Elektromobilität Wie Volkswagen Strom zur Erlösquelle machen will

Von Dirk Kunde

Volkswagen macht 2022 die Ladekarte mit Plug & Charge überflüssig. Außerdem können bald einige ID-Modelle bidirektional Laden, also Energie aus der Fahrzeugbatterie an Verbraucher abgeben.

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Ladekarten sollen bei VW im kommenden Jahr überflüssig werden.
Ladekarten sollen bei VW im kommenden Jahr überflüssig werden.
(Bild: Volkswagen)

Ein Software-Update schaltet Elektroautos von Volkswagen im kommenden Jahr für bidirektionales Laden frei. „Alle ID-Modelle mit mindestens 77 kWh Batteriekapazität sind rückwärtskompatibel“, sagt Silke Bagschik, Leiterin Vertrieb und Marketing Baureihe E-Mobility bei Volkswagen, bei einer Veranstaltung im Berliner Drive-Forum des Autokonzerns. Bis zu 60 Prozent der Energiemenge aus der Hochvoltbatterie kann im Haushalt verwendet werden.

Allerdings setzt Volkswagen bei der Stromabgabe aus dem Auto auf Gleichstrom. Das bedeutet: Bisherige Wallboxen sind für bidirektionales Laden (BiDi) ungeeignet. Gleichstrom-Wallboxen sind allerdings deutlich teurer in der Anschaffung. „Wir werden 2023 eine entsprechende DC-BiDi-Wallbox im Programm haben, können aber noch keinen Preis nennen“, sagt Elke Temme, Leiterin des Geschäftsfelds Laden und Energie bei Volkswagen Group Components und CEO von Elli.

Die Entscheidung für Gleichstrom fiel aufgrund der Rückwärtskompatibilität. Die BiDi-Funktion kann in bereits verkauften Fahrzeugen freigeschaltet werden, da Gleichstrom bereits in beide Richtungen fließen kann. Um das für Wechselstrom zu realisieren, hätte Hardware ausgetauscht werden müssen. „In etlichen Ländern Europas bestehen zudem unterschiedliche Netzanschlussrichtlinien“, sagt Martin Roemheld, Vice President der Volkswagen Group Charging. Somit wäre ein Energiefluss mit Wechselstrom im ausländischen Ferienhaus mitunter unmöglich.

Das E-Auto wird zur Powerbank

Zunächst setzt der Konzern auf eine proprietäre Lösung beim bidirektionalen Laden. Die entsprechende Norm (ISO 15118-20) ist noch nicht final verabschiedet. Erst danach dürfte sich ein herstellerübergreifender Standard beim Umgang mit Energie aus dem Elektroauto bilden. So lang wollte Volkswagen nicht warten. Laut „ID3 Early Buyer Studie“ laden 70 Prozent der Kunden zuhause an einer Wallbox.

Bei den 1.000 Befragten stellte sich heraus, dass ein Großteil der Menschen im ländlichen Raum bzw. in Vororten mit eigenem Stellplatz lebt. Das E-Auto als mobile Powerbank vor dem Haus zu nutzen, dürfte für diese Kunden attraktiv sein. Die Garantiedauer für die Batterie ändert sich mit dem bidirektionalen Laden nicht.

„Profit Pools am Energiemarkt erschließen“

„Wir schlagen die Brücke zwischen OEM und Energiewelt“, sagt Elke Temme. Im Jahr 2019 wurden ihr zufolge 6.500 Gigawattstunden erneuerbarer Energie abgeschaltet, weil es im Netz kein ausreichendes Speicherangebot gab. Mit der Energiemenge hätten 2,7 Millionen Elektroautos ein Jahr lang betrieben werden können. Das ist vor allem für Flottenbetreiber interessant, aber auch für den Volkswagen-Konzern, der die Speicherkapazität über alle Marken hinweg bündeln kann. Die Elli-Cloud bildet das Bindeglied zwischen Haushalt, Auto und Stromnetz. Der Konzern erreicht demnächst die Marke von 200.000 E-Fahrzeugen. „Mit einem derartigen Speichervolumen können wir Regelenergieprodukte anbieten und neue Profit Pools am Energiemarkt erschließen“, sagt Temme.

Die Übertragungsnetzbetreiber zahlen gut für kurzfristige Abnahme von Energie als auch deren Bereitstellung, so dass Netzstabilität gewährleistet wird. „Wir machen hier den ersten Schritt einer neuen Reise“, erklärt Roemheld. Energiespeicher als auch steigende Ladeleistungen sieht er als Differenzierungsmarkmal zum Wettbewerb. In der ID-Baureihe wurde die verfügbare Reichweite mit dem Update auf Version 3.0 leicht erhöht. Ein kommendes Update erhöht die Ladeleistung bei der 77 kWh Batterie von 125 auf 135 kW. Bei der GTX-Version des ID 5 sind sogar 150 kW möglich. Das spart bei einer Ladung von 5 auf 80 Prozent bis zu neun Minuten Ladezeit. Auf die Frage nach einem 800-Volt-System in der ID-Reihe bleibt Roemheld wage: „Es wird nicht auf Dauer bei 400 Volt bleiben.“

Plug & Charge kommt

Silke Bagschik geht es um den Komfort beim E-Auto-Fahren. Plug & Charge ist ein Aspekt. Im Laufe des Jahres 2022 kann die Wecharge-Ladekarte immer öfter beim Laden im Geldbeutel bleiben. Die Ladestationen von Ionity, Aral, BP und E.ON unterstützen eine automatisierte Freischaltung und Abrechnung des Ladevorgangs. Im ersten Schritt ist nur ein Ladezertifikat im Fahrzeug vorgesehen. Wer zwischen privater und beruflicher Ladekarte trennt, muss über die App das Zertifikat wechseln. Mittelfristig wird der Fahrer mehrere Zertifikate im Auto hinterlegen können und wählt im Fahrzeugdisplay aus, über welchen Vertrag der Ladevorgang abgerechnet wird.

Elli bündelt bereits heute über 270.000 öffentliche Ladepunkte in Europa. Kunden mit Wecharge-Ladekarte, dem Skoda Power Pass, Cupra Easy Charging und weiteren Konzernangeboten können entlang der Autobahnen sowie in Innenstädten. Bis 2025 wird Volkswagen sein Ladenetzwerk von derzeit rund 6.000 auf 18.000 HPC-Ladepunkte erweitern. Das geschieht mit Partnern wie Ionity, BP, Enel X und Iberdrola. Weltweit sollen es 45.000 HPC-Ladepunkte. werden. In den USA und Kanada ist Volkswagen bereits mit Electrify America der größte Schnellladeanbieter. In China betreibt VW ein Joint Venture unter dem Namen Cams mit geplanten 17.000 HPC-Ladepunkten.

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