Coronakrise Mittelständische Lieferanten fürchten um Existenz – Wut auf Autohersteller

Autor: Svenja Gelowicz

Autobauer fahren ihre Produktionen herunter, um die Verbreitung des Virus zu stoppen. Bei den vielen Zulieferunternehmen herrscht deshalb Krisenstimmung. Der Mittelstand fordert Unterstützung vom Staat – und kritisiert die Hersteller scharf.

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Nach den Automobilherstellern fahren nach und nach die Zulieferer ihre Werke herunter.
Nach den Automobilherstellern fahren nach und nach die Zulieferer ihre Werke herunter.
(Bild: VW)

Fast alle Automobilhersteller fahren gerade wegen des Coronavirus ihre Werke herunter. Teils soll der Stillstand bis zu vier Wochen dauern. Nach und nach folgen nun die großen Zulieferer. Für die mittelständische Zulieferindustrie ist die Situation durch das Virus existenzbedrohend. „Sie stehen am Ufer, das Wasser ist weg, der Tsunami kommt“, sagt Christian Vietmeyer, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Zulieferindustrie, einem Bündnis von über 9.000 mittelständischen Zulieferunternehmen.

Nun würden Vorwürfe laut, die sich direkt an die Autobauer richteten. Letzte Woche noch hätten diese gefordert, lieferfähig zu bleiben, „die üblichen Drohbriefe“, sagt Vietmeyer. Speziell von BMW sei Druck gekommen. Die Zulieferer hätten dann erst aus der Presse erfahren, dass die Hersteller nach und nach die Produktion aussetzen. Besonders sauer stoße den Mitgliedsunternehmen dabei auf, dass die Autobauer als Grund auch Probleme mit den Zulieferern anführen. Außerdem versuchten viele nun händeringend, mit den Kunden in Kontakt zu treten – doch kaum jemand sei erreichbar.

„Wir legen großen Wert auf einen partnerschaftlichen, vertrauensvollen Umgang mit unseren Zulieferern“, heißt es in einem Statement von BMW dazu. „Wir haben in enger zeitlicher Abfolge unsere Mitarbeiter, die Medien sowie unser weltweites Lieferantennetzwerk am Tag der Bilanzpressekonferenz über die geplanten Produktions-Anpassungen informiert.“

Lieferketten „dürfen nicht abreißen“

Für viele mittelständische Unternehmen würde es nun eng. Die Werksschließungen von VW, BMW, Daimler und anderen Autoherstellern seien nachvollziehbar angesichts der „dramatischen Pandemie“, heißt es von der Arbeitsgemeinschaft Zulieferindustrie. Die Lieferketten dürften dabei jedoch nicht radikal abreißen. „Wir erwarten von den Abnehmern in der Wertschöpfungskette, dass die bestellten Waren noch bis mindestens 27. März von den Herstellern angenommen werden“, sagt Vietmeyer. Nur so könne ein abgestimmter Neustart der Produktion auch in der Zulieferkette gelingen.

Die Teile und Materialien, die bestellt wurden, müssten ausgeliefert werden können. Die Befürchtung dahinter: Die Hersteller zahlen sonst nicht, was die Liquidität im Mittelstand weiter austrocknen würde.

Auch wenn die Lieferketten wieder laufen, ist vieles zusammengebrochen. Wir brauchen dringend Unterstützung. Alleine schaffen wir es nicht.

Laut des Verbands könnte es bis Anfang Mai dauern, bis die Produktionen wieder hochfahren. Denn: Waren, die noch in China sind, könnten in den europäischen Häfen kaum vorher ankommen. Man rechne deshalb mit einer Unterbrechung der Fertigung bis zum 20. April – und erwarte von den Autobauern auch dazu nun Informationen.

Finanzierung für Unternehmen: Drohende Überschuldung durch Kredite

Die Unternehmen fordern außerdem schnelle Unterstützung vom Staat. Die von der Bundesregierung angekündigten Überbrückungskredite über KfW-Programme für die Industrie gingen in eine richtige Richtung – jedoch sind diese derzeit nicht für jeden erreichbar. Vietmeyer fordert deshalb: Die Bundesregierung müsse dazu bereit sein, auch Zulieferbetrieben Zuschüsse zu gewähren. „Kredite, also Fremdkapital, schwächen die Bilanz“, sagt Vietmeyer. Mittelständische Zulieferer drohten damit in eine bilanzielle Überschuldung zu laufen.

Zudem müssten die Regeln der EZB und der Bafin an die besonderen Gegebenheiten zeitlich befristet angepasst werden, so dass die Banken nicht die üblichen Sicherheiten hinterlegen müssen.

„Wir sind alle überfordert“

Bernd Nebel ist Geschäftsführer beim Kunststoffzulieferer Plastic Concept, sein Unternehmen liefert beispielsweise an Volkswagen. Er sagt: „Wir haben versucht, einen KfW-Antrag zu stellen. Doch der normale Vorgang eines Kfw-Darlehens überfordert den Mittelstand.“ Kleine Zulieferer könnten keine Liquiditätsvorschau liefern. „Das System ist zu bürokratisch.“ Er fordert: Sowohl KfW-Darlehen als auch Kurzarbeitergeld müssten viel schneller bereitgestellt werden.

Fragt man ihn nach den Vorwürfen aus der Branche, die Hersteller würden schlecht kommunizieren, winkt er ab. „Ich habe Verständnis. Wir sind alle überfordert, das gesamte System ist überfordert.“

Man müsse nun klug führen und kommunizieren, denn die Unsicherheit sei groß. „Auch wenn die Lieferketten wieder laufen, ist vieles zusammengebrochen. Wir brauchen dringend Unterstützung. Alleine schaffen wir es nicht.“

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Über den Autor

 Svenja Gelowicz

Svenja Gelowicz

Redakteurin im Ressort Management