen und die Expertise der jeweiligen Entwickler auf einschlägigen Karriereportalen angesehen und dabei erkannt: Fast alle nutzen Machine Learning als Ansatz der künstlichen Intelligenz (KI) für selbstfahrende Autos. Motor AI wiederum wendet eine sogenannte „kognitive KI“ an.

Wir wollen die aktuellen Gesetze und Rahmenbedingungen erfüllen. In Europa kann das bislang keiner.

Sie soll der menschlichen, situationsangemessenen Handlungssteuerung nachempfunden sein. Während Machine Learning laut Uhlmann eine Art Mustererkennung ist, sei die von Motor AI angewandte Methode ein logikbasierter Ansatz, um Entscheidungen zu fällen. „Wir haben einen quasi dynamischen, regelbasierten Ansatz geschaffen“, erklärt Uhlmann, was auch heißt, dass der Algorithmus deterministisch ist.

Vereinfacht: Deterministische Systeme basieren nicht auf Hypothesen oder Vermutungen, sondern sind mit einem vorhersagbaren Verhalten beherrschbar. Und das wiederum macht sie reproduzierbar und dadurch überprüfbar – auch der TÜV soll sie zertifizieren können. „Wir wollen die aktuellen Gesetze und Rahmenbedingungen erfüllen. In Europa kann das bislang keiner“, sagt Uhlmann. Und für eine ISO-Zertifizierung müsse ein System eben einsehbar sein.

Analog dazu glaubt er nicht, dass Technik von Unternehmen wie Waymo, Argo AI und Co. hierzulande zugelassen werden kann: „Blackbox-Systeme ermöglichen keine reproduzierbare Entscheidung.“

Autonomes Fahren: Europa ist das Ziel

Nun hat sich bereits die landläufige Erkenntnis gebildet, dass die Systemkosten für autonomes Fahren der SAE-Level 4 und 5 hoch sind; wohl zu hoch, um sie in Privatfahrzeugen einzusetzen. Wo sieht Motor AI seine Systeme im Gebrauch? Eher in kommerziellen Vehikeln, sagt Uhlmann. Doch da die Lidar-Preise in den letzten Monaten stark gefallen seien, will er nicht ausschließen, dass sich auch Autofahrer im Privatgebrauch chauffieren lassen können. Uhlmann will vor allem Automotive-Neueinsteiger – wie Elektronikkonzerne oder Start-ups – neben Autobauern und Zulieferern als Kunden gewinnen. Gerade sogenannte Whitelabel-Fahrzeuge, ob für Lieferungen oder als Personenshuttle, sollen das vollautomatisierte System von Motor AI nutzen. Den Zielkorridor hat Motor AI dabei deutlich abgesteckt: „Wir sind die europäische Antwort auf autonomes Fahren, entwickelt in Deutschland“, sagt Roy Uhlmann.

Und eben diesem Markt wolle man auch, falls gewünscht, ein Komplettsystem mit eingekaufter Hardware bieten. „Wir haben unser System so modular gebaut, dass wir auf vielen Ebenen zusammenarbeiten können“, so Uhlmann. Also eine Bandbreite vom einzelnen Modul bis zum vollständigen Systemaufbau.

Die Perception wird immer mehr zu Commodity.

Entwicklungsansatz: Von hinten nach vorne

Das junge Unternehmen testet mit einem Erprobungsfahrzeug und Simulationssoftware die Technik. „Wir haben unser System von hinten nach vorne gebaut“, erklärt Uhlmann. Die KI-Entwicklung stand zu Beginn, man überlegte sich, wie ein solches System Entscheidungen treffen müsse. Erst zum Schluss habe man die Umwelterkennung („Perception“) ins Spiel gebracht. Laut Uhlmann ein Glücksfall: „Die Perception wird immer mehr zu Commodity.“ Gerade durchlaufe Motor AI mit seiner Software einen Zertifizierungsprozess – der, wie Uhlmann zugibt, noch eine Weile dauern wird.

Wie viele Mitarbeiter daran beteiligt sind, will er nicht sagen; schaut man sich das Unternehmensprofil bei LinkedIn an, arbeiten demnach zwischen 11 und 50 Mitarbeiter bei Motor AI in Berlin. Teuer ist das wohl allemal. Man habe Investoren, wenn auch keine strategischen, erklärt Uhlmann. Unter anderem hat die ehemalige Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries Geld in das Start-up gesteckt. Die Mehrheit halten er und sein Mitgründer Adam Bahlke.

„Wir machen kleine Schritte und kommunizieren nur zurückhaltend“, sagt Uhlmann noch. Er selbst weiß um seine Rolle als „Underdog“. Doch der Wettbewerb um autonomes Fahren sei ein „Marathon, den man mit der intelligentesten und nachhaltigsten Lösung“ gewinnen könne. Die Konkurrenz ist auf jeden Fall groß.

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