Reifen Continental entwickelt Polyestergarn aus alten Plastikflaschen

Autor: Jan Rosenow

Rund 400 Gramm Polyester stecken in der Karkasse eines Pkw-Reifens. Das bisher aus Erdöl hergestellte Material will Conti zukünftig durch einen Recyclingwerkstoff ersetzen. Und es gibt noch mehr Entwicklungen auf diesem Gebiet.

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Reifenproduktion bei Continental: Bis 2050 sollen alle Werkstoffe aus nachhaltigen Quellen kommen.
Reifenproduktion bei Continental: Bis 2050 sollen alle Werkstoffe aus nachhaltigen Quellen kommen.
(Bild: Raphael Sprenger)

Bis spätestens 2050 will der Reifenhersteller Continental seine Produkte zu 100 Prozent aus nachhaltig erzeugten Materialien produzieren. Auf diesem Weg ist das Unternehmen nun wieder ein Stück vorangekommen: Continental will ab 2022 in seiner Reifenproduktion Polyester einsetzen, das aus recycelten Kunststoffflaschen gewonnen wird. Dadurch kann herkömmliches, petrochemisch hergestelltes Polyester vollständig ersetzt werden.

Polyestergarn ist ein Bestandteil der Reifenkarkasse und sorgt für die Formstabilität des Pneus. In einem Pkw-Reifen sind etwa 400 Gramm dieses Kunstfasermaterials enthalten. Das neue, nachhaltige Polyestergarn wird über einen mechanischen Prozess aus sogenannten PET-Flaschen gewonnen; PET steht kurz für Polyethylenterephthalat.

Gemeinsam mit seinem Kooperationspartner und Lieferanten OTIZ, einem Faserspezialisten und Textilhersteller aus China, hat der Reifenhersteller eine Technik entwickelt, um PET-Flaschen ohne chemische Zwischenschritte wiederaufzubereiten und das Polyestergarn für die hohen mechanischen Anforderungen des Reifens funktionsfähig zu machen. Damit erreichen die Entwicklungspartner sogar ein Upcycling, sprich aus einer simplen Getränkeverpackung wird ein hochwertiger Konstruktionswerkstoff.

Sekundärrohstoff so leistungsfähig wie das Original

Im Rahmen des Recyclingprozesses werden die Flaschen zunächst sortiert, die Verschlusskappen entfernt, und schließlich werden die Flaschen maschinell gereinigt. Nach einer mechanischen Zerkleinerung werden sie eingeschmolzen und granuliert; es folgen die Festkörper-Polymerisation und ein modifizierter Spinnprozess.

Bisherige Labor- und Reifentests von Continental zeigen, dass Fasern aus Sekundärrohstoffen ebenso leistungsfähig sind wie die bisher verwendeten Fasern. Sie haben die gleiche Qualität wie PET-Neuware, sind ebenso stabil und aufgrund ihrer Bruchfestigkeit, Zähigkeit und thermischen Stabilität besonders gut für Reifen geeignet.

Gummimehl wird ebenfalls in Reifen wiederverwendet

Polyester aus PET-Flaschen ist indes nicht der einzige Recyclingwerkstoff, den Continental in der Reifenherstellung verwendet. Das sogenannte Raumehl, das im Runderneuerungsprozess von Lkw-Reifen anfällt, ist als sogenanntes Reclaim-Material Bestandteil neuer Gummimischungen. Mit experimentellen Verfahren wie der Devulkanisation oder der Pyrolyse lässt sich Gummi zudem in andere Sekundärrohstoffe aufspalten. Ziel in der Reifenindustrie ist ein geschlossener Werkstoffkreislauf, in dem möglichst viel Altreifenmaterial in der Produktion neuer Ware wiederverwendet wird.

Die höchste Form des Recyclings ist allerdings die Weiterverwendung. Deshalb prüft Continental auch den Einstieg in die Runderneuerung von Pkw-Reifen. „Insbesondere untersuchen wir dabei, wie nah man mit einem Runderneuerungsprozess an die Eigenschaften eines Pkw-Neureifens herankommen kann“, erklärte das Unternehmen auf Anfrage unseres Schwestermagazins »kfz-betrieb«.

Keine Rückschritte durch Recycling

Wichtige Kriterien hierbei sind der Rollwiderstand und die Hochgeschwindigkeitseigenschaften. Denn eines ist klar: Rückschritte bei sicherheitsrelevanten Eigenschaften wie Bremsleistung und Traktion kann sich kein Premiumhersteller leisten. Doch das Umweltschutzpotenzial ist groß: Durch die Runderneuerung können nicht nur große Mengen an Rohstoffen eingespart werden, sondern auch bis zu 70 Prozent Energie.

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Ressortleiter Service & Technik, Vogel Communications Group