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Elektromobilität

Freudenberg definiert die Dichtung neu

| Autor/ Redakteur: Freudenberg / Christian Otto

Freudenberg Sealing Technologies ist mit seinen Dichtungen für Verbrennungsmotoren sehr erfolgreich. Doch die Elektrifizierung fordert strategische und technische Anpassungen – um auch an diesem Geschäft zu partizipieren.

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Claus Möhlenkamp, CEO von Freudenberg Sealing Technologies, begreift den Wandel in der Antriebstechnik als Chance, das Unternehmen weiterzuentwickeln, zu stärken und neu auszurichten.
Claus Möhlenkamp, CEO von Freudenberg Sealing Technologies, begreift den Wandel in der Antriebstechnik als Chance, das Unternehmen weiterzuentwickeln, zu stärken und neu auszurichten.
(Bild: Freudenberg Sealing Technologies)

Claus Möhlenkamp, CEO von Freudenberg Sealing Technologies, bringt es auf den Punkt: „Die Frage ist nicht, wann die neuen Antriebstechnologien das eigene Produktportfolio belasten, sondern wie stark.“ Und der Manager betont: „Deshalb wollen wir frühzeitig die Chancen und Möglichkeiten für uns nutzen und uns entsprechend ausrichten.“

Freudenberg Sealing Technologies erwirtschaftet bislang fast 70 Prozent seines Umsatzes in der Automobilindustrie mit Konzepten für den verbrennungsmotorischen Antrieb. Alle Produkte des Unternehmens in einem Pkw verbaut, ergäben einen Gesamtwert von rund 70 Euro. Angesichts einer Weltautoproduktion von derzeit knapp 85 Millionen Pkws macht das ein Marktpotenzial von fast sechs Milliarden Euro.

Zwei Drittel des Umsatzes von Verbrennern abhängig

Die Schattenseite dieser Rechnung: 45 von 70 Euro entfallen derzeit auf den Verbrennungsmotor, das Getriebe und das Kraftstoffsystem. Momentan kommt das dem Unternehmen zugute: Aufgrund strengerer CO2-Vorschriften überarbeiten alle Hersteller ihre Verbrennungsmotoren, um Energieverbrauch und Emissionen zu senken. „Hier helfen wir unseren Kunden mit unseren LESS-Produkten, also Low Emission Sealing Solutions, die Reibung, Emissionen, Bauräume und Gewicht zu reduzieren“, so Möhlenkamp. Bekanntestes Beispiel dafür ist „Levitex“, die fast völlig reibungsfreie Kurbelwellendichtung, die demnächst bei einem großen Automobilhersteller in Serie geht.

Doch ohne tiefgreifende Veränderungen im Produktportfolio würde sich die starke Abhängigkeit von verbrennungsmotorischen Antrieben langfristig nachteilig auswirken. „Mit unserem heutigen Portfolio könnten wir bei einem reinen Elektrofahrzeug nur noch Bauteile im Wert von rund 25 Euro pro Fahrzeug verkaufen,“ erläutert Möhlenkamp. „Anders formuliert: Zwei Drittel unseres Umsatzes sind risikobehaftet.“

Wasserstoff und Brennstoffzelle für Langstrecken

Mittlerweile investieren viele Hersteller massiv in das Elektroauto: Der Volkswagen-Konzern will bis 2025 mehr als 80 neue Elektromodelle auf den Markt bringen, darunter rund 50 rein batteriebetriebene Fahrzeuge. Daimler investiert zehn Milliarden Euro in die Elektromobilität. Toyota, bislang vor allem für Hybridfahrzeuge bekannt, will bis Anfang des kommenden Jahrzehnts zehn rein batterieelektrische Fahrzeuge auf den Markt bringen. Bis 2030 soll dann die Hälfte aller produzierten Pkws und leichten Nutzfahrzeuge mit einem elektrifizierten Antrieb ausgestattet sein.

Das Elektroauto ist also auf dem Weg in den Massenmarkt. „Wir begreifen den Wandel in der Antriebstechnik als Chance, unser Unternehmen weiterzuentwickeln, zu stärken und neu auszurichten,“ erklärt Möhlenkamp.

Dafür sollen drei Faktoren Freudenberg Sealing Technologies zum Erfolg verhelfen: So sieht das Unternehmen zum einen in batterieelektrischen Antrieben und der Brennstoffzelle die Zukunft der Mobilität. Tritt nämlich das Szenario ein, dass der Verkehr vollständig auf nicht fossile Energieträger umgestellt wird, dann steht laut Freudenberg am Anfang der Energiekette immer Strom aus regenerativen Quellen, vor allem Solar- und Windenergie. Gelinge es, diesen Strom über geeignete Speicher direkt im Fahrzeug zu nutzen, dürfte der batterieelektrische Antrieb den besten Gesamtwirkungsgrad aufweisen. Nach heutigem Stand der Technik reichen laut dem Unternehmen jedoch Speicherdichten und Ladezeiten nicht aus, um den gesamten Personen- und Güterverkehr auf Elektrofahrzeuge umzustellen. Insbesondere für lange Strecken wird demnach eine Alternative in Form chemisch gebundener Energie benötigt. Den besten Gesamtwirkungsgrad bei der nicht fossilen Bereitstellung eines solchen Energieträgers weist aus Sicht des Zulieferers die Kombination von Wasserstoff und Brennstoffzelle auf.

Kompetenzaufbau durch Akquisitionen

Als weitere Stärke möchte das Unternehmen seine langjährige Material- und Produktexpertise einbringen und in die neue Mobilitätswelt übertragen. Konkret sind das Kompetenzen in der Dichtungs- und Werkstofftechnologie. Zudem erarbeitet der Zulieferer notwendige neue Fähigkeiten. Und er hat schon Beispiele dafür parat, wie man bestehende Kompetenzen überträgt: Eine 800-Volt-Batterie, in der Energie für 500 Kilometer gespeichert ist und die sich im Fahrzeugunterboden befindet, ist starken Vibrationen und Spritzwasser ausgesetzt und muss deshalb sehr gut abgedichtet werden. Doch dabei soll es nicht bleiben: „Wir erarbeiten uns neue Kompetenzen in der Batterie- und Brennstoffzellentechnik, sowohl durch eigene Forschung und Entwicklung als auch durch gezielte strategische Akquisitionen,“ so Möhlenkamp.

Anfang 2018 übernahm Freudenberg Sealing Technologies beispielsweise den Brennstoffzellenhersteller Elcore in München. Kurz darauf erwarb das Unternehmen zudem eine Beteiligung an der US-amerikanischen Firma XALT Energy. XALT mit Sitz in Midland (Michigan) produziert großformatige Lithium-Ionen-Batteriezellen, -Module und -Systeme für den Einsatz in schweren Nutzfahrzeugen, für Stadt- und Transitbusse, für die Marine-Industrie sowie für andere industrielle Anwendungen.

Neue Funktionen für Dichtungen entwickeln

Als dritten Faktor für die erfolgreiche Ausrichtung führt das Unternehmen an, dass der angestoßene Transformationsprozess auch durch organisatorische Veränderungen unterstützt wird. So will man den neuen Geschäftsfeldern in den Bereichen Batterietechnik und Brennstoffzelle ausreichend Spielraum geben. Deshalb wurden diese Aktivitäten seit Anfang 2018 in einer eigenen neuen Division konzentriert.

Bei der eigenen Weiterentwicklung will der Dichtungshersteller das Wort „Dichtung“ neu definieren: Dichtungen, wie Freudenberg Sealing Technologies sie heute produziert, dichten eine Maschine oder einen Teil vor ihr gegen das Eindringen oder Austreten eines bestimmten Mediums ab. Man kann Dichtung aber laut dem Zulieferer auch ganz anders verstehen: Beispielsweise ist das Abdichten gegen elektromagnetische Strahlung ein künftiges Einsatzfeld. So müssen die Komponenten eines elektrischen Antriebs abgeschirmt werden, um andere elektrische und elektronische Systeme im Fahrzeug nicht zu stören. Deshalb werden die Gehäuse heute in der Regel aus Metallen gefertigt. In einem Grundlagenprojekt untersucht das Unternehmen, inwieweit leichtere und günstigere Kunststoffe zum Einsatz kommen können. Erste Tests zeigen: Es funktioniert, und zwar am besten mit einem selbst entwickelten Material, das auf einem Verbundwerkstoff mit einer leitfähigen Beschichtung basiert.

Freudenberg hat Hitzeschilder entwickelt, die einzelne Batteriezellen thermisch voneinander isolieren. Das soll ein Überhitzen der Batterie verhindern.
Freudenberg hat Hitzeschilder entwickelt, die einzelne Batteriezellen thermisch voneinander isolieren. Das soll ein Überhitzen der Batterie verhindern.
(Bild: Freudenberg Sealing Technologies)

Dichtung als Hitzeschild

Einen Ansatz bietet das Abdichten gegen Hitze. So müssen moderne Lithium-Ionen-Akkus aufgrund ihrer hohen Energiedichte hohen Sicherheitsanforderungen genügen. Insbesondere gilt es, ein Überhitzen der Batterie zu verhindern. Eine mögliche Gegenmaßnahme stellen Hitzeschilder dar, die die einzelnen Batteriezellen thermisch voneinander isolieren. Freudenberg Sealing Technologies hat laut eigenen Angaben dafür ein Konzept entwickelt, das in prismatischen und in Pouchzellen nahezu bauraumneutral eingesetzt werden kann. Es kombiniert die hohe Hitzebeständigkeit eines Silicon-Elastomers mit der guten Wärmeisolation von Luft.

Innovative Präzisionskomponenten für die Großserie und pfiffige Komplettsysteme für die Nische will Freudenberg Sealing Technologies für den Antrieb der Zukunft liefern. „Für das klassische Automobilzuliefergeschäft werden wir das erworbene und das vorhandene, weiterentwickelte System-Know-how nutzen, um noch bessere Komponenten und Subsysteme anzubieten“, fasst Möhlenkamp zusammen. „Wo es jedoch um kleinere Stückzahlen geht, etwa bei Nutzfahrzeugen, Arbeitsmaschinen oder Schiffen, werden wir als System- und Entwicklungspartner agieren.“

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