Historie

Dale – eine gescheiterte Revolution

| Autor / Redakteur: Jens Meiners / Nayomi Polcar

Das Revolutionsauto Dale aus den 70er Jahren sollte die Automobilindustrie verändern.
Das Revolutionsauto Dale aus den 70er Jahren sollte die Automobilindustrie verändern. (Bild: www.gtspirit.de)

Die gesamte Autobranche befindet sich im Wandel. Das Thema der totalen Revolution in der Automobilindustrie stand schon einmal bereit. Leider nahm die Geschichte des damaligen Revolutionsfahrzeugs Dale kein gutes Ende.

Die Autoindustrie, so scheint es, befindet sich in einer Zeit des Umbruchs. Die traditionellen Marken stehen unter Beschuss, der „Dieselskandal“ stürzt die Titanen der Branche in tiefe Verunsicherung. Zumal die Zukunft um die Ecke steht. Aggressive, innovative Player, privat finanziert, stehen bereit, den Stab von den Dinosauriern zu übernehmen. Doch während die Presse schon drei Schritte weiter ist, würdigt nicht jeder zahlende Kunde die grandiosen Neuheiten. An diesem Punkt waren wir schon einmal.

Die Automobilhistorie ist reich an solchen Beispielen. So scheiterten die Sportwagenhersteller Malcolm Bricklin und John DeLorean mit ihren Flügeltürern, obwohl sie doch – mit geradezu altruistischem Impetus – die „sichersten“ Autos der Welt bauen wollten. Das schillerndste Projekt von allen war jedoch der Dale. Scheiterte er Anfang der Siebzigerjahre an Zweiflern? Werfen wir einen Blick zurück.

Die Geschichte des Dale

Der Dale war das Ergebnis einer Symbiose: Der Ingenieur Dale Clifft traf mit einem selbstkonstruierten Dreirad auf die Unternehmerin Liz Carmichael, die sofort die Genialität seines Konzepts erkannte. Die Charismatikerin stammte aus einfachen Verhältnissen und hatte sich angeblich bis zur NASA-Ingenieurin nach oben gearbeitet. Später kamen weitere faszinierende Facetten ihrer Biographie ans Tageslicht: Ihr Geburtsname lautete (Mr.) Jerry Dean Michael. Zitat: „Ich bin ein Genie“.

Das Konzept des Dale war von verblüffender Einfachheit: Man verzichtete einfach auf ein Hinterrad und setzte auf ein einfaches Package mit genügend Platz für die Passagiere. Für Vortrieb sorgte ein BMW-Motorrad-Motor. Genau das richtige, so glaubte man, für den Verkehr der frühen Siebzigerjahre – und den Verkehr der Zukunft.

Fahrdynamik und Design

Vorn dabei: Der Dale setzte mit niedrigem Gewicht und BMW-Maschinen auf Dynamik. Mittlerweile ist es Allgemeingut: Neue Technologien verlangen nach einem gewissen „Coolness-Faktor“, sie dürfen keinen Verzicht bedeuten. Unterhalb des Claims „schnellstes Auto der Welt“ geht es heute kaum noch.

Wo die etablierten Hersteller auf überladene, feinziselierte Formen setzten, bewies der Dale schon in den frühen Siebzigerjahren Mut zu puristischem Design. Die Kunststoff-Karosserie wirkte authentisch, und der Verzicht auf den Kühlergrill verweist bereits auf die elektrisch angetriebenen Design-Ikonen der Gegenwart.

Das sicherste Auto der Welt

Der Dale, so die Eigendarstellung, war das sicherste Auto der Welt. Dafür sorgte das steife Chassis und die stabile Karosserie. „Sie können kein sichereres Auto fahren“, beteuerte die Verkaufsbroschüre, behauptend, das 500-Kilo-Gefährt könne „ein Vierfaches der Crash-Energie eines Cadillac“ aufnehmen.

Heute setzen aufgeklärte Unternehmenslenker auf den Elektroantrieb, Carmichael beschäftigte sich noch mit hocheffizienten Verbrennungsmotoren. Mit einem Verbrauch von sage und schreibe nur 3,4 Litern pro 100 Kilometer spreizte sich der Dale als Rettung für die gebeutelte Umwelt.

Gleiche Plattform für mehrere Karosserien

Die Einfachheit der Architektur erlaubte es, mehrere Karosserien auf die gleiche Plattform aufzusetzen. Neben dem flachen, sportlichen Grundmodell war eine geräumigere Variante namens Revelle geplant, darüber hinaus sollte es den Achtsitzer Vanagen geben – einen Crossover. Weniger als 2.000 Dollar sollte der Dale kosten, die Broschüre spezifizierte darüber hinaus eine 30-Monats-Garantie für 100 Dollar. Heute fordert die Inflation ihren Tribut, für einen modernen Dale würden wohl 35.000 Dollar aufgerufen.

Der Revelle sollte eine geräumigere Variante des Dale werden.
Der Revelle sollte eine geräumigere Variante des Dale werden. (Bild: www.gtspirit.de)

Im Küstenstaat Kalifornien herrschen ideale Bedingungen für innovative Unternehmer. Nur in diesem Umfeld kann sich die Kreativität entfalten, um die Mächtigen und Ewiggestrigen herauszufordern. Liz Carmichael hat dies bereits früh erkannt: Die Firmenzentrale war in Burbank nahe Los Angeles beheimatet. Wortgewaltig kündigte sie von dort aus an, die Autoindustrie vom Kopf auf die Füße zu stellen: „Ich werde die Autoindustrie wie eine Queen anführen“. Der Chicago Sun-Times erzählte sie, sie sei „auf Kollisionskurs“ mit der Autoindustrie, die der Öffentlichkeit „seit 30 Jahren“ nichts neues geboten habe – „vielleicht mit Ausnahme des Automatikgetriebes.“

Die Presse ist begeistert vom Dale

Kein Wunder, dass der Dale viele Skribenten überzeugte – nicht nur aufgrund seiner Produkteigenschaften, sondern auch wegen der Vision, die er symbolisierte: Der Vision einer besseren, effizienteren Zukunft, in der man keinen Dogmen folgt, sondern sich unvoreingenommen auf Neues einlässt. In der Chicago Sun-Times pries Dan Jadlicka das Fahrzeug: „Was Amerika braucht, ist ein Dreiliter-Auto, das weniger als 2.000 Dollar kostet und wenig Wartung benötigt.“ Und fuhr kühn fort: „Die Twentieth Century Motor Company, die nicht glaubt, dass Detroit ein gottgegebenes Recht darauf habe, Autos zu bauen, hat so ein Fahrzeug.“

Das unrühmliche Ende

Die Vorschusslorbeeren entpuppten sich als Fake News. Das Fachblatt Car and Driver stellte bei einem Vor-Ort-Termin ungnädig fest, dass die Achsen des Dale-Prototypen in Holzklötzen verankert waren; für den Vortrieb des medial hochgepriesenen Exponats sorgte ein Rasenmäher-Aggregat aus dem Hause Briggs & Stratton.

„Dollar for dollar, the best car ever built.“ - so lautete der Slogan der des Dale.
„Dollar for dollar, the best car ever built.“ - so lautete der Slogan der des Dale. (Bild: www.gtspirit.de)

Und so wurden die ambitionierten Produktionsziele nie erreicht. Stolze 88.000 Exemplare wollte Liz Carmichael im ersten Jahr vom Band laufen lassen, im zweiten Produktionsjahr sollten 250.000 Einheiten erreicht werden. Doch leider wurde der Zeitplan nicht eingehalten: Es blieb bei drei Stück. Zu allem Überfluss fühlten sich die Investoren – die Rede ist von einem zweistelligen Millionenbetrag – restlos verschaukelt. Man hatte ihnen suggeriert, die automobile Revolution stünde unmittelbar bevor. Tatsächlich gab es wohl nie Pläne für eine Massenproduktion.

Nicht nur die Investoren verloren ihren Einsatz. Auch das Weltbild der Fangemeinde trug schmerzhafte Kratzer davon. Frau Carmichael hatte sich als Heroine aus einem Ayn-Rand-Roman stilisiert, die Firma trug den Namen „Twentieth Century Motor Company“ – eine Anspielung auf die gleichnamige Firma aus der Kapitalismus-Bibel „Atlas Shrugged“. Irgendwann dämmerte es den Fans: Das Magazin „Libertarian Forum“ warnte im Mai 1975 vor der „Libertären Abzocke“ und flehte, ein „gesunder Skeptizismus“ möge sich durchsetzen.

Selbst die Libertären haben damals gezweifelt – eine verpasste Chance für Industrie und Gesellschaft? Wer dem kreativen Sparmobil nachtrauert, der mag sich daran erbauen, dass sich die Welt geändert hat. Die Politik hat inzwischen ein offenes Ohr für disruptive Querdenker, die kritische Presse konzentriert sich auf die tatsächlichen oder imaginierten Verfehlungen der Altkonzerne. Liz Carmichaels Epigonen haben noch nie so gute Bedingungen vorgefunden wie heute.

Dieser Artikel ist entstanden in Kooperation mit GTspirit.de

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