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Zeitreise in Solihull Die neue alte Defender-Produktion

| Autor/ Redakteur: SP-X / Thomas Günnel

Extrem viel Handarbeit und Taktzeiten wie in Zeitlupe. Die Briten haben zum Finale des Defender noch einmal die Fertigung aus den Gründertagen nachgebaut – und bitten dort zur Zeitreise in die frühen Fünfziger Jahre. Die Zeit drängt jedoch.

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Land Rover hat zum Finale des Defender noch einmal die Fertigung aus den Gründertagen nachgebaut – und bittet dort zur Zeitreise in die frühen Fünfziger Jahre.
Land Rover hat zum Finale des Defender noch einmal die Fertigung aus den Gründertagen nachgebaut – und bittet dort zur Zeitreise in die frühen Fünfziger Jahre.
(Foto: Land Rover)

Wer hier rein will, braucht normalerweise Warnwesten und Schutzkleidung. Denn auch wenn die Produktion des Defender im Land Rover- Stammwerk Solihull vergleichsweise gemütlich vonstattengeht und man vergeblich nach den funkensprühenden Robotern sucht, die nebenan bald 20 mal so viele Range Rover oder Evoque am Tag aus den Hallen boxen, ist ein Mindestmaß an Arbeitsschutz schon angebracht. Schließlich sollen die gut 200 Mitarbeiter pro Schicht hier ungestört die letzten Autos zusammennieten, bevor die Produktion der Legende zum Jahreswechsel endgültig eingestellt wird.

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Und nur weil plötzlich alle Welt in großer Sentimentalität versinkt und noch einmal sehen will, wie der vielleicht berühmteste Geländewagen der Welt oder zumindest des Commonwealth gebaut wird, darf die Arbeit nicht ins Stocken geraten. Denn die Uhr tickt und das Ende für das Urtier aus dem United Kingdom naht. Da wird man sich also schon mal in eine Warnweste zwängen und unter einen Helm quetschen müssen, wenn man den letzten Blick auf die Legende nicht verpassen will.

Die „Celebration Line“

Doch zum Ende der gut dreistündigen Werksführung geben sich die Briten großzügig und bitten noch einmal in eine improvisierte Garderobe. Mitten drin in der Halle, umschlossen von dem nur in Zeitlupe laufenden Fließband, fliegen die Warnwesten in die Ecke und stattdessen händigt Roger Crathorne graue Kittel aus. Denn jetzt nimmt der Mann, den sie alle nur „Mr. Land Rover“ nennen, seine Gäste mit auf den zweiten Teil einer Zeitreise und entführt sie in die Keimzelle der Firma: Die „Celebration Line“.

Auf einer Fläche, groß wie zwei Tennisplätze, hat Crathorne zusammen mit ein paar Kollegen noch einmal die ursprüngliche Produktion aufgebaut und wenn man im grauen Kittel der Gründerväter entlang der Rollböcke und Werkbänke schlendert, die vergilbten Konstruktionsskizzen und Montageanleitungen sieht, dann wird auch dem letzten klar, dass die augenscheinlich so altertümliche Serienfertigung draußen in der wirklichen Welt schon ganz schön modern ist und dass es vielleicht doch langsam Zeit wird, dass irgendwann mal ein neuer Defender kommt. So traurig es auch ist: Aber ein Auto jedenfalls, das mal unter solchen Umständen entwickelt und gebaut wurde, das passt tatsächlich nicht mehr in die Zeit. Und man kann sich einfach nicht vorstellen, wie man den Wagen und mehr noch seine Produktion so modernisieren sollte, dass er vielleicht doch noch eine Zukunft hätte.

Beginn vor 67 Jahren

Aber mit solchen Fragen will sich Crathorne lieber nicht beschäftigen. Das macht ihn nur traurig. Statt dessen schwärmt er lieber von der Vergangenheit und davon, wie alles beginnen hat: „In einer Fabrik genau wie dieser wurden vor 67 Jahren die ersten Autos gefertigt “, erzählt das wandelnde Archiv der Briten, ihr Geschichtspfleger, der Treiber hinter dem Projekt „Celebration Line“ und damit auch der Hausherr in diesem musealen Verschlag. Er hängt den Besuchern heute eigenhändig die grauen Kittel um, die so berühmte Namen tragen wie Maurice oder Spencer Wilks, die das Ur-Modell des Land Rovers mit einer Skizze am Strand von Anglesay entworfen haben, erklärt ihnen die Stechuhr, mit der damals noch die Arbeitszeit erfasst wurde und führt sie dann in eine kleinen aber feinen Teil der Halle, in der die Zeit tatsächlich stehen geblieben scheint. Wenn hier nicht alles so blitzblank wäre und zu Teil sogar noch nach frischer Farbe riechen würde, man könnte fast meinen, hier hätte seit der letzten Schicht der Herren Wilks & Co wirklich niemand mehr einen Finger gekrümmt.

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