Autonomes Fahren

Blickfeld: Ein Start-up denkt Lidar neu

| Autor: Svenja Gelowicz

Die Gründer (v. li.): Rolf Wojtech, Florian Petit, Mathias Müller. Das Lidar-Start-up sitzt in München.
Die Gründer (v. li.): Rolf Wojtech, Florian Petit, Mathias Müller. Das Lidar-Start-up sitzt in München. (Bild: Simon Vorhammer)

Der Megatrend autonomes Fahren bringt viel Wettbewerb um die benötigten Schlüsseltechnologien. Ein Teilnehmer ist „Blickfeld“: Das Münchner Start-up hat eine spezielle Lidar-Technologie entwickelt – und will die schon bald mit Tier-1-Zulieferern als Produkt auf den Markt bringen.

Eigentlich, gibt CFO Florian Lenz zu, ist die Blickfeld GmbH ein Klischee-Start-up: Es gibt Tischkicker, Bierkästen, Fußballabende und Hoverboards, auf denen die Mitarbeiter, hauptsächlich Mittzwanziger, durch die Gänge gleiten. Eigentlich aber auch nicht. Denn nur wenige Start-ups überzeugen Investoren so schnell wie die Gründer aus München – und können sich deshalb über eine Finanzspritze von satten 3,6 Millionen Euro freuen. Blickfelds Geldgeber sind Fluxunit, High-Tech Gründerfonds, Tengelmann Ventures und Unternehmertum Venture Capital Partners.

Blickfeld sitzt in München

Die Vision von Blickfeld ist die nächste Generation an autonomen Fahrzeugen, also Level 4 und 5. Eine Schlüsseltechnologie dafür sind Lidar-Systeme. Solche laserbasierten 3-D-Sensoren entwickelt Blickfeld – und hat sich dafür schon rund 20 Patente gesichert. „Als Robotiker weiß ich, dass eines der zentralen Probleme die Umfeldperzeption ist“, erzählt Florian Petit, 35. Mit seinen Freunden, dem Optikexperten Dr. Mathias Müller, 37, und dem Software-Spezialisten Rolf Wojtech, 37, hat er deshalb vor einem Jahr Blickfeld gegründet.

Die drei kennen sich vom Studium. Sie segelten schon zusammen über den Atlantik, heute haben sie ein Unternehmen. Von einem Keller ging es in einen Münchner Bürokomplex, dort arbeitet ein mittlerweile 30-köpfiges Team. Es gibt vier Tech-Abteilungen: Optik, Elektronik, Software und MEMS (Micro-Electro-Mechanical Systems), dazwischen irgendwo im Gang ein mannshoher Siemensstern; selbstgezimmert aus Sperrholzplatten.

Spiegel und Software

Blickfelds Sensor liefert hochauflösende 3-D-Umgebungsdaten, damit sollen Autos sehen. So weit, so gut. Was kann das Lidar-Start-up nun besser als die zahlreichen Wettbewerber, die sich vor allem im Silicon Valley tummeln und teils Fundings von dreistelligen Millionenbeträgen haben? „Unser Herzstück ist die Strahlablenkungseinheit“, sagt Robotik-Spezialist Florian Petit. „Diese MEMS-Einheit ist in Silizium gefertigt, man kann sie relativ günstig in großen Stückzahlen produzieren.“ Die Strahlablenkungseinheit – ein Spiegel – wird von einer speziellen Software angesteuert; das ist schwierig, genauso, wie die vielen Daten auszulesen. „Wir produzieren etwa eine Million Datenpunkte pro Sekunde“, erklärt Florian Lenz.

Blickfeld nutzt bei den meisten Komponenten Commodity, zum Beispiel für Laser oder Detektoren. „Unser System ist sehr leistungsfähig, aber auch skalierbar und dadurch massenproduzierbar. Das ist ein Riesenvorteil, denn dadurch können wir günstig ein performantes Lidar-System aufbauen“, sagt Petit. Die Entwicklung laufe gut, jetzt sollen Feldtests mit Fahrzeugen starten. Das Ziel: Die Technologie validieren und hin zu einem Produkt fertigstellen. Dabei arbeitet Blickfeld mit Tier-1-Zulieferern zusammen. Die von den Autoherstellern geforderten großen Stückzahlen will Blickfeld mit deren Hilfe produzieren.

Im Labor von Blickfeld

Geschäftsführer Mathias Müller sitzt konzentriert am Schreibtisch. Neben ihm steht der Prototyp, gut sichtbar ist die Strahlablenkungseinheit. Müller tippt Softwarecode in den Computer, der Spiegel fängt an zu vibrieren, mehr passiert augenscheinlich nicht. „Das sieht unspektakulär aus, aber damit fahren Autos autonom“, sagt er. Der Spiegel lenke den Laser kontrolliert ab, es gibt keine mechanischen Teile, keine Lager, Achsen, Motoren – nichts was kaputt gehen kann, so der Physiker. Das System sei dadurch wartungsfrei. „Deshalb ist das für die Autoindustrie sehr interessant“, ergänzt Müller. Er selbst habilitiert am Lehrstuhl für Messsystem- und Sensortechnik der TU München, etwa zehn Mitarbeiter sind Bacheloranden oder Masteranden, die er betreut – die Nähe zur Universität sei ein klarer Vorteil.

Blickfeld braucht wieder Geld

Blickfelds System ist aktiv und der Laser im infraroten Bereich kann auch Nachtfahrten. „Umso stärker etwas reflektiert, desto einfacher ist es zu erkennen“, fasst Lenz zusammen; ein schwarzer Gummireifen auf der Straße ist der Härtefall schlechthin. Die Elektronik, um den Spiegel anzusteuern, ist noch in einem schwarzen Koffer, in etwa zwei Jahren soll sie auf einen kleinen Chip passen. Blickfeld hat große Pläne, und dabei ist klar: Die Münchner brauchen wieder Geld. Die Massenproduktion sei kapitalintensiv, sagt auch Petit, ohne Investoren gehe es nicht. Und sie wollen sich am Markt etablieren: „Wir wollen weder unsere Firma noch unsere Technologie verkaufen“, sagt Florian Petit deutlich.

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