Fahrbericht

Was das Hightech-Flaggschiff E-Klasse kann

| Autor / Redakteur: Jens Meiners / Jens Scheiner

Die neue E-Klasse ist einer der größten Wachstumstreiber im Daimler-Konzern und damit das Kernmodell der Schwaben. Wir haben die rundum erneuerte Oberklassen-Limousine als E 220d getestet.
Die neue E-Klasse ist einer der größten Wachstumstreiber im Daimler-Konzern und damit das Kernmodell der Schwaben. Wir haben die rundum erneuerte Oberklassen-Limousine als E 220d getestet. (Bild: Sven Prawitz)

Die neue E-Klasse von Mercedes-Benz möchte sich an die Spitze des Segments setzen. Zumindest technisch scheint das gelungen. Bei den Stückzahlen hat hingegen weiterhin der BMW 5er die Nase vorne.

Sportgrill oder Luxuskühler? Ein stilistisches Detail, das bei echten Daimler-Liebhabern zur Glaubensfrage gerät. Der klassische Kühlergrill mit aufgesetztem Chrom-Ornament ist ein Anachronismus, den man heute eigentlich keinem anderen Hersteller mehr durchgehen lassen würde. Doch das Beharrungsvermögen, mit dem Daimler daran festhält, ist Ausdruck eines kaum zu übertreffenden Selbstbewusstseins – sowie einer Auffassung von Ästhetik, die sich aktuellen Moden kaum unterwirft. Und der Sportkühler? Er ist abgeleitet von den Silberpfeilen der dreißiger Jahre, verweist damit auf eine für Mercedes-Benz höchst erfolgreiche Rennsport-Ära – und ist mit seinem großen, im Vergleich zu früher deutlich gewachsenen Markenlogo ebenfalls durchaus als Provokation zu werten. Gegen Aufpreis installiert Daimler neuerdings eine Beleuchtung. Es sind diese beiden Pole, zwischen denen sich die neue Baureihe W213 bewegt. Es handelt sich um nichts weniger als das Kernmodell der Marke.

Nähe zu Schwestermodellen ist gewollt

Bis zum Marktstart des Mercedes-Benz 190 (Baureihe W201) im Jahre 1982 definierten die Vorgängermodelle der E-Klasse sogar den Einstieg in die Marke; heute positioniert sich das Modell exakt zwischen C- und S-Klasse. Kritikern, die der E-Klasse optische Nähe zu ihren Schwestermodellen vorwerfen, entgegnet Daimler, dass genau dies angestrebt sei. Die neue Linie der Marke, mit der Chefdesigner Gorden Wagener den Geist seines Vorgängers Peter Pfeiffer austreiben will, ist mit der neuen E-Klasse konsequent umgesetzt worden. Dabei wurde die mit der S-Klasse eingeführte Proportion weiterentwickelt und klarer gestaltet. Aus der abfallenden Sicke wird die horizontal geschwungene „Catwalk Line“; die Kontur der vorderen Lufteinlässe wurde nochmals verfeinert und reduziert.

Abermals spreizt Mercedes-Benz das Programm auf – in teils neu definierte Ausstattungslinien. Neben der Basis bleibt es bei Avantgarde und AMG; die luxuriösere Variante heißt jetzt Exclusive und nicht mehr Elegance, womit die Designer und Vertriebsexperten sie deutlich entstauben möchten. In einer wegweisenden Marketingentscheidung verschwindet außerdem das geplante AMG-Sportmodell, das eigentlich auf die Modellbezeichnung Mercedes-Benz E450 AMG hören sollte. Mit der Bezeichnung Mercedes-AMG E43 gehört es nun zur Submarke und figuriert damit als Schwestermodell des später kommenden Mercedes-AMG E63 – ohne dass sich am Umfang der Modifikationen etwas geändert hätte. Nebenbei verabschiedet sich Mercedes-AMG von der dogmatischen „One-Man-One-Engine“-Ideologie.

Interieur als Benchmark

Während das elegante Exterieur keine Überraschung darstellt, ist das Interieur fast eine kleine Sensation. Es lehnt sich in der Formensprache teilweise an die S-Klasse an, ist jedoch mit seinem frei schwebend wirkenden Instrumententräger und ungewöhnlich hochwertigen Materialien vielleicht noch anspruchsvoller ausgefallen. Der Instrumententräger ist in unterschiedlichen Varianten verfügbar: In der Basisversion sitzen klassische Analoginstrumente in einer vertieften, brillenförmigen Aussparung, und es gibt einen kompakten Bildschirm in der Fahrzeugmitte. Die Spitzenvariante verfügt über einen vielfach konfigurierbaren 12,3-Zoll-TFT-Bildschirm und ein ebenso großes Navigationsdisplay. Beide Bildschirme sitzen hinter einer gemeinsamen Verglasung, was dieser Top-Konfiguration unter Entwicklern die schöne Bezeichnung „Große Scherbe“ eingetragen hat.

Daimler hat das Bedienkonzept neu überdacht und deutlich weiterentwickelt. So lässt sich der linke Bildschirm mit einem kapazitiven Sensor auf der linken Lenkradspeiche kontrollieren; der rechte Zentralbildschirm ist über die entsprechende Sensortaste auf der rechten Speiche zu bedienen. Die bisherigen Rändelräder entfallen. Die Vielfalt der Einstellungen wurde übrigens im Endeffekt noch spürbar beschränkt – nachdem die ausgedruckten Diagramme die Aufnahmekapazität der Wände im großzügigen Büro von Chefentwickler Michael Kelz überstieg. Was zum Beispiel herausfiel, war die Möglichkeit, mit den 64 verfügbaren Farben des Ambientelichts auch noch die verschiedenen Innenraumzonen in unterschiedliches Licht zu tauchen.

Wegweisende Elektronik

Die E-Klasse verfügt als erstes Modell über eine komplett neue Elektronikarchitektur, die erst nach dem kommenden Facelift auch in der S-Klasse zum Einsatz soll. Damit lässt sich eine extrem große Bandbreite von Assistenzfunktionen darstellen, die übrigens in einem Komplettpaket namens „Intelligent Drive Professional“ für stolze 12.245 Euro zu haben sind. Zudem ist die Toleranz beim Fahren ohne Lenkradberührung erweitert; im Idealfall muss nur noch alle paar Minuten per Sensortaste zurückgemeldet werden, dass der Fahrer weiterhin Herr der Dinge ist. Bleibt die Rückmeldung aus, schaltet das System nicht etwa abrupt ab, sondern es bringt die Limousine behutsam und kontrolliert in der Spur zum Stehen – nicht ohne den nachfolgenden Verkehr zu warnen. Mit diesem Ansatz unterscheidet sich die E-Klasse deutlich vom Tesla Model S: Dessen teilweise hochgepriesener „Autopilot“ erlaubt es zwar, weitaus längere Strecken ohne Rückmeldung zu absolvieren. Doch er fällt ansonsten hinter das Daimler-System – und auch das der Konkurrenz, etwa von Audi – zurück.

Moderne Antriebe und Leichtbau

Schon zum Marktstart im April kommt die E-Klasse mit einem modernen Selbstzünder: Das intern OM654 genannte, reibungsoptimierte Zweiliter-Aggregat ist Vorbote einer neuen Motorengeneration von Otto- und Dieselmotoren. Diese soll nicht nur Vierzylinder-, sondern auch Sechszylinder-Reihenmotoren umfassen. In diesem Prozess werden der etwas großvolumigere OM651 sowie die aktuell noch verbauten Vier- und Sechszylinder-Motoren sukzessive ersetzt. Von Anfang an bietet Mercedes-Benz alle Motoren mit dem intern NAG3 genannten Neun-Stufen-Automaten an; die Einstiegsmodelle gibt es außerdem mit einem von ZF zugelieferten Sechs-Gang-Handschaltgetriebe. Eigene Schaltgetriebe fertigt Daimler nicht mehr. Start-Stopp ist grundsätzlich Standard. Bis auf den kommenden Mercedes-AMG E63 wird es übrigens keine E-Klasse mit V8-Motor mehr geben – ganz im Gegensatz zu BMW, wo es auch noch in der nächsten Modellgeneration einen 550i mit acht Zylindern geben dürfte. Insgesamt werden die Modelle um rund 20 Prozent sparsamer. Dazu trägt auch die Aerodynamik bei: Mit einem cw-Wert von 0,23 ist die E-Klasse im Segment der Spitzenreiter.

Die E-Klasse verliert Gewicht

Darüber hinaus setzt Daimler mit Nachdruck auf die Hybridisierung: Wegen der neuen Elektronik-Architektur ist die E-Klasse – noch vor der Konkurrenz – 48-Volt-fähig. Der integrierte Starter-Generator wird dabei nicht nur das Anlassen komfortabler gestalten, sondern auch eine Extra-Portion Drehmoment liefern. Bereits kurz nach dem Marktstart der Baureihe kommt ein Plug-in-Hybrid mit Vierzylinder-Ottomotor und Hochvolttechnik, der rein elektrisch deutlich über 50 Kilometer zurücklegen können soll. Durch einen deutlich höheren Anteil von Aluminium und hochfesten Stählen hat Daimler das Gewicht der E-Klasse um rund 70 Kilogramm gesenkt. Motorhaube, Kofferraumdeckel und die vorderen Kotflügel sind aus Aluminium gefertigt, gleiches gilt für zahlreiche Komponenten in Vorder- und Hinterwagen.

Auch wenn die E-Klasse spürbar komfortbetonter als die C-Klasse ausgelegt ist, hat die Fahrdynamik erheblich zugenommen – wie beim kompakteren Schwestermodell ist das nicht zuletzt der Verdienst der präzisen Lenkung. Ansonsten bleibt es bei einer ungewöhnlich großen Bandbreite von Optionen und Charaktereigenschaften: Die Radgrößen reichen von 16 bis 20 Zoll – und neben drei Stahlfahrwerken, von denen die Spitzenvariante mit einer adaptiven Dämpferverstellung ausgerüstet ist, gibt es eine Mehrkammer-Luftfederung mit Niveauregulierung. Damit dürfte die E-Klasse jedem Fahrertypus gerecht werden – ob mit Luxuskühler oder Sportgrill.

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