Suchen

Fahrbericht Volvo S60: Die komfortable Sportlimousine

Autor: Jens Scheiner

Volvo will ab diesem Jahr seine Modelle auf eine Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h limitieren. Doch bevor es soweit ist, haben uns die Schweden den S60 mit einem Topspeed von 220 km/h zum Testen überlassen.

Firmen zum Thema

Der Volvo S60 T4 soll mit aufgefrischtem Look und einer Einstiegsmotorisierung mit 140 kW/190 PS den sportlichen Charakter der Limousine unterstreichen.
Der Volvo S60 T4 soll mit aufgefrischtem Look und einer Einstiegsmotorisierung mit 140 kW/190 PS den sportlichen Charakter der Limousine unterstreichen.
(Bild: Jens Scheiner/»Automobil Industrie«)

Was für den deutschen Autofahrer bislang kaum vorstellbar ist, gehört für den Rest Europas schon seit geraumer Zeit zum Alltag: das Tempolimit auf Autobahnen. Während Politik, Umweltverbände und Lobby über Sinn und Unsinn streiten, hat sich ein schwedisch-chinesischer Automobilhersteller bereits entschieden. Ab dem Jahr 2020 will Volvo alle neuen Pkw auf 180 km/h Höchstgeschwindigkeit begrenzen, um ein Zeichen für mehr Sicherheit im Straßenverkehr setzen. Noch sind die Modelle ohne Begrenzer: So auch der S60 T4 mit 140 kW/190 PS – der Einstiegsmotorisierung wohlgemerkt! –und einer Höchstgeschwindigkeit von 220 km/h, den uns Volvo zum Testen überlassen hat.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 9 Bildern

Die Limousine zeigt sich kompromissbereit

Damit unterstreicht der Hersteller den sportlichen Look seiner Limousine. Im Grunde genommen ist das Modell ja eher eine Coupé-Limousine als ein biederes Stufenheck. Die Schweden selbst bezeichnen den S60 als Sportlimousine und da darf eine entsprechende Motorisierung natürlich nicht fehlen. Und der 2,0-Liter starke Vierzylinder-Benziner hat es durchaus in sich: Unter einem kernigen Brummen, das einer Mischung aus V8 und Selbstzünder gleichkommt, zieht das Aggregat bereits bei leichtem Tritt aufs Gaspedal kraftvoll an.

Dabei Schaltet die Achtgang-Automatik die Gänge seidenweich durch. Komfortabel ist im Grunde genommen auch die Fahrwerksabstimmung: Kopfsteinpflaster in der Innenstadt federt er gekonnt weg, wirklich grobe Unebenheiten wie Temposchweller überpoltert er allerdings manchmal etwas ungestüm. Die Lenkung wirkt dabei leichtgängig und mitunter etwas indirekt. Für das Stadtgewusel allerdings genau richtig, speziell beim Rangieren in engen Kurven oder Parkplätzen, weil die Limousine mit knapp 4,80 Meter nicht gerade klein ist.

Moment der Besinnung

Anders verhält sich die Abstimmung im Dynamik-Modus bei spontanen Überholmanövern auf der Autobahn: Beim Kickdown bei Tempo 120 heult der Motor lautstark auf und das Getriebe wirkt mitunter etwas überfordert bis der richtige Gang gefunden ist. Danach schiebt der 1,6 Tonner mit ordentlich Dampf nach vorne, schaltet die Gänge knackig durch und gibt offiziell bei der Höchstgeschwindigkeit von 220 km/h auf. Beim Testen auf der Autobahn haben wir bei Tempo 195 km/h den Gasfuß langsam wieder vom Bodenblech nach oben bewegt. Nicht weil der Verkehr ins Stocken geraten ist, sondern weil bei diesem Tempo der Verbrauch auf über zehn Liter ansteigt. Auf der Landstraße bei Richtgeschwindigkeit hat sich der Verbrauch bei etwa acht Litern eingependelt.

Dank der sportlichen Abstimmung liegt der S60 in diesem Modus stramm auf der Straße, die Federwege sind kurz, Stöße bei Querfugen deutlich spürbar, aber nicht unangenehm. Lenkbefehle werden präzise und direkt befolgt. Hier haben die Ingenieure einen gelungenen Kompromiss aus Sportlichkeit und Komfort gefunden.

Bequem sitzen

Gleiches gilt für den Innenraum: Die Ledersitze sind zwar straff gepolstert, dennoch bequem. Außerdem haben sie eine elektrisch verlängerbare Oberschenkelauflage sowie gut ausgeformte Seitenwangen und halten daher nicht nur in flotten Kurvenfahrten im Sattel, sondern taugen auch für die Langstrecke. Gleiches gilt für die Bestuhlung in der zweiten Reihe, obwohl die Sitzbank sehr tief montiert und die Sitzfläche relativ steil angestellt ist.

Diese Position verhindert allerdings, dass sich die Heckpassagiere aufgrund der coupéförmigen Dachlinie den Kopf stoßen oder die Knie am Vordersitz wundreiben. Durch die tiefe Sitzposition und das relativ kleine Heckfenster fühlt man sich im Fond etwas eingeengt. Abhilfe schafft das optionale Panoramaglasschiebedach, das für ausreichend Tageslicht sorgt und gleichzeitig Fahrgeräusche aus dem Innenraum fernhält. Selbst bei Tempo jenseits der 170 km/h dringt kaum Wind- oder Fahrbahnlärm in das Wageninnere. Insgesamt ist die Verarbeitung des Testwagens tadellos und die Materialauswahl mit Leder, Holz und Aluminium absolut hochwertig. Hier muss sich der V60 kein bisschen vor der deutschen Konkurrenz verstecken.

Infotainment mit Schwächen

Beim Infotainment sieht es allerdings anders aus: Zwar sehen das Zwölf-Zoll große digitale Cockpit sowie das vertikale Neun-Zoll-Display gut aus und fügen sich geschmeidig in die Armatur ein, allerdings ist die Bedienung – wie schon bei anderen Volvo Modellen – gewöhnungsbedürftig und die Logik nicht immer ganz schlüssig. Mit etwas Übung findet man sich etwas besser im teilweise verschachtelten Menü zurecht, allerdings lenkt die Suche manchmal vom Verkehrsgeschehen ab.

Hier kann Volvo mit dem MBUX-Bediensystem von Daimler nicht mithalten, besonders was die Sprachführung angeht. Wir mussten der Dame am Ende der Leitung mehrmals den gewünschten Zielort diktieren, bevor sie die Route berechnet hat. Das Navi mit seiner 3-D-Kartenansicht, dynamischer Zielführung und Echtzeitinfos funktioniert hingegen einwandfrei.

Sichere Assistenten

Auch das Heer an Assistenzsystemen macht einen guten Job, sollte es auch, denn Volvo hatte sich vor einigen Jahren zum Ziel gesetzt, dass ab 2020 in einem neuen Fahrzeug der Marke niemand mehr durch einen Unfall schwer verletzt oder getötet werden soll. Der adaptive Abstandsradar beispielsweise hat im Test hervorragend funktioniert: Das System hat selbständig die Geschwindigkeit und den Abstand zum Vordermann gehalten, eigenständig gebremst und ist im Stau wieder angefahren. Daneben hat der aktive Spurhalteassistent die Limousine unaufgeregt und sicher in der Spur gehalten.

Das Notbremssystem City Safety ist auf unseren Testfahrten zwar nicht zum Einsatz gekommen, dennoch soll es jetzt auch beim Ausweichen einschreiten, wenn ein entgegenkommender Wagen die Mittellinie überfährt. Zudem unterscheidet es nun zwischen Fußgängern, Radlern, Motorradfahrern sowie großen Wildtieren wie beispielsweise Wildschweine, Rotwild, Kühe, Pferde und natürlich Elche. Dafür nutzt das System eine von Delphi entwickelte, kombinierte Kamera- und Radareinheit (RACam), die im oberen Bereich der Windschutzscheibe vor dem Innenspiegel platziert ist. Diese ist allerdings so massiv, dass sie im Praxisbetrieb etwas störte: Wer ungünstig vor der Ampel steht und diese nur erahnen kann, muss sich im Notfall auf das Hupen des Hintermanns verlassen, um bei grün loszufahren.

Für 43.200 Euro bekommt man nicht nur ein schickes, sondern bereits in der Grundausstattung sehr gut bestücktes Fahrzeug, das sich komfortabel bis sportlich bewegen lässt und noch nicht bis 180 km/h begrenzt ist. Setzt man ein paar Kreuze mehr auf der langen optionalen Ausstattungsliste, landet man schnell bei über 60.000 Euro – so wie bei unserem Testwagen.

(ID:46389566)

Über den Autor

 Jens Scheiner

Jens Scheiner

Redaktioneller Mitarbeiter Online/Print, Redaktion AUTOMOBIL INDUSTRIE