Smart Factory Day 2020 Smarte Fabrik: „Pflaster kleben“ reicht nicht mehr

Autor: Thomas Günnel

Smarte Technik alleine ermöglicht keine smarte Fabrik – wichtig ist der richtige Ansatz. Was das bei Porsche bedeutet, beschrieb Produktionsvorstand Albrecht Reimold beim heutigen Smart Factory Day.

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Albrecht Reimold, Produktionsvorstand bei Porsche: „Ohne Nachhaltigkeit geht nichts.“
Albrecht Reimold, Produktionsvorstand bei Porsche: „Ohne Nachhaltigkeit geht nichts.“
(Bild: Porsche)

„Wenn Notärzte so vorgehen würden wie wir in der Produktion, wäre das eine oder andere Leben nicht gerettet worden. Es reicht nicht, kurzfristig ein Pflaster zu kleben.“ Albrecht Reimold, Produktionsvorstand bei Porsche, wies in seiner Keynote beim Smart Factory Day bewusst überspitzt darauf hin, was für den Wandel zu smarten Fabriken heute oft noch fehlt: der Ansatz, die gesamte Fertigung als ein System zu begreifen.

„Wir haben zum Beispiel keine Leuchtturmprojekte“, sagte Reimold, „Effizienz ist eine Charakteristik, die immer erfüllt sein muss. Unternehmen die künftig nicht auf Nachhaltigkeit setzen, werden sich selbst das Fundament abgraben.“ Von seinen Mitarbeitern fordert der Vorstand deshalb: „Zeigt mir, wo wir etwas einsparen können!“

Um die smarte Fabrik umzusetzen, brauche es schlanke, „end-to-end“ geplante Prozesse und durchgängig verfügbare und aufbereitete Daten. Praktisch umgesetzt bedeutet das in der Taycan-Fertigung in Zuffenhausen: eine KI-gestützte, wandlungsfähige Fertigung.

Mehr als Digitalisierung und Automatisierung

Dabei gehe es aber nicht darum, mit Technologien die Menschen zu ersetzen, „viel wichtiger ist es, die Menschen mit den Technologien zu vernetzen“, beschrieb Reimold. Das heißt: weiter denken als nur in Digitalisierung und Automatisierung. Beispiel: digitale Produktionsplanung. „Wir konnten neue Anlagen mittels Simulation sehr schnell konzipieren, mit den neuen Techniken sind wir deutlich schneller als früher. Hier mussten unsere Planer umdenken“, sagte Reimold.

Nachhaltigkeit ist nicht nur Umweltschutz, sondern in der Gesellschaft Werte zu schaffen, damit man ein schöneres Leben hat. Ohne Nachhaltigkeit geht nichts.

In der Praxis half zudem die Datenanalyse, eine höhere Effizienz zu erreichen: „Deutliche Effizienzgewinne haben wir mittels Process Mining erreicht; so konnten wir unsere Produktions- und Logistikprozesse genauer analysieren“, sagte Albrecht Reimold. Nur basierend darauf, lässt sich eine sinnvolle Automatisierung erreichen; auch wenn die noch nicht immer reibungslos läuft: „Wir haben ab und zu noch Sorgen mit der übergeordneten Steuerung. Es handelt sich aber um ein hochvernetztes System, bei dem wir noch hinzulernen.“

„Green“ vorleben

Viel Raum räumte der Produktionschef dem Thema „Green“ ein. „Wir wollen eine CO2-neutrale Produktion haben und gestalten dafür zum Beispiel unsere Gebäude entsprechend. Die Fertigung des Taycan und des 911er sind bereits CO2-neutral. Die Reduktion des Treibhausgases beträgt laut Reimold mehr als 90 Prozent“; einen kleinen Rest kompensieren wir“, beschrieb er.

Porsche wurde dafür bereits ausgezeichnet: mit einer Platin-Zertifizierung der DGNB, der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen. „Damit sind wir höher zertifiziert als die DGNB in Stuttgart selbst, das macht stolz.“ Und: „Wenn Sie ‚green’ von Anfang an denken, dann ist es dabei und kostet nicht mehr“, sagte Reimold. Praktische Ansätze abseits der Fertigung fänden sich zum Beispiel in der Logistik: „Wir liefern unsere Modelle bereits mit dem Zug nach China. Das dauert zwei bis drei Wochen, mit dem Schiff etwa sechs Wochen“, erklärte Reimold.

Grundsätzlich gelte aber bei „Green“ genauso wie beim Wandel hin zur smarten Fabrik: „Das Management muss das Ganze vorantreiben. Das geht nur mit Führungskräften, die wissen was sie tun und ihre Mitarbeiter motivieren“, sagte Reimold. „Wer immer nur Methoden ändert, wird immer auf dem selben Level bleiben.“ Viele Impulse kämen aus dem Motorsport, „hier gibt es jeden Tag Veränderungen“.

Kooperationen und eigenes Know-how

Wichtig ist Reimold offen zu sein für Kooperationen und neue technische Möglichkeiten zu nutzen. „Wir haben zum Beispiel kein eigenes Presswerk, arbeiten mit vielen Lieferanten zusammen. Derzeit läuft zudem ein Projekt mit dem Pressenhersteller Schuler für ein digitales Presswerk“, skizzierte Reimold. Außerdem entwickle sein Unternehmen gemeinsam mit Amazon Web Services, Volkswagen und Siemens eine Industrial Cloud.

„Wir haben viel erreicht, aber auch noch sehr viel vor uns. Dafür brauchen wir die Kreativität der Mitarbeiter und unserer Partner.“ Das eigene Know-how dürfe dabei allerdings nicht gänzlich aufgegeben werden: „Sie brauchen Beurteilungskompetenz“, resümierte Reimold, „ohne ist man ein schlechter Partner.“

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Über den Autor

 Thomas Günnel

Thomas Günnel

Redakteur/Fachjournalist, Redaktion AUTOMOBIL INDUSTRIE