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Wirtschaft Studie: Künftig 40 Prozent der Entwicklungskosten für Software

| Autor / Redakteur: Jan Dannenberg* / Lena Bromberger

Im Jahr 2030 werden Automobilhersteller 40 Milliarden Euro für die Software-Entwicklung ausgeben. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Berylls Strategy Advisors.

Volkswagen will mit dem Stromer ID 3 neue Maßstäbe bei Infotainment und Software setzen.
Volkswagen will mit dem Stromer ID 3 neue Maßstäbe bei Infotainment und Software setzen.
(Bild: Volkswagen)

Gut ein Jahr ist es her, dass Deutschlands größter Autobauer Volkswagen ein eigenes Softwarehaus gegründet hat, „Car.Software“ genannt. Bis zum Jahr 2025 sollen 60 Prozent der Software von VW mit circa 10.000 Mitarbeitern inhouse entwickelt werden. Wie wichtig das Thema ist, zeigt sich an den aktuellen Problemen mit dem VW ID 3: Einige Funktionalitäten können erst nach Auslieferung der ersten Fahrzeuge nachgeliefert werden, da der grundlegende Neuaufbau der Elektronik- und Softwarearchitektur des modularen Elektrobaukastens (MEB) komplexer und aufwendiger war als geplant. Und das muss noch vor Ort in der Werkstatt passieren, da auch die „Over-the-air“-Funktionalität fehlt. Die Erstfahrzeugbesitzer werden mit drei kostenlosen Leasingraten entschädigt.

Nicht nur bei Volkswagen fehlen immer noch ausreichend Softwareentwickler und erfahrene Manager. Das kalifornische Unternehmen Tesla ist heute der einzige Automobilhersteller, der von Anfang an auf Automobilelektronik als zentrale Kernkompetenz gesetzt hat. Inzwischen wissen das alle anderen OEMs ebenfalls und bemühen sich, den Rückstand aufzuholen.

Software wächst

Eine aktuelle Studie der Automobilberatung Berylls Strategy Advisors zur Fahrzeugelektronik und -software zeigt: Die Bedeutung für die Fahrzeugindustrie wächst, die Ressourcen für die Entwicklung bleiben knapp. Im Jahr 2019 wurden etwa 140 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung in der gesamten Automobilindustrie ausgegeben. Davon entfielen circa ein Drittel auf die Elektrik und Elektronik inklusive der Software. Bis zum Jahr 2030 werden es gut 40 Prozent sein. Allein die jährlichen Aufwendungen der Software-Entwicklung werden dann laut Berylls-Prognose auf etwa 39 Milliarden Euro angestiegen sein. Die Kosten werden bei knapp 410 Euro je Fahrzeug liegen, also etwa 105 Euro höher als heute.

Es werden mehr als eine dreiviertel Millionen Software-Spezialisten benötigt, um den Bedarf an Neuentwicklungen und Pflege bedienen zu können. Dafür verantwortlich sind mehrere Faktoren. Alle Automobilhersteller arbeiten mit Hochdruck an der Umstellung ihrer Antriebskonzepte. Hybridfahrzeuge, der erste Schritt Richtung Elektrifizierung, haben in den letzten Jahren einige Grundlagen gelegt und das Verständnis für elektrische Antriebe verbessert. Parallel entwickeln alle Automobilhersteller ihre Elektrobaukästen weiter, mit denen sie sukzessive die Verbrenner ablösen werden.

Komplexe Lade-, Entlade- und Speichervorgänge bei E-Motoren zu steuern, hat eine völlig neue Domäne in der Elektronik geöffnet. Zudem muss die Verfügbarkeit von Ladeinfrastruktur in das E-Mobilitätsangebot integriert werden. Das alles sind Felder, bei deren Funktionieren es maßgeblich auf gute Software ankommt.

Austausch mit der Umwelt

Die Konnektivität des Fahrzeugs ist eine weitere Funktionalität, die sich in den kommenden Jahren stark verbessern und eine enorme Steigerung der Rechenkapazität erfahren wird. Ob Datenmanagement in der Cloud, Cyber-Sicherheit, Car-to-X-Kommunikation, HMI (Human-Machine-Interface) mit künstlicher Intelligenz: Konsumenten erwarten das bereits alles – und zwar schon heute. Das alles nahtlos zur Verfügung zu stellen, wird Milliarden an Euro verschlingen und Zehntausende von Softwareentwicklern in den kommenden 20 bis 30 Jahren beschäftigen. Experten sind der Meinung, dass dafür ebenso viele Umfänge außerhalb des Fahrzeugs anfallen wie für das Auto selbst.

Der größte Wachstumstreiber für Software wird allerdings das automatisierte Fahren sein. Berylls prognostiziert eine jährliche Steigerung für Elektrik/Elektronik (E/E) und Software von etwa 15 Prozent pro Jahr in den nächsten zehn Jahren, um Technik bis hin zum Autopilot entwickeln zu können. Denn im Prinzip muss hier ein System entwickelt werden, das die Muskeln, das Nervensystem, die Sinne, das Hirn sowie die darin gespeicherten Erfahrungen und angeborenen Reflexe eines Menschen ersetzt. Wofür die Evolution Jahrmillionen benötigt hat, müssen nun Rechenleistung, Sensoren, Aktuatoren und Software übernehmen.

Neue Anbieter mischen auf

Und gerade die Software ist der alles entscheidende Faktor. Um die richtigen Entscheidungen beim autonomen Fahren zu treffen, sind komplexe Algorithmen auf Basis von Milliarden gefahrener Kilometer notwendig. Das Wissen, in jeder Situation die richtige Entscheidung zu treffen, muss erlernt und in Software übertragen werden. Dass sich seit einigen Jahren nun auch die etablierten Autobauer des Themas annehmen, verdanken wir auch einigen neuen Mobilitätsunternehmen. Damit sind nicht nur BEV-Unternehmen (BEV: Battery Electric Vehicle) wie Tesla, Rivian oder Nio gemeint, sondern auch die Tech-Giganten Google, Tesla oder Microsoft sowie die neuen Anbieter von Mobilitätsdiensten wie Uber, Lyft oder Didi. Die bringen bereits völlig neue Kompetenzen und Geschäftsmodelle in den Mobilitätsmarkt. Auch die weltweit etwa 1.500 Mobilitäts-Start-ups sorgen für frischen Wind und einen hohen Bedarf an Software-Entwicklungsaufgaben.

Im Vergleich zu den beiden letztgenannten Gruppen haben die klassischen OEMs nicht nur den Neuaufbau ihrer E/E-Architekturen zu bewältigen. Sie müssen auch bestehende Systeme in die neue Welt übertragen, da ein Aufbau auf der grünen Wiese für sie nicht möglich ist. Die Bestandsarchitektur und deren Systeme müssen integriert werden. Der Zusatzaufwand dafür ist enorm.

Dr. Jan Dannenberg* ist Partner bei Berylls Strategy Advisors

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