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Automesse Guangzhou Auto Show: Wie China die Autowelt verändert

| Autor/ Redakteur: Ampnet/des / Maximiliane Reichhardt

Vom 22. November bis 1. Dezember findet im chinesischen Kanton die Guangzhou Auto Show 2019 statt. Die Messe zeigt: Die Automobilbranche in China legt eine starke Entwicklung hin.

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Chinas Automobilindustrie legt eine starke Entwicklung hin: Die Guangzhou Auto Show zeigt, wie sehr.
Chinas Automobilindustrie legt eine starke Entwicklung hin: Die Guangzhou Auto Show zeigt, wie sehr.
(Bild: Mercedes-Benz)

Während die meisten Medien von der Los Angeles Auto Show in Kalifornien berichten, findet gleichzeitig im Fernen Osten eine nicht minder wichtige Automesse statt: Die Guangzhou Auto Show 2019 in Kanton, der Hauptstadt der Provinz Guangdong mit mehr als 100 Millionen Einwohnern, unweit von Honkong und Macao. Über 900.000 Besucher konnte die Messe zuletzt verzeichnen; sie gibt traditionell einen guten Überblick über die Entwicklung von Markt und Herstellern in China.

Der erste Eindruck zeigt: 15 Hallen sind gut gefüllt, nahezu alle großen chinesischen und ausländischen Marken sind vertreten. Auch Liebhaber von Luxusautos und Exoten kommen auf ihre Kosten; unter anderem zeigen Aston Martin, Bentley, Lamborghini, Lotus, McLaren, Porsche und Rolls-Royce ihre neuen und schönsten Modelle. Nur Ferrari ist nicht dabei. Was für ein Kontrast zur schlechten Beteiligung auf der jüngsten Frankfurter IAA!

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Chinesische Hersteller holen schnell auf

Noch vor wenigen Jahren wurden die chinesischen Hersteller für ihre merkwürdigen Designs und schwache Produktqualität verspottet. Aber diese Messe öffnet dem Rest der Welt die Augen: China holt auf – und zwar schnell. Noch immer gibt es eine neue Marke nach der anderen. Aber die Autos sind besser geworden, und die Präsentation hält jedem Vergleich stand. Überall gibt es visuelle Erlebnisse: Spiele, interaktive Präsentationen, Live-Vorführungen und mehr. All dies soll die Besucher an die Stände fesseln und ihnen die Marken nahebringen. Als Vorbild dafür diente offensichtlich die Präsentation von Mini – aber die Chinesen haben den Ansatz der BMW-Tochter übernommen und so weit verfeinert, dass der Mini-Stand im Vergleich zu ihnen langweilig wirkt.

Inspiriert vom Smartphone

Was für den Markenauftritt gilt, gilt auch für die Produkte. Das Exterieurdesign ist noch immer Geschmackssache und lenkt bisweilen von den inneren Qualitäten ab. Aber im Interieur zeigen die Chinesen, dass sie ihre Kunden verstanden haben: Große Bildschirme, berührungsempfindliche Flächen, Konnektivität. Als Inspiration dafür dienen offensichtlich nicht mehr die europäischen Premiummarken, sondern Tesla und Smartphones. Die junge, technikaffine Generation der Chinesen findet daran Gefallen, die Stände waren sehr stark frequentiert. Das Durchschnittsalter der Käufer ist übrigens viel niedriger als in Deutschland oder den USA. Und die Kunden bezahlen den vollen Kaufpreis, anstatt zu finanzieren oder zu leasen.

Während die Stände der chinesischen Hersteller geradezu summten, war bei Audi, Volkswagen und bei den meisten Japanern überraschend wenig Publikumsverkehr zu verzeichnen. Eigens für China entwickelte Modelle bei Nissan und Toyota oder bei Volkswagen, zum Beispiel Phideon und Lamando, wirken mit ihren kleinen Bildschirmen und begrenzter Konnektivität erstaunlich altmodisch. Bei VW fehlte der Golf VIII, statt dessen dominierten ein T-Cross-Pendant namens Taqua, der Touareg Hybrid und ein Großraum-Konzept namens Viloran.

Elektroautos werden neu bewertet

Die Signale zur E-Mobilität sind übrigens gemischt: Die Zahl der Elektroautos ist dank staatlicher Subventionen zwar in den letzten Jahren stark gestiegen, aber nachdem die Regierung jüngst die Subventionen für Hersteller und für die Kunden zurückgefahren hat, sind die Verkaufszahlen eingebrochen. Daimler-Chef Ola Källenius ist dennoch vorsichtig optimistisch, da es im weniger preissensiblen Luxussegment, in dem beispielsweise der EQC antritt, noch nicht viel Konkurrenz gibt.

Weit mehr Aufmerksamkeit zog der Mercedes-Maybach GLS 600 auf sich, der seine Weltpremiere feierte. Nicht ganz zufällig, denn mehr als zwei Drittel aller Maybach-Verkäufe finden in China statt. Der neue GLB dürfte seine Liebhaber finden, genauso wie der Mercedes-AMG A35 L als verlängerte, leistungsstarke Kompaktlimousine. Und das EQS-Forschungsauto liefert konkrete Hinweise auf ein neues elektrisches Spitzenmodell, dessen Positionskampf mit der S-Klasse noch interessant zu beobachten sein wird.

Doch am interessantesten wirkte der Denza X – ein SUV, das es als Plug-in-Hybrid und mit vollelektrischem Antrieb gibt. Das von Daimler-Designern gezeichnete Produkt eines Joint Ventures von Daimler und BYD will in seiner elektrischen Variante stolze 520 Kilometer weit kommen und spurtet in ganzen 4,3 Sekunden von null auf 100 km/h. Das Interieur mit seinem riesigen Bildschirm und integrierten Kameras für Chat und Videoanrufe wirkt ebenso futuristisch wie die Außenhaut. Die Preise beginnen bei umgerechnet 37.000 Euro – der Denza X soll China vorbehalten bleiben, während die nächste Smart-Generation, die von Geely gebaut wird, ab 2022 auch nach Deutschland kommen soll.

Chinas Vorliebe für lange Fahrzeuge

Eine reine Übertragung europäischer Modelle nach China funktioniert nicht, und die klassischen sogenannten Premiumhersteller haben lange erkannt, dass die Präferenzen im Reich der Mitte anders aussehen. Eine davon ist die Vorliebe für verlängerte Fahrzeuge: Ursprünglich ließen sich viele Autobesitzer in China chauffieren, heute schätzen sie den Extraplatz für Familie, Freunde und Geschäftspartner. Die kostenoptimierte Kompartmentierung zu Lasten der Fondpassagiere funktioniert in China nicht. Davon konnte sich der 190 Zentimeter große Autor dieser Zeilen persönlich überzeugen.

Während die Standardkarosserien der europäischen Modelle beengt wirken, funktionieren die Langversionen hervorragend. Pionier war vor über einem Jahrzehnt Audi mit dem A6 L, inzwischen gibt es Langversionen von Audi A4, BMW 3er, Mercedes-Benz E-Klasse, Jaguar XF und anderen.

Ein neuer Trend: Teilweise werden die Langversionen zu Weltautos. Ein Auto, das sich nicht daran hält, ist der Aston Martin DBX, der hier ebenfalls seine Weltpremiere feiert. Mit einem 4,0-Liter-V8 von AMG spurtet das 2.245 Kilogramm schwere SUV in 4,5 Sekunden auf 100 km/h und weiter bis auf eine Spitze von 291 km/h. Er ist der einzige SUV, den wir im Fondabteil als beengt empfanden. Überraschend ist, wie begehrt die Großraumlimousine Toyota Alphard ist – die Wartezeiten sind erheblich, für prompte Lieferung werden Aufschläge gezahlt. Und für die neue Spitzenversion Vellfire, in der man hinten geradezu thront, werden über 150.000 Euro hingeblättert.

Kopien sind rar

Natürlich gibt es auch noch Kopien und Klone. Aber Modelle wie die Taycan-Kopie von Enovate, der vom VW Touareg inspirierte Roewe RX5 E-Max oder der G-Modell-Klon Beijing BJ80 symbolisieren die Vergangenheit, nicht die Zukunft. Den Blick nach vorn richten Modelle wie der Byton M-Byte, der Geely Icon oder der Denza X.

Übrigens gibt es in China auch eine florierende Tuningszene, die vor allem an den Polen stattfindet: Lowrider und Extremtuning einerseits und personalisierte, extrem luxuriöse Großraumlimousinen wie Toyota Alphard und Mercedes-Benz V-Klasse andererseits. Dazwischen gibt es wenig. Europäer wie Lorinser und Mansory bemühen sich inzwischen intensiv um ein Stück vom Kuchen.

China bleibt stark

Fest steht: Der chinesische Markt bleibt stark – trotz Handelskrieg und gestrichener Subventionen für Elektroautos. Die Fortschritte der heimischen Industrie sind unübersehbar, teilweise geradezu unglaublich. In den Bereichen Interieur und Konnektivität sind sie führend. Abzuwarten bleibt, ob sie auch fahrdynamisch die hochgesetzten Erwartungen erfüllen – und sich damit auch im Rest der Welt behaupten können.

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