Kommentar

Lust auf Zukunft – Vision für die deutsche Automobilindustrie

| Autor / Redakteur: Andreas Herrmann, Winfried Vahland / Maximiliane Reichhardt

Automatisierte Elektroautos und Shuttles werden das Stadtbild in Zukunft prägen.
Automatisierte Elektroautos und Shuttles werden das Stadtbild in Zukunft prägen. (Bild: Daimler)

Andreas Herrmann, Professor für Betriebswirtschaft, und Winfried Vahland, ehemaliger CEO bei Skoda, haben sich mit der Zukunft der deutschen Automobilindustrie befasst. Gemeinsam haben sie einen Masterplan erstellt, der die Branche wieder auf die richtige Bahn lenken soll.

Die deutsche Automobilindustrie befindet sich mitten in der schlimmsten Krise ihrer 130-jährigen Geschichte. Das Drama nahm seinen Ausgang mit dem Markteintritt von Tesla, verschärften CO2-Gesetzen weltweit und manipulierten Motorsteuerungen, deren Schäden bis in die Gegenwart wirken. Insbesondere der Skandal um den Dieselmotor lähmt die Unternehmen und verhindert mutige Schritte mit neuen Technologien und Produkten. Inzwischen kommen weltweite Handelsbarrieren und ein Streit um den deutschen Handelsüberschuss hinzu. Verbrennungsmotor und Getriebe werden durch den Elektro- oder Wasserstoffantrieb ersetzt. Das autonome Fahren erfordert Sensoren, Algorithmen, Software und das Internet. Alle Akteure zurück auf Los, der Wettbewerb startet ganz neu! Die technologischen Barrieren fallen rasant, hunderte von Technologieunternehmen stürmen den Markt. Und dann auch noch China, wo man die Fertigung von autonomen Elektrofahrzeugen als Schlüsselkompetenz auf dem Weg zur führenden Industrienation ausgerufen hat.

Es braucht einen Masterplan

Zu viele Themen auf einmal! Es braucht einen Masterplan, einen Kompass, um die Weichen jetzt richtig zu stellen. Zu viel steht auf dem Spiel, immerhin ist die Automobilindustrie das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Um diese Industrie hat sich ein starker Mittelstand gebildet, und Deutschland ist zu Wohlstand und Ansehen in der Welt gekommen. Nun braucht das Land für seine Automobilindustrie eine neue Vision, aus der ein Masterplan und eine neue Orientierung nach allen diesen Skandalen und Verwerfungen resultieren. Was könnten die Eckpunkte einer solchen Vision, beziehungsweise eines Masterplans sein?

Dieselskandal: Neue Köpfe braucht das Land

Kommentar

Dieselskandal: Neue Köpfe braucht das Land

28.06.18 - Nach zweieinhalb Jahren ist der Dieselskandal noch immer nicht aufgearbeitet. Statt neue, unbelastete Manager einzusetzen, herrscht noch immer Ignoranz. Ein Kommentar von »Automobil Industrie«-Chefredakteur Claus-Peter Köth. lesen

1. Den Dieselskandal aufklären

Der Dieselskandal muss rasch und konsequent aufgeklärt und als Chance für eine kulturelle, organisatorische und technologische Veränderung genutzt werden. Jetzt ist der Zeitpunkt, um das umfassendste automobile Investitionsprogramm der Geschichte aufzulegen und zwar für vernetzte, autonome Mobilitätskonzepte und emissionsfreie Antriebssysteme. Hierzu braucht es Partnerschaften mit anderen Technologieunternehmen und zwingend den Aufbau von Kompetenzen zur Batterietechnologie. Die deutschen Unternehmen müssen die Schlüsseltechnologien der neuen Autoindustrie (künstliche Intelligenz, autonomes Fahren, maschinelles Lernen etc.) beherrschen, um ihre Marktstellung zu verteidigen.

2. Neue Technik: Risiko und Chancen

Ohne Zweifel müssen die Risiken und Chancen neuer Technologien diskutiert werden. Allerdings darf dies nicht dazu führen, dass Deutschland bei vielen zentralen Technologien den Anschluss verpasst. Investitionen in die Infrastruktur und in die Bildung sind unerlässlich, um vor allem gegenüber chinesischen Autofirmen bestehen zu können. Hierzu müssen Start-ups gefördert und der einfache Zugang zu Technologien ermöglicht werden. Zudem benötigen Deutschland und Europa die besten Köpfe der Welt und damit auch ein modernes Einwanderungsgesetz.

Studie zur Digitalen Transformation jetzt verfügbar!

DTOY-Initiative untersucht Lage der digitalen Nation

Studie zur Digitalen Transformation jetzt verfügbar!

Fach- und Führungskräfte blicken kritisch auf den aktuellen Stand der digitalen Transformation in ihren Branchen. Zu diesem Schluss kommt die Initiative „Digital Transformer of the Year“ (DTOY). Studie 2018 jetzt kostenfrei herunterladen! weiter...

3. Private-Public-Partnerships

Es ist nicht mehr so, dass die klassische Automobilindustrie die Neue räumlich anzieht. Vielmehr bilden die IT-Unternehmen das neue Zentrum, und die traditionelle Fahrzeugproduktion folgt ihr. Das Silicon Valley in den USA und die neuen Zentren in China, zum Beispiel in Huangzhou oder Schanghai, sind Beispiele dafür. Dort siedeln sich Unternehmen an, die sich mit Steuerungssystemen, Software und Algorithmen befassen, um so ein neues Automobilcluster zu bilden. Um all dies in Deutschland auf den Weg zu bringen, braucht es sogenannte Private-Public-Partnerships, die zügig die neu benötigten Fähigkeiten in Entwicklungszentren aufbauen. Öffentliche Forschung, mehr praxisorientierte Universitäten, die richtigen Technologie Start-ups zusammen mit der Automobilindustrie. Ein schneller, mächtiger Innovationscampus ohne lähmende Bürokratie – so etwas gibt es in Deutschland bis heute nicht, auch weil die Informationstechnologie inklusive der dazugehörigen Infrastruktur in Europa sträflich vernachlässigt wurde.

Gunnar Froh: „Die Mobilitätswende gemeinsam vorantreiben“

Mobilität

Gunnar Froh: „Die Mobilitätswende gemeinsam vorantreiben“

31.10.18 - Vergangene Woche fand in Hamburg der Wunder Mobility Summit statt. »Automobil Industrie« hat mit Gunnar Froh, Gründer und CEO von Wunder Mobility, über das Konzept der Veranstaltung und die Rolle verschiedener Anbieter beim Thema urbane Mobilität gesprochen. lesen

4. Verkehrsträger verzahnen

Öffentliche und private Verkehrsträger müssen schrittweise miteinander verzahnt werden. Autonome Elektrofahrzeuge lassen sich in ein Verkehrskonzept bestehend aus regionalen und lokalen Zügen, U- und S-Bahnen sowie Bussen und anderen Fahrdiensten integrieren. Hinzu kommen hoffentlich bald intelligente Verkehrssysteme mit Kreuzungen ohne Ampeln und einer Auflösung starrer richtungsgebundener Fahrspuren. Hierfür braucht es ein voll vernetztes Miteinander aller Verkehrsteilnehmer und flächendeckende, schnelle Datennetze.

5. Testfelder definieren

Es sind zügig Testfelder zu definieren, auf denen die Autohersteller, ihre Zulieferer und die Technologieunternehmen ihre autonomen Elektrofahrzeuge überprüfen können. China, Südkorea und Singapur sind exzellente Beispiele dafür, dass die Bereitstellung von solchen Arealen ein wichtiger Schritt ist, damit Know-how entwickelt und Arbeitsplätze im eigenen Land aufgebaut werden können. Der Wandel vom Verbrenner zum Elektromotor soll allein in Deutschland mehr als 100.000 Arbeitsplätze kosten. Die Batterien werden in Asien gefertigt und die Daten- und Informationstechnologie kommt aus den USA, beziehungsweise aus China.

Diese Teststrecken gibt es in Deutschland

Automatisiertes Fahren

Diese Teststrecken gibt es in Deutschland

17.05.18 - Die Roboterautos sind längst unter uns: Auf einigen hundert Kilometern sind in Deutschland mittlerweile automatisierte Fahrzeuge unterwegs – natürlich im ganz normalen Straßenverkehr. lesen

Was bleibt uns zu tun?

Der deutschen Automobilindustrie fehlt die „Lust an der Zukunft“. Am liebsten würde man alles beim Alten belassen. Die Selbstgefälligkeit und der Hochmut aufgrund der Erfolge in den letzten Jahren hat das Handeln bestimmt. Jetzt gilt es, die Zukunftsthemen mit Mut und Kraft anzugehen! Das autonome Fahren, der Elektroantrieb und das damit verbundene Mobilitätsmanagement einer Nation wären eine gute, vielleicht die letzte Chance für die deutsche Automobilindustrie.

Über die Autoren

Andreas Herrmann ist Professor für Betriebswirtschaft an der University St. Gallen. Zudem hat er Visiting Positions in den USA und China inne. Davor war Herrmann an den Universitäten Mainz und Mannheim beschäftigt. Er hat an der WHU Koblenz studiert und promoviert und einige Zeit bei Audi gearbeitet.
Winfried Vahland ist Multi-Aufsichtsrat für mehrere Konzerne. Davor war er bis 2015 Škoda- Vorstandsvorsitzender und Präsident von Volkswagen China. Vahland hat an der Technischen Universität Darmstadt studiert und erlangte seinen Betriebswirt in Michigan (USA).

Kommentare werden geladen....

Kommentar zum Beitrag schreiben

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45737912 / Wirtschaft)