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Fahrbericht Cadillac CT6: die US-S-Klasse

Autor / Redakteur: Peter Eck/SP-X / Jens Scheiner

Cadillac will zurück in die obere Luxusliga. Helfen soll dabei ein neuer S-Klasse-Konkurrent, der in Deutschland erstmals im Herbst 2016 vorgestellt wurde.

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Mit dem 5,18 Meter langen CT6 will Cadillac gegen die deutschen Luxuslimousinen antreten.
Mit dem 5,18 Meter langen CT6 will Cadillac gegen die deutschen Luxuslimousinen antreten.
(Bild: Cadillac)

Als Amerikaner hat man es in Europa schwer und das ist jetzt völlig unpolitisch gemeint. Aber wer fährt hier schon einen Cadillac? Dabei ist die große Luxus-Limousine ein überraschend agiles Auto geworden. Und beim Trinken geht es ihm so wie uns: Es ist im Laufe der Zeit doch deutlich weniger geworden. Mr. Trump meinte ja letzthin, in Europa und speziell in Deutschland eher wenige Chevrolets auf den Straßen zu sehen. Mal abgesehen davon, wann wohl der Geschäftsmann mit Nebenjob „Präsident“ zum letzten Mal auf einer hiesigen Autobahn oder gar in einer Großstadt gewesen sein mag – es gibt durchaus noch eine sechsstellige Anzahl Chevrolets auf deutschen Straßen; Modelle wie der Kleinwagen Spark oder der kompakte Cruze waren ja keine Ladenhüter. Aber schließlich hat sich die ur-amerikanische Marke 2014 zugunsten von Opel freiwillig aus Deutschland und später sogar aus ganz Westeuropa zurückzogen.

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S-Klasse und 7er BMW im Visier

Viel seltener als einen Chevrolet sieht man hierzulande dagegen einen Cadillac, jenen vielbesungenen Inbegriff eines amerikanischen Luxusautos. Doch, die Marke gibt es noch und sie ist in Nordamerika durchaus nicht selten im Straßenbild anzutreffen. Und auch in Deutschland kann man einen Cadillac ganz offiziell erwerben, also ohne einen Privatimporteur bemühen zu müssen. Und damit übrigens gleichzeitig seinen Beitrag leisten, zum von interessierter Seite ständig angemahnten Ausgleich der deutsch-amerikanischen Handelsbilanz. Warum also nicht mal einen Cadillac, dachten wir uns? Und – wenn schon, denn schon – dann auch gleich die Top-Limousine, denn der CT6 will ja schließlich gegen die deutsche Elite namens S-Klasse oder 7er BMW reüssieren. Da darf er gleich mal zeigen, ob er was und was er kann.

Seit Herbst vergangenen Jahres gibt es die 5,18 Meter lange Limousine also in Deutschland zu kaufen. Und wie es sich gehört, verzichten die Amerikaner nicht nur und wenig überraschend auf einen – in der Heimat sowieso unverkäuflichen – Diesel, sondern auch auf jegliche elektrische Unterstützung für den Sechszylinder-Benziner. Wozu auch eine Batterie mitschleppen, wenn man doch drei Liter Hubraum unter der Haube hat?

Gut abgestimmtes Fahrwerk

Und der Twinturbo ist beileibe kann Säufer nach alter US-Manier, sondern ein modernes Aggregat, sogar mit Zylinderabschaltung. Klar, 11,2 Liter Testverbrauch, Norm: 9,8 Liter, sind nicht wirklich sparsam, aber insgesamt und angesichts von 417 PS doch in Ordnung. Ein dickes Lob gibt es zudem für das prima abgestimmte Fahrwerk, dank dem sich der CT6 trotz 20-Zoll-Rädern überraschend agil und komfortabel bewegen lässt. Das dürfte auch am geringen Leergewicht liegen. Fast zwei Drittel der Karosserie bestehen aus Leichtmetall, der CT6 wiegt nur 1,95 Tonnen. Das ist deutlich weniger, als etwa eine ähnlich motorisierte S-Klasse auf die Straße bringt. Schade, dass die Lenkung diese Dynamik dem Fahrer nicht richtig vermitteln kann, dafür gibt sie einfach zu wenig Rückmeldung. Wiederum auf der Höhe der Zeit zeigt sich dagegen die Achtgang-Wandlerautomatik, nur in einigen Situationen, zum Beispiel beim Anfahren, neigte sie zu leichtem Ruckeln.

Undurchsichtiges Infotainmentmenü

Auch der serienmäßige Allradantrieb trägt zum überraschend sportlichen Auftritt des Modells bei. In der Normalstellung werden 60 Prozent des Drehmoments an die Hinterachse geleitet, 40 Prozent nach vorne. Stellt man auf Sport-Modus werden 20 Prozent von vorne nach hinten abgezweigt. So lässt sich der Caddy mit viel Fahrspaß bewegen, ohne dass er seine Langstreckentauglichkeit einbüßen würde. Zu der übrigens die dicken Ledersitze mit Massagefunktion ihren Teil beitragen. Auch die Instrumentierung im Innenraum überzeugt überwiegend, lediglich durch die nicht immer einer Logik folgenden Funktionen des großen Touchscreen-Monitors muss man sich erst einmal durcharbeiten. Ach ja, beim Urlaubsgepäck ist Vorsicht angebracht. Der Kofferraum bietet mit 433 Litern doch zu wenig Stauraum. Hier hat man wohl einige Zentimeter Tiefe für die Fondpassagiere abgezweigt, denn die sitzen richtig gut.

Optisch ist der CT6 ein Statement und zeigt mit seinen messerscharfen Bügelfalten und dem riesigen Kühlergrill typisch amerikanisches Selbstbewusstsein. Wo die deutschen „Premiums“ auf Zurückhaltung größten Wert legen, geht der Amerikaner viel unbekümmerter zu Werke und signalisiert: Mein Fahrer hat es geschafft und jeder darf und soll es sehen.

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Luxus hat seinen Preis

Was man übrigens nicht erwarten darf ist ein Dumping-Preis. Es gibt eine ganz gut ausgestattete Luxury-Version für 73.500 Euro. Das ist ein gutes Angebot. Richtig Spaß macht aber eigentlich nur die von uns gefahrene Platinum-Variante. Für satte 21.000 zusätzliche Euro ist hier alles an Bord: vom in drei Stufen einstellbaren Fahrwerk namens Magnetic Ride, über eine aktive Hinterachslenkung, elektrische Liegesitze hinten und Head-up-Display bis zur Bose-Soundanlage mit 34 Lautsprechern und noch einigem mehr. Und wie man in Europa Geld verdient haben die Amerikaner schon immer gewusst: Alle Farben sind aufpreisfrei, solange es sich um den schwarzen Basis-Lack handelt. Alle anderen Töne kosten zwischen 750 und 1.500 Euro Aufpreis.

Die Oberklasselimousine gab auch den Startschuss für eine neue Cadillac-Nomenklatur: Künftig sollen alle Baureihen mit Ausnahme des Luxus-SUV Escalade nach dem Generationswechsel die Buchstaben „CT“ sowie eine Ziffer tragen, die ihrer Position in der Modellhierarchie der Marke entspricht. Verantwortlich für die Umbenennung ist der neue Cadillac-Chef Johan de Nysschen, der Mitte des Jahres 2014 vom japanischen Konkurrenten Infiniti kam. Auch dort hatte er die hergebrachte alphabetische Terminologie durch eine Kombination aus dem Buchstaben „Q“ mit einer hierarchieabhängigen Zahl etabliert. Cadillac hatte nach dem Auslaufen des DTS im Jahr 2011 kein echtes Oberklassemodell mehr im Angebot. Größte Limousine war der wahlweise mit Front- oder Allradantrieb erhältliche XTS, der jedoch eher in der oberen Mittelklasse beheimatet ist.

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