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Digitale Transformation in Deutschland: Erst am Anfang

| Autor: Svenja Gelowicz

Die Themen Innovation und digitale Transformation sind omnipräsent: Jeder macht es, jeder kann es? Nicht ganz. Die Unternehmensberatung Lünendonk hat in einer Studie den Stand der deutschen Wirtschaft untersucht.

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Wilko Stark, Vice President Daimler & Mercedes-Benz Cars Strategy and Product Planning sowie CASE-Chef bei seinem Vortrag „Five things you didn’t know about self-driving cars“.
Wilko Stark, Vice President Daimler & Mercedes-Benz Cars Strategy and Product Planning sowie CASE-Chef bei seinem Vortrag „Five things you didn’t know about self-driving cars“.
( Bild: Daimler )

Austin, Texas: Vor zehn Jahren wurde auf dem Digitalfestival South by Southwest noch Twitter gelauncht. In diesem Jahr referieren dort auch Vorstandschefs von Autokonzernen – allgemein über das Thema Digitalisierung, über automatisiertes Fahren, über den Wandel hin zum Mobilitätsdienstleister. Mercedes elektrisches SUV EQ C surrt durch die Straßen Austins, Google-Shuttles, Car2Go-Autos, Uber und Lyft transportieren die 70.000 Teilnehmer der Veranstaltung. Hier in Texas ist die Zukunft, und hier glaubt man daran.

Zurück nach Deutschland: Die großen Autokonzerne präsentieren sich auch hierzulande stolz als Vorreiter der Digitalisierung. Und auch hierzulande sind die Megatrends Innovationen und Digitalisierung ein omnipräsentes Thema. Doch: Wie sehen sich Großunternehmen und Konzerne bei der Entwicklung und Umsetzung von Digitalisierungsstrategien sowie bei der Vermarktung digitaler Geschäftsmodelle aufgestellt? Gelingt es ihnen, auf die Geschwindigkeit der Digitalisierung und der Disruption in vielen Branchen zu reagieren – und wenn ja, wie? Was sind die wichtigsten Bausteine für erfolgreiche digitale Geschäftsmodelle, und wie gelingt die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit in der Plattform-Ökonomie? Für Antworten hat die Unternehmensberatung Lünendonk 120 Führungskräfte aus Konzernen und Großunternehmen sowie 17 führende Beratungs- und IT-Dienstleister in Deutschland zur digitalen Transformation befragt.

Keine Digitalstrategie

Die Ergebnisse dieser Studie zeigen vor allem eines: Die große Mehrheit der Unternehmen hat sich bereits auf die Reise hin zu digitalen, vernetzten, agilen und vor allem kundenzentrierten Organisationen begeben. Allerdings stehen viele der untersuchten 121 Großunternehmen und Konzerne erst am Anfang. So verfügt gerade einmal ein Drittel der befragten Organisationen über eine Digitalisierungsstrategie für das Gesamtunternehmen und hat auch bereits begonnen, konkrete Maßnahmen für die einzelnen Bereiche umzusetzen. In diesem Zusammenhang müsse laut Studie dem Top-Management bewusst sein, dass eine Transformation nur gelingen kann, wenn das Zielbild für die Mitarbeiter klar erkennbar ist. Und: Das Management müsse die einzelnen Digitalisierungsinitiativen als Sponsor aktiv begleitet.

Innovationskultur schaffen

Ein hoffnungsvolles Ergebnis: Digital Education und Digital Culture gewinnen stark an Bedeutung. Für rund 60 Prozent der Unternehmen sind Weiterbildung hin zu digitalen Themen und die Veränderungsbereitschaft der Mitarbeiter die wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche digitale Transformation. Die gesamte Kultur sollte auf das Thema Innovation ausgerichtet sein. Heißt konkret: Finanzielle Ressourcen zu verankern für neue Digital-Talente, für die bestehende Belegschaft, um diese hin zu digitalen Themen zu qualifizieren – sowie Agilität und Flexibilität in der Organisation als zentrale Elemente der Zusammenarbeit. Risiken dürfen eingegangen und Fehler dürfen gemacht werden.

Neben dem aktuellen Kerngeschäft müssen Unternehmen potenzielle Zukunftsfelder identifizieren und erschließen. Warum ist das nötig? Weil Marktveränderungen – oft angetrieben durch technologische Entwicklungen – das Nachfrageverhalten des Kunden in immer kürzerer Zeit verändern. Nur wenn Unternehmen es schaffen, die aktuellen und vor allem künftigen Bedürfnisse ihrer Kunden exakt zu analysieren, wenn sie in hoher Geschwindigkeit auf Basis dieser Analysen Produkt- und Prozessinnovationen entwickeln und schnell in die Markteinführung beziehungsweise den Rollout gehen, können sie künftig am Markt bestehen und ihren Kunden attraktive Angebote machen. Dabei ist die klassische Vorgehensweise, bei der zuerst ein Zielmodell entwickelt und ein Lastenheft erstellt wird, an vielen Stellen nicht mehr zeitgemäß.

Moderne Geschäftsmodelle

Apropos zeitgemäß: Zwei Drittel der befragten Unternehmen entwickeln digitale Geschäftsmodelle innerhalb ihrer klassischen Organisations- und Abwicklungsprozesse. Diese Vielzahl an Herausforderungen können sie laut der Studie nicht allein bewältigen, sondern sind vermehrt auf die Unterstützung externer Beratungs- und IT-Dienstleister angewiesen. So planen mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen, die digitale Transformation unter starker Mithilfe von externen Beratungs- und IT-Dienstleistern umzusetzen. Für 70 Prozent von ihnen ist es daher in den letzten zwei Jahren wichtiger geworden, dass ihre Beratungs- und IT-Dienstleister Innovationen vorantreiben können. Viel mehr noch als früher seien sie laut Studie auf solche Partner angewiesen, die ihre Innovations- und Umsetzungsstärke einbringen und zusammen mit dem Kundenunternehmen im Sinne einer Wertschöpfungspartnerschaft gemeinsame Risk- und Revenue-Sharing-Modelle entwickeln, diese auf ihre Marktreife hin testen und gegebenenfalls gemeinsam umsetzen.

Erfolgsfaktoren digitaler Geschäftsmodelle

Wie gut ein Unternehmen bei der digitalen Transformation vorankommt, lässt sich sehr gut daran erkennen, ob es nicht nur eine Vision hat, wohin die Digitalisierung führen wird, sondern auch konkrete Maßnahmen in einer Digitalisierungsstrategie beschlossen hat. 60 Prozent der befragten Unternehmen, die über eine solche Strategie für das Gesamtunternehmen verfügen, haben bereits digitale Geschäftsmodelle entwickelt, mit denen neue Erlösquellen erschlossen werden sollen. Weitere 29 Prozent planen derzeit digitale Geschäftsmodelle.

Kundenverhalten datengestützt analysieren

Die befragten Großunternehmen und Konzerne mit mehr als 25 Milliarden Euro Jahresumsatz sind bei der Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle schon weiter. Das liegt vor allem daran, dass sie mit der Digitalisierung tendenziell früher begonnen haben und zahlreiche Maßnahmen (z. B. IT-Modernisierung, Outsourcing, Prozessoptimierung) abgeschlossen oder begonnen haben. Sie könnten sich folglich mit einer höheren Digitalisierung in den Geschäfts- und IT-Prozessen stärker ihrer Digital Customer Experience und neuen Geschäftsmodellen widmen. Bei der Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle komme es aus der Sicht der befragten Führungskräfte sehr stark auf neue „Customer Journeys“ an, die sich aus der datengestützten Analyse des Kundenverhaltens und seiner Interaktionen ergeben.

Komplexität reduzieren

Wichtig für die Unternehmen ist in diesem Zusammenhang, dass der Dienstleistungspartner die hohe Komplexität reduziert und sein Fach-, Branchen- und Technologiewissen einsetzt, um Lösungen von Anfang bis Ende schnell, erfolgreich und gemeinsam mit den Fachbereichen entwickelt und umsetzt. Die Beratungsunternehmen hätten auf diese Forderung ihrer Kunden bereits reagiert und ihre Kompetenzen im Bereich von Kreativleistungen und Datenanalyse erweitert. So sind sie in der Lage, ihre Kunden zu unterstützen: von der Ideenfindung, der Strategieentwicklung, dem Design von digitalen Lösungen, der organisatorischen Umsetzung von Strategien über die IT-Integration sowie die Gestaltung der Kundenschnittstelle bis hin zur Rückgewinnung von Daten zur Optimierung und Automatisierung.

Partnernetzwerke bilden

Klassische Wertschöpfungsketten wandeln sich immer stärker zu digitalen Wertschöpfungsnetzwerken. Aber: Weniger als 30 Prozent der Unternehmen sehen sich führend im Aufbau von Partnernetzwerken für Digitalisierungsprojekte. Allerdings sind vor allem bei Themen wie Industrie 4.0 und Internet of Things Kooperationen mit anderen Unternehmen ein wichtiger Teil von Geschäftsmodellen: Mehrere Partner schließen sich zu digitalen Plattformen zusammen, um als Ökosystem eine Gesamtlösung anzubieten.

Die Studie selbst kommt letztendlich zum Fazit: Deutsche Unternehmen stehen noch am Anfang der digitalen Transformation – aber die große Mehrheit der Befragten ist immerhin auf einem Weg; und viele auch auf einem guten.

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Über den Autor

Svenja Gelowicz

Svenja Gelowicz

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