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Tyco Geschwindigkeit als Lebenselexier

| Redakteur: Jens Badstübner

Elektronik „Made in Germany“ ist zu teuer. Falsch. Eine der weltweit effizientesten Fabriken für elektrische Automobilkontakte steht in Süddeutschland. Das Erfolgsrezept: Stanzen am Rande der Physik.

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Tsch-tsch-tsch-tsch“ – für das Auge kaum sichtbar bewegt sich das Stanzwerkzeug im Millisekundentakt über dem Kupferband. Bis zu 1 000 Kontakte und 800 Teile verlassen in jeder Minute die Maschine. „So klingt die effektivste und größte Fabrik zur Herstellung von elektrischen Kontakten“, freut sich Karl-Heinz Wiedemann. Wiedemann ist Werkleiter von Tyco Electronics im württembergischen Wört und Herr über einhundert 25- und 50-Tonnen-Stanzpressen. Sie produzieren elektrische Kontakte aus Kupferknetlegierungen, die Tyco nach dem anschließenden Biegen, Fügen und Zusammenbau zu über 90 Prozent ins Automobil liefert – z.B. für zentrale Steuergeräte (Motorsteuerung, ABS, Airbag).

1972 bestand so ein Kabelbaum zum Steuergerät noch aus 16 einzelnen Leitern, die Signale (Information) und Arbeitsströme (Energie) übertragen. 2008 sind es schon über 200, plus der dazu passenden Steckerleiste. Mit ihr schwelgen sowohl Wört als auch das zehn Kilometer entfernte Dinkelsbühler-Schwesterwerk für Spritzguss und Galvanik gerade in Superlativen:

Über 15 Milliarden Kontakte will Wiedemann mit seiner Belegschaft im kommenden Jahr ausliefern. Parallel sollen in Dinkelsbühl sechs Millionen Spritzgusseinhausungen auf 120 Spritzanlagen entstehen. „Der Kunststoffverbrauch steigt damit auf beachtliche 4 000 Tonnen im Jahr“, unterstreicht Armin Tremel, Werkleiter von Tyco Electronics in Dinkelsbühl. Hinzu kommt die Galvanik-Linie für die Veredelung der Kontaktstellen mit z.B. Zinn, Silber oder Gold.

„Unser Standortfaktor sind die Mitarbeiter“

Nun gilt der westliche Rand der fränkischen Seenplatte weder als Hightech-Standort, noch ist er für seine billigen Arbeitskräfte bekannt. Hier die nach Angaben von Tyco Electronics weltweit größte Produktionsanlage für Automobilkontakte zu finden, erstaunt. Aber nur auf den ersten Blick. „Unser Standortfaktor sind die Mitarbeiter“, sagt Wiedemann. Permanent bildet Tyco etwa 60 Werkzeugmacher, Verfahrenstechniker und technische Zeichner aus. Zudem lebt die Fertigung von der Automatisierung.

Offensichtlich wird das im Werk Dinkelsbühl, wo die Werkzeugmacher über 1 200 Spritzgusswerkzeuge vorhalten. Zudem bauen sie neue Werkzeuge selber auf. „Für High-Speed-Stamping mit gleichzeitiger Qualitätsabsicherung gibt es weltweit keinen besseren Standort“, sagt Harald Bouda aus dem Tyco-Electronics-Management. Viele der hier gebauten Anlagen gehen nach Amerika, Asien und in die Low-Cost-Standorte Osteuropas. Lediglich 20 bis 25 Prozent der Anlagen bleiben in Wört oder Dinkelsbühl.

Für diese Anlagen gilt die Maxime Volumen, Volumen und nochmals Volumen, um den Invest von bis zu 500 000 Euro je Produktionszelle zu rechtfertigen. Die Taktfrequenz der Stanzanlagen von 1 800 Teilen pro Minute lässt sich allerdings nicht mehr erhöhen. „Wenn, geht das nur über intelligente Werkzeugkonzepte. Wir bewegen uns an der physikalischen Grenze“, begründet Wiedemann. Mit noch höheren Taktzahlen würden zu starke dynamische Kräfte auf die Presse wirken. Zudem steigt die Materialstärke der elektrischen Kontakte an, wenn die Bordnetzspannung von 12 Volt auf über hundert Volt ansteigt. Das Bordnetz von Hybrid- und Elektrofahrzeugen verteilt deutlich stärkere Ströme. Das erfordert deutlich größere Kontakte. Tyco Electronics begleitet deshalb das Detroiter Hybridkonsortium von BMW, GM und Mercedes mit einem über mehrere Regionen verteilten eigenen Kompetenzteam.

Tyco Electronics

Umsatz: rund 9,1 Mrd. Euro

Produktionswerke: 17 Werke in Europa

Beschäftigte: rund 100 000 weltweit

Automobilanteil: rund 31 %

Produkte: Steckverbinder, Relais, Mechatronik, Energieverteilungssysteme, Faseroptik, Airbagauslösung

Werke der Superlative

¢ 1 300 Beschäftigte (900 in Wört und 400 in Dinkelsbühl)

¢ 31 000 Quadratmeter Produktionsfläche

¢ Stückzahlen 2007:14 Milliarden Kontakte, 2,3 Milliarden Spritzgussteile, 4,5 Milliarden galvanisierte Kontakte

¢ Wichtigstes-Produkt: 3 Milliarden MQS-Stecker jährlich

¢ Kunden: Es gibt kein Automobil ohne Tyco-Kontakte – weltweit.

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