Ressourceneffizienz durch Leichtbau „Nachhaltig ist nicht, rein auf den Anschaffungspreis zu achten“

Autor: Sven Prawitz

Inwieweit sind Unternehmen bereit in vermeintlich teurere Produkte und Maschinen zu investieren, wenn dadurch neue Funktionen möglich werden oder die Kosten über den Lebenszyklus geringer? Auf dem Expert Circle von »Automobil Industrie« entfachte sich dazu eine spannende Diskussion.

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Neue Werkstoffe erfordern neue Werkzeuge und die dazu passenden Prozesse. Ein Beispiel ist das Ultraschallschneidmesser für den Zuschnitt von Wabenstrukturen.
Neue Werkstoffe erfordern neue Werkzeuge und die dazu passenden Prozesse. Ein Beispiel ist das Ultraschallschneidmesser für den Zuschnitt von Wabenstrukturen.
(Bild: »Automobil Industrie“)

„Sustainability heißt für mich in zukunftstaugliche Konzepte zu investieren“, beschrieb Heinrich Timm zum Ende der Podiumsdiskussion des „Technologieseminar Zerspanungstechnik“ sein Verständnis von Nachhaltigkeit. Und Unternehmen sind zunehmend bereit in vermeintlich teurere Produkte und Maschinen zu investieren, wenn dadurch neue Funktionen möglich werden oder die Kosten über den Lebenszyklus günstiger sind. Das bestätigten alle Teilnehmer der Diskussionsrunde.

Wer ist schon bereit mehr zu bezahlen ohne vom Vorteil überzeugt zu sein?

Ralph Hufschmied

Die Ingenieure der Automobilindustrie experimentieren mit immer neuen Leichtbauwerkstoffen. Auch mit solchen, zu denen es noch keine vollständigen Datenblätter gibt, berichtete Peter Miller von Schuko Bad Saulgau. „Es kommen viele Firmen auf uns zu, die bisher noch nicht trocken zerspant haben und jetzt mit den neuen Werkstoffen ein neues Betätigungsfeld haben.“ Das Absaugen dieser Feinstäube ist nicht nur aus rein technischer Perspektive wichtig. Miller sagte, dass die Umweltbedingungen eines Arbeitsplatzes wichtige Diskussionspunkte in den Unternehmen sind. „Über Feinstaub wurde schon vor Corona diskutiert. Zu sauberen Arbeitsplätzen, an denen die Mitarbeiter motiviert arbeiten, gehört auch saubere Luft“, so Miller.

Kunden brauchen neue Produktionsprozesse

Mit vielen neuen Leichtbauwerkstoffen werden auch die Entwickler des Werkzeugmaschinenherstellers Reichenbacher Hamuel konfrontiert. Als Beispiel nennt Stefan Fehn ein Ultraschallschneidmesser, das Reichenbacher für den Zuschnitt von Wabenstrukturen verwendet. „Wir müssen solche eher untypischen Werkzeuge im Angebot haben und natürlich auch die Prozesse dafür entwickeln“, gibt Fehn einen Einblick in die Kundenanforderungen, und betont, dass er immer wieder die Erfahrung mache, dass Einkäufer stark auf den Anschaffungspreis einer Maschine achten und weniger auf die Kosten des gesamten Produktlebenszyklus.

Doch sind die Kunden überhaupt bereit für neue Konzepte höhere Preise zu bezahlen? „Ja“, sagt Ralph Hufschmied, „aber nicht ohne vom Vorteil überzeugt zu sein?“. Deshalb habe Hufschmied, selbst auf Zerspanungstechnik spezialisiert, in ein Engineering-Zentrum investiert. Der Kunde könne sich dort neue Konzepte zeigen lassen.

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Kunden mit Daten überzeugen

Einen großen Vorteil sieht Hufschmied dabei in digital vernetzten Anlagen und Werkzeugen: „Wenn ich dem Kunden anhand eines Datensatzes zeigen kann, dass ein Werkzeug ruhiger läuft oder weniger verschleißt, habe ich die Chance 10 oder 15 Prozent teurer zu sein als der chinesische Marktbegleiter.“

Das Daten nicht nur für die großen Internetunternehmen, sondern auch für das produzierende Gewerbe immer wichtiger werden, bestätigte Andreas Gebhardt vom Fraunhofer IPA. Man bekomme immer mehr Anfragen, vor allem von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), die selbst keine Ressourcen für Simulationen oder Datenauswertungen haben. „Hierfür gibt es zudem Fördermittel von den einzelnen Ländern, um Machbarkeitsstudien zu erstellen“, nennt Gebhardt ein Beispiel, wie KMUs unterstützt werden.

Wenn man nicht in Kilopreisen, sondern in der Einheit Preis je Funktion denke, relativiere das die hohen Anschaffungskosten vieler neuen Technologien, ist Heinrich Timm überzeugt, Vorstandsmitglied des Composites United e. V. und langjähriger Leiter des Audi-Leichtbauzentrums. Er kenne die oft notwendige Überzeugungsarbeit.

Vorteile der additiven Fertigung nutzen

Ein ganzheitlicher Denkansatz könnte zum Beispiel der additiven Fertigung zu mehr Anwendungen verhelfen. „Wir haben nur dort Material, wo wir es für die Kraftübertragung brauchen“, nennt Gebhart einen großen Vorteil des Verfahrens. Doch für den Druck von faserverstärkten Werkstoffen mit Endlosfasern sei der Prozess noch nicht serienreif und die heute noch nötigen manuellen Tätigkeiten müssten automatisiert werden. „Wenn wir hier noch ein paar Schritte weiterkommen, wird die additive Fertigung einen großen Beitrag zum Fahrzeugleichtbau leisten können“, ist sich Gebhardt sicher. Reichenbacher Hamuel arbeite mit Kunden bereits an solchen Konzepten, erklärte Stefan Fehn: „Die Anforderung ist, dass man ein additiv hergestelltes Bauteil direkt auf der Maschine nachbearbeitet.“ Auch hier könnten Daten zu mehr Akzeptanz führen, ist Ralph Hufschmied überzeugt: „Wenn man eine neue Funktion oder eine Kostenersparnis über die Lebenszeit nachweisen kann, hat die Technik eine Chance.“

Leichtbau ist und bleibt wichtig, stellte Heinrich Timm abschließend klar. Denn, „jede Masse, die beschleunigt wird, benötigt ein entsprechendes Energieäquivalent“. Deshalb freue er sich über das „einmalige“ Förderprogramm der Bundesregierung. Timm plädiert für einen konsequenten Know-how-Aufbau zu jedem neuen Werkstoff: „Oft kommt es mangels Wissen zu schlechten Ergebnissen. Diese werden dann fälschlicherweise der neuen Technologie zugeschrieben.“ Und dazu dürfe es nicht kommen.

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Über den Autor

 Sven Prawitz

Sven Prawitz

Fachredakteur, »Automobil Industrie« und Next Mobility