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„Milliardär“ Webasto schiebt Elektro-Zukunft an

| Autor/ Redakteur: Tina Rumpelt / Jens Scheiner

Webasto steigerte 2017 im vierten Jahr in Folge Umsatz wie Ergebnis. Mit einem Kapitalpolster von über einer Milliarde Euro gibt das Unternehmen bei seinen Elektromobilitäts-Aktivitäten nun Vollgas.

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Webasto will weiter wachsen: Etwa 500 Millionen bis eine Milliarde Euro wolle man in weniger als zehn Jahren investieren. 40 Millionen Euro investierte der Zulieferer bereits in das neue Verwaltungs- und Entwicklungszentrum am Stammsitz in Stockdorf bei München.
Webasto will weiter wachsen: Etwa 500 Millionen bis eine Milliarde Euro wolle man in weniger als zehn Jahren investieren. 40 Millionen Euro investierte der Zulieferer bereits in das neue Verwaltungs- und Entwicklungszentrum am Stammsitz in Stockdorf bei München.
(Bild: Webasto)

2017 war ein ausgesprochen gutes Jahr für die globale Automobilindustrie. Von den florierenden Geschäften der Automobilhersteller, allen voran die europäischen Premiumhersteller, profitierten auch die Automobilzulieferer. Mit knapp 13.000 Mitarbeitern zählt Webasto zu den großen Mittelständlern mit globalen Footprint. Wie Webasto CEO Holger Engelmann beim Jahrespressegespräch am Montag (14. Mai) in Stockdorf bei München erläuterte, steigerte das Unternehmen in Familienbesitz 2017 seinen Umsatz wechselkursbereinigt um zwölf Prozent auf knapp 3,5 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahr, das Ergebnis verbesserte sich um 20 Prozent auf 248 Millionen Euro. Die Umsatzrendite stieg von 6,5 auf 7,1 Prozent. Und auch die Auftragsbücher sind gut gefüllt: Der aktuelle Auftragsbestand der Webasto SE beläuft sich auf 14,9 Milliarden Euro, 1,3 Milliarden mehr als noch vor einem Jahr.

Der Blick auf das laufende Jahr fällt dennoch verhalten optimistisch aus. Umsatz und Umsatzrendite des ersten Quartals 2018 lagen leicht unter Vorjahr. Vor dem Hintergrund der eigenen Investitionen und der weltweiten Marktentwicklungen gehe Webasto für das Gesamtjahr von einer Entwicklung auf Vorjahresniveau aus, so der Firmenchef.

12,8 Millionen Dachsysteme ausgeliefert

2017 lieferte Webasto als Weltmarktführer 12,8 Millionen Dachsysteme aus. In diesem Geschäftsfeld fuhr das Unternehmen in Familienbesitz mit über 2,6 Milliarden Euro auch den Löwenanteil seines Gesamtumsatzes 2017 in Höhe von knapp 3,5 Milliarden Euro ein. Webasto profitierte im Dach-Geschäft zum einen von nach wie vor steigenden Ausstattungsraten in Europa und in China sowie einer Nachfrage-Verschiebung vom Schiebedach zum großflächigen und höherwertigen Panoramadach. Rund 314 Millionen Euro (9 Prozent Umsatzanteil) trug das weiterhin stagnierende Geschäft mit Cabriodächern bei.

553 Millionen Euro (16 Prozent Umsatzanteil) erwirtschaftete der Thermo-Geschäftsbereich unter anderem mit Standheizungen, Zuheizern sowie Hochvoltheizern (HVH) für Hybrid- und Elektrofahrzeuge. Die HVH-Nachfrage wächst im Zuge der automobilen Elektrifizierung kontinuierlich. Für die Geräte liegen inzwischen mehr als 60 Aufträge von Herstellern weltweit vor.

Auf der Ausgabenseite in der Bilanz 2017 stehen rund 233 Millionen für Forschung und Entwicklung, das entspricht 6,6 Prozent des Umsatzes. „Mit den hohen F&E-Ausgaben haben wir unsere Innovationsführerschaft gefestigt“, erläuterte Engelmann. Der Fokus habe wie in den vergangenen Jahren auf der konsequenten Steigerung der Effizienz und der Standardisierung gelegen. Im vergangenen Jahr investierte das Unternehmen zudem rund 176 Millionen schwerpunktmäßig in Gebäude und Anlagen: 68 Millionen Euro blieben in Europa, 81 Millionen flossen allein in den Ausbau der Kapazitäten in China.

China als Wachstumstreiber

China ist mittlerweile Webastos größter Einzelmarkt. 2017 erzielte das Unternehmen mit zehn Produktionsstandorten vor Ort erstmals einen Umsatz von über einer Milliarde Euro. Drei Werke werden aktuell erweitert. In Jiaxing nahe Shanghai entsteht ein weiteres Werk. Dort werden auch neue Testing-Facilities eingerichtet, in denen künftig chinesische Lieferanten für eine lokale Batteriesystemfertigung qualifiziert werden können. Bis 2019 sollen alle Maßnahmen abgeschlossen sein.

Zum Jahresende 2017 betrug die Eigenkapitalquote der Webasto SE 47 Prozent – ein Spitzenwert in der Branche. Seit 2013 hat das Unternehmen sein Eigenkapital von damals knapp 540 Millionen auf heute fast 1,1 Milliarden Euro verdoppelt. Die Firmenkasse ist also gut gefüllt. „Wir können und werden in die Zukunft investieren“, bestätigte dann auch CEO Engelmann. Noch lässt sich der Firmenchef nicht auf konkrete Umsatzprognosen für das neue Geschäftsfeld Elektromobilität ein. „500 Millionen bis eine Milliarde Euro“ schweben ihm vor, „in weniger als zehn Jahren“.

Zukäufe sind möglich

Der Investitionsplan für die nächsten drei Jahre steht. Er sieht allein für den Ausbau des Produkt- und Serviceangebots rund um die Elektromobilität – Batteriesysteme, Ladelösungen, Hochvoltheizer (HVH) – Ausgaben von rund 400 Millionen Euro vor. Auch weitere Akquisitionen im Bereich der neuen Geschäftsfelder schließt Engelmann nicht aus. Anfang 2017 hat Webasto den Elektronik-Dienstleister Schaidt Innovations in Wörth am Rhein übernommen – mit der Zielsetzung, seine Systemkompetenz durch eine eigene Elektronikfertigung zu stärken.

Jeweils rund 100 Millionen Euro sollen bis 2021 in neue Produkte und Features im Kerngeschäft Dachsysteme sowie in die Weiterentwicklung von Kapazitäten und Strukturen, unter anderem den Ausbau der HVH-Produktion im Werk Brandenburg, fließen. Im chinesischen Wuhan wird bis 2019 die erste internationale HVH-Fertigung entstehen. 120.000 elektrische Heizsysteme setzte Webasto 2017 in China ab, das sind 65 Prozent des Produktionsvolumens.

Batteriesysteme: Samsung SDI als Partner

Das aktuell größte Zukunftsprojekt bei Webasto sind Batteriesysteme. Ein erster Serienauftrag ist im Haus. Für einen deutschen Bus-Hersteller montiert das Webasto-Werk Schierling in einem Build-to-print-Projekt ein Batteriemodul. „Wir waren so mutig, in den Markt für Batteriesysteme einzusteigen. Der Serienauftrag zeigt, man traut uns die Kompetenz zu“, freut sich Engelmann. Nun müsse sich Webasto im Markt beweisen. Als Entwicklungspartner für Standardbatteriesysteme für Nutzfahrzeuge und Lieferant der Batteriezellen ist der südkoreanische Hersteller Samsung SDI mit an Bord.

Das Know-how für Batteriesysteme konzentriert Webasto in Stockdorf und Shanghai. Bis Ende 2018 wird ein rund 200-köpfiges Experten-Team aufgebaut. Die Prototypenfertigung sowie das Testing erfolgen im Webasto-Werk in Hengersberg. Binnen der nächsten zwei Jahre soll die Fertigung von Batteriesystemen auch in China lokalisiert werden. Auch Pkw-Hersteller zeigen Interesse. „Wir sind in Gesprächen“, bestätigte Engelmann.

OEM-Serienauftrag für Lade-Wallbox

Das zweite Standbein der künftigen Elektromobilität-Aktivitäten von Webasto sind Ladelösungen. Auch in diesem Produktfeld liegt bereits ein erster Serienauftrag vor. Ein deutscher Hersteller wird die Lade-Wallboxen über seine Händler den Käufern von Elektrofahrzeugen anbieten. Ende 2018 soll die Serienfertigung starten. Parallel dazu offeriert Webasto seit Ende 2017 über die eigene, globale Aftermarket-Organisation Ladelösungen auch Privatkunden – mittlerweile in elf Ländern. Für Herbst 2018 kündigte Engelmann den Launch eines weiterentwickelten Modells mit Konnektivitätsfähigkeit und zusätzlichen Serviceleistungen wie z.B. Kartenbezahlsystem an. Gefertigt werden die Lade-Einrichtungen am neuen Elektronikstandort in Wörth am Rhein.

Neben den guten Zahlen für das Geschäftsjahr 2017 gab es am Montag noch einen weiteren Grund zum Feiern: Webasto eröffnete sein neues Verwaltungs- und Entwicklungszentrum am Stammsitz des Unternehmen in Stockdorf bei München. 40 Millionen Euro kostete der dreigeschossige, gläserne Neubau, in dem auf 14.000 Quadratmetern – inklusive eines 2.000 Quadratmeter großen Testing-Bereichs für Dachsysteme – 550 hochmoderne Arbeitsplätze eingerichtet wurden.

Das Gebäude „fördert die für uns so wichtige vernetzte Zusammenarbeit und es unterstützt unseren kontinuierlichen Wandel“, so Dr. Engelmann bei der Feierstunde, zu der auch VDA-Präsident Bernhard Mattes aus Berlin angereist war. Das Prinzip der kurzen Wege und schnellen Kommunikation, dem das Konzept des neuen Bürogebäudes folgt, lebt der Firmenchef nun auch vor: Er sitzt wie alle anderen Mitarbeiter zusammen mit seinen drei Vorstandskollegen in einem offen gestalteten Großraumbüro ohne Stellwände und Sichtschutz. Kommuniziert wird direkt und auf Zuruf.

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