Roland Berger-Studie

Autonom Fahren: Wird Deutschland abgehängt?

| Autor: Svenja Gelowicz

OEMs, Zulieferer und Tech-Unternehmen liefern sich ein Rennen, wer die ersten hochautomatisierten Fahrzeuge für den Stadtverkehr auf den Markt bringt.
OEMs, Zulieferer und Tech-Unternehmen liefern sich ein Rennen, wer die ersten hochautomatisierten Fahrzeuge für den Stadtverkehr auf den Markt bringt. (Bild: Ford)

Amerikanische und deutsche OEMs sind nach wie vor führend beim autonomen Fahren. Doch: Will Deutschland mit anderen Nationen auf Augenhöhe bleiben, muss die Gesetzgebung mit der Entwicklung Schritt halten.

Der Großteil der Hersteller nennt einen Zeithorizont von zehn Jahren: Bis dahin soll autonomes Fahren – also Level 5 – realisiert werden. Dass man sein Robo-Taxi per Knopfdruck rufen und sich von ihm autonom von A nach B bringen lassen kann, könnte schon in drei Jahren für erste Testpersonen realistisch sein. Das verspricht Volkswagens Chief Digital Officer Johann Jungwirth zumindest. Der Ex-Mercedes- und Ex-Apple-Mann will ab 2021 erste Level-5-Fahrzeuge in einer Art im Großversuch auf der Straße haben.

Beim Thema autonomes Fahren sind amerikanische und deutsche Hersteller nach wie vor weltweit führend. Für die Zukunft wird allerdings entscheidend sein, wie die Regierungen der Länder die Rahmenbedingungen für Testflotten und die Serienzulassung von autonomen Fahrzeugen gestalten. Denn bei der Weiterentwicklung der Technologie geht es vor allem um den Fahrzeugtest unter realen Bedingungen – und das macht diesen Aspekt zu einem wichtigen Kriterium für die Attraktivität eines Standorts.

Vergleich der Wettbewerbspositionen weltweit führender Automobilnationen im Bereich automatisierter Fahrzeuge.
Vergleich der Wettbewerbspositionen weltweit führender Automobilnationen im Bereich automatisierter Fahrzeuge. (Bild: Roland Berger/Fka)

Zu diesem Schluss kommt die neue Ausgabe des „Index Automatisierte Fahrzeuge“, für den Roland Berger und die Forschungsgesellschaft Kraftfahrwesen Aachen (Fka) regelmäßig die Wettbewerbspositionen der relevanten Automobilnationen analysieren.

Das Rennen nimmt Fahrt auf

„Im vergangenen Jahr haben sich die Aktivitäten rund um das Thema automatisiertes Fahren nochmal deutlich verstärkt“, erklärt Wolfgang Bernhart, Partner von Roland Berger. „Jetzt liefern sich OEMs, Zulieferer und Tech-Unternehmen ein Rennen, wer die ersten hochautomatisierten Fahrzeuge für den Stadtverkehr auf den Markt bringt.“

Das Angebot an Fahrerassistenz-Funktionen ist bei fast allen Herstellern gewachsen. Dabei behalten die deutschen OEMs ihre Führungsposition bei: Sie bieten mittlerweile in fast allen Fahrzeugklassen entsprechende Systeme an, während die meisten anderen Hersteller ihr Angebot auf bestimmte Klassen oder spezifische Funktionen beschränken.

Interaktive Grafik: Umfrage – Technologieführer für autonomes Fahren

Doch entscheidend für den Vorsprung im Rennen um das vollautonome Fahren ist, dass die Technologien im realen Straßenverkehr entwickelt und erprobt werden, denn: Die Algorithmen der Fahrzeuge müssen trainiert werden. „Das kann zwar zu mehr als 95 Prozent in virtuellen Umgebungen erfolgen, doch reale Testflotten sind weiterhin notwendig“, so Christian Burkard von Fka. Und: Je früher die Systeme kommerziell in Flotten eingesetzt werden, desto schneller könnten sie weiterentwickelt werden. Dadurch entstehe ein sich selbst verstärkender Effekt, der genutzt werden kann, um eine dominierende Marktposition aufzubauen.

USA-Gesetzgebung unterstützt Führungsrolle des Landes

Besonders erfolgreich in dieser Hinsicht sind laut Roland Berger die amerikanischen Hersteller, unterstützt durch die regulatorischen Rahmenbedingungen: Im Gegensatz zu Deutschland und Europa erlaubten die gesetzlichen Vorgaben in den USA bereits heute einen kommerziellen Einsatz des hochautomatisierten Fahrens. Bernhart: „Durch unkomplizierte Zulassungsverfahren werden Testflotten möglich, die mehrere hundert Fahrzeuge umfassen – ein Vielfaches gegenüber dem, was in Europa angedacht ist.“

Aktuell und künftig zu Test- und Entwicklungszwecken auf öffentlichen Straßen eingesetzte hoch- und vollautomatisierte Fahrzeugflotten (aktueller Veröffentlichungsstand der Marktteilnehmer, Stand Q4/2017).
Aktuell und künftig zu Test- und Entwicklungszwecken auf öffentlichen Straßen eingesetzte hoch- und vollautomatisierte Fahrzeugflotten (aktueller Veröffentlichungsstand der Marktteilnehmer, Stand Q4/2017). (Bild: Fka/Roland Berger)

Daher dürfte ein Großteil der bereits laufenden oder geplanten Tests in den USA stattfinden, wodurch die dortigen Hersteller ihre führende Position in diesem Technologiefeld weiter ausbauen und die Ansiedlung von Hightech-Unternehmen gefördert werden dürften.

Deutsche Gesetzgebung muss Schritt halten

Deutschland werde seine Vorreiterrolle als Technologie- und Wissensträger vorerst weiterhin behalten, prognostizieren die Studienautoren. Das sei jedoch keine Garantie dafür, dass das Land auch bei der hochautomatisierten Mobilität vorne mitspielen werde. „Die Gesetzgebung muss mit der Entwicklung Schritt halten, wenn Deutschland beim Thema automatisiertes Fahren mit den USA auf Augenhöhe bleiben will“, warnt Fka-Experte Burkard. Die Anpassung des Straßenverkehrsgesetzes im Frühjahr 2017 weise die richtige Richtung, allerdings erlaubt sie bei weitem noch keinen Durchbruch zur vollständigen Automatisierung auf öffentlichen Straßen.

Dazu kommt: China verbietet zwar derzeit noch das Testen automatisierter Fahrzeuge auf öffentlichen Straßen. Doch es ist bereits ein Gesetz in Arbeit, das die Rahmenbedingungen und Anforderungen dafür definieren soll. „Wenn es in China zu einer Lockerung kommt, kann sich das Rennen um die Führungsrolle beim automatisierten Fahren sehr schnell verschärfen“, warnt Wolfgang Bernhart.

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