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Interview

Preh: „Wichtige Neuprojekte scheitern niemals an Ressourcenknappheit“

| Autor/ Redakteur: Claus-Peter Köth / Thomas Günnel

Stavros Mitrakis, Geschäftsführer der Preh Car Connect GmbH, spricht im Interview über den Anlauf des „Modularen Infotainment Baukastens“, fehlende Softwareentwickler, Projekt-Highlights auf der IAA und die größten Herausforderungen der kommenden Jahre.

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Stavros Mitrakis, Geschäftsführer der Preh Car Connect GmbH
Stavros Mitrakis, Geschäftsführer der Preh Car Connect GmbH
(Bild: Preh)

Herr Mitrakis, wie haben sich Umsatz und Mitarbeiterzahl von Preh Car Connect im vergangenen Jahr entwickelt?

Bei der Mitarbeiterzahl sind wir mit 1.200 Beschäftigten stabil geblieben, nachdem wir 2017 fast 200 neue Mitarbeiter eingestellt hatten. Der Umsatz ist 2018 gegenüber Plan leicht zurückgegangen. Das ist unter anderem auf die Lieferprobleme unserer Kunden im Zuge der WLTP-Einführung sowie auf den verzögerten Produktionsstart des VW Passat zurückzuführen.

Wie ist das Jahr 2019 angelaufen?

Beim Umsatz liegen wir im Plan. Sehr schwierig ist es, offene Stellen zu besetzen: Der Arbeitsmarkt für Softwareentwickler scheint leergefegt. Aktuell haben wir 50 bis 60 Stellen offen. Um das auszugleichen, haben wir unter anderem über externe Dienstleister in Best Cost Countries Expertise aufgebaut und mit diesen Unternehmen langfristige Kooperationen geschlossen. Insgesamt war das erste Halbjahr geprägt durch den für uns extrem wichtigen Anlauf des „Modularen Infotainment Baukastens“, kurz MIB 3, im neuen VW Passat. Wir haben dort Neuentwicklungen zur cloud-basierten Navigation, der Spracherkennung sowie der Anbindung mobiler Endgeräte beigesteuert und als Systemintegrator andere Lieferanten koordiniert.

Wurde das Wachstum durch die fehlende Mitarbeiterkapazität gebremst?

Ein wichtiges Neuprojekt wird bei uns niemals an Ressourcenknappheit scheitern. Deshalb haben wir ja die Möglichkeit geschaffen, sehr kurzfristig über externe Dienstleister zu „atmen“.

Welche Weichenstellungen gab es in jüngster Zeit?

Gemeinsam mit unserer chinesischen Schwestergesellschaft Joyson Preh Car Connect, kurz JPCC, profitieren wir von der dynamischen Entwicklung des chinesischen Marktes bei den Themen Connectivity und Vehicle-to-X (V2X)-Kommunikation. Konkret haben wir von einem jungen chinesischen OEM einen Serienauftrag zur Entwicklung einer V2X-Box mit Produktionsstart im Jahr 2021 erhalten. Wir bringen unser Plattform-Know-how und „German Brain“ ein und entwickeln mit JPCC die chinesischen Spezifika dazu. Diese Kombination kommt sehr gut an. Deshalb sind wir zuversichtlich, Folgeaufträge zu gewinnen – in China, aber auch in Europa und in den USA, wo wir jetzt auf ein künftiges Serienprodukt verweisen können.

In China laufen die Projekte gefühlt sehr viel schneller.

Stavros Mitrakis

Was waren Ihre Produkt-Highlights auf der IAA 2019?

Wir haben uns mit gleich vier Demonstratoren in Frankfurt präsentiert. Im Fokus stand dabei unser In-Vehicle-Infotainment (IVI)-Demonstrator mit einem echten virtuellen Büroassistenten – in diesem Fall Microsoft Azure. Wir integrieren diese Assistenten nahtlos in das gesamte Infotainment. Der IVI-Demonstrator hatte die Anmutung eines Automobilcockpits mit drei Displays. Zeigen wollten wir jedoch vor allem die Software, die hinter dieser Hardware steckt: einen virtuellen Assistenten, der sich um den Fahrer kümmert, Office-Anwendungen und Sicherheitswarnungen für diverse Gefahrensituationen.

Die cloud-gestützte Intelligenz lässt nicht nur zu, dass über eine Sprachsteuerung anstehende Termine mitgeteilt werden. Das System kann auch zum gewünschten Ort navigieren und erkennen, wenn ein Meeting wegen eines Staus nicht rechtzeitig erreicht wird. Des Weiteren haben wir anhand eines V2X-Demonstrators gezeigt, was neu an der Kommunikation zwischen Fahrzeugen ist oder was zwischen Fahrzeugen und der Verkehrsinfrastruktur möglich ist. Kernelement ist unsere Connectivity-Box. Wir arbeiten gerade daran, sie mit dem Mobilfunkstandard 5G zu vernetzen.

Welche Exponate erregten besonders hohe Aufmerksamkeit?

Der IVI-Demonstrator fiel sicherlich allein aufgrund seiner Größe am meisten ins Auge. Aber auch mit den anderen Exponaten ging es uns vor allem darum, zu zeigen, dass wir den Puls der Zeit erkannt haben und dass wir viele Antworten liefern können auf aktuelle Fragen rund um die Themen Cloud, Connectivity, Car Infotainment und Navigation.

Im Zusammenhang mit der E-Mobilität kommen viele neue OEMs auf den Markt – allen voran aus China. Wie interessant sind diese Unternehmen für PCC und JPCC?

In China laufen die Projekte gefühlt sehr viel schneller, es ist eine höhere Flexibilität erforderlich, und Sie müssen als Systemlieferant den OEMs auch stark beratend zur Seite stehen. Mit dem V2X-Serienauftrag haben wir im Markt eine hohe Beachtung gefunden und großes Interesse geweckt. Im nächsten Schritt werden wir unsere Expertise aus dem MIB 3 in den chinesischen Markt überführen. Davon abgesehen ist unser Android Embedded Module insbesondere für China sehr wichtig. Dort braucht es eine schnelle flexible Lösung, um beispielsweise an bestehenden Infotainment-Baukästen die Android-Welt anzuflanschen.

Das automatisierte Fahren bietet neue Freiheitsgrade im Innenraum. Mit welchen Produkten und Systemen wollen Sie hier punkten?

Wir leisten als Softwarespezialist in unserem spezifischen Segment von Connectivity einen Beitrag dazu, das autonome Fahren voranzubringen und maximal attraktiv zu gestalten. Mit unserer Connectivity-Box etwa können wir Audiostreaming, Playlists, Dienste zum Videostreaming, Fernsehprogramme, sämtliche Inhalte aus dem Internet sowie Spiele oder E-Mails uneingeschränkt und dauerhaft zur Verfügung stellen.

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Zur Person

Stavros Mitrakis, 47, studierte Automatisierungstechnik an der FHTW Reutlingen. Nach seinem Abschluss begann er bei Harman/Becker Automotive Systems seine Karriere. In dreizehn Jahren führte er zahlreiche Infotainment-Projekte in die Serie und verantwortete als Vice President u. a. die globale Navigationsstrategie von Harman. Ab 2014 zeichnete er bei Panasonic Automotive & Industrial Systems als Senior Director R&D verantwortlich, bevor er 2017 als Geschäftsführer der Preh GmbH und als CEO der Preh Car Connect GmbH nach Dresden wechselte.

In welchen Feldern sehen Sie noch Möglichkeiten beziehungsweise die Notwendigkeit, das Portfolio von PCC zu erweitern?

Hier fokussieren wir uns auf die Themen Software- und Applikationsentwicklung sowie Services. Innerhalb der Joyson-Gruppe sind wir der Integrator von Sensordaten, fusionieren diese und bringen sie auf einen anderen Aggregationslevel, um letztlich Produkte zu entwickeln, die dem Fahrer oder Mitfahrer das Fahren erleichtern.

Wo liegt die größte Herausforderung für Preh Car Connect in den nächsten zwei, drei Jahren?

Wir müssen uns permanent weiterentwickeln, gleichzeitig aber auch berücksichtigen, dass der Markt äußerst schwierig geworden ist – sozusagen eine Gratwanderung zwischen Investitionen in Innovationen sowie strengem Kostencontrolling. Insofern werden wir unter anderem das Thema Vorentwicklung im zweiten Halbjahr 2020 neu definieren – zusammen mit JPCC und mit erweitertem Fokus auf den chinesischen Markt.

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