Suchen

Porsche Sportsitz auf Diät

| Redakteur: Jürgen Goroncy / Hartmut Hammer

Porsche reduzierte für den 911 GT2 das Gewicht des bestehenden 911-Seriensitzes um etwa 30 Prozent. Verantwortlich dafür sind vor allem eine gezielte Materialauswahl und Bauteilauslegung.

Firmen zum Thema

Der 911 GT2 ist im Porsche-Portfolio der kompromissloseste Sportwagen mit dem besten Leistungsgewicht (530 PS/1 440 kg). Daraus ergab sich eine Zielvorgabe für die neuen Sportschalensitze von maximal 16 Kilogramm (vorher leichtester 911-Sitz: 22,5 Kilogramm). Das Besondere dabei: Die bisherigen Funktionen und Komforteigenschaften der Sitze sollten unangetastet bleiben – etwa die niedrige Sitzposition, der lückenlose Übergang von der Sitzkissen- zur Lehnenwange und die ausgeprägte Schulterabstützung.

Gewichtsersparnis: 1,34 Kilo

Denn 20 bis 30 Prozent der menschlichen Körperoberfläche haben über den Sitz Kontakt zum Automobil“, begründet Klaus Padberg die restriktive Vorgabe. Padberg ist bei Porsche Leiter Entwicklung Karosserie und Sitzanlagen. Zunächst identifizierte Porsche gemeinsam mit dem Lieferanten Lear Materialien, die mit möglichst geringer Masse die Festigkeitsanforderungen erfüllen. Sie entschieden sich für ein GFK/CFK-Composite (glasfaser- bzw. karbonfaserverstärkter Kunststoff), da es unter anderem eine weit höhere spezifische Zugfestigkeit als zum Beispiel Magnesium, Aluminium oder Stahl hat. Um den Harzeintrag zu minimieren, besteht die Struktur aus vorimprägnierten Fasermatten. Die beste Materialverteilung der Sitzschale und -lehne fanden die Ingenieure mithilfe einer virtuellen Topologieoptimierung: Gewichtsersparnis im Vergleich zur Struktur der bisherig leichtesten 911-Sitzes: 1,34 Kilo.

Weiteres Sparpotenzial fanden die Sitzexperten von OEM und Zulieferer bei den Sitzschienen, die auf jeder Seite bisher ein Gewicht von 1,9 Kilogramm hatten. Durch gezielte Freischnitte in den Konsolen und einer Zweiteilung am Mitteltunnel konnten sie deren Gewicht halbieren und das Gesamtgewicht um weitere 950 Gramm absenken.

Schaumauflagen bieten Einsparpotential

Selbst vor kleinen Details wie den Blenden in der Lehne und an den Beschlägen machten die Tüftler nicht Halt; durch die Zusammenfassung mehrerer Teile in ein Bauteil wurden weitere 129 Gramm pro Sitz eingespart. Erhebliches Potenzial boten auch die Schaumauflagen. Durch unterschiedliche an die anliegenden Körperbereiche abgestimmte Schaumhärten, verbesserten Padbergs Ingenieure nicht nur den Langstreckenkomfort. Gleichzeitig reduzierten sie das Gewicht der Schäume pro Sitz um jeweils 754 Gramm.

Gewichtszielmarke sogar unterboten

Mit einem Gewicht von 15,75 Kilogramm haben die Entwickler die Zielmarke 16 Kilogramm sogar etwas unterboten. Dennoch leidet die Funktionalität nicht darunter. Es lässt sich erstmals bei einem Schalensitz die Lehne umklappen, um den Stauraum im Fond bequemer zu erreichen. Die Entriegelungskinematik besteht aus einer Lederschlaufe, die per Bowdenzug den Mechanismus auslöst. Gleichzeitig ist die Schlaufe so am Sitz angebracht, dass man mit ihr die Lehne vorklappen kann.

Die Klappfunktion schränkt den Seitenhalt des Sitzes nicht ein, da die Drehpunkte weit am oberen Rand der Seitenwangen eingebaut sind. So werden die Aussparungen in den Seitenwangen vermieden, die bei konventionell tief angebrachten Drehpunkten erforderlich sind.

Die Entwicklungszeit von 24 Monaten für den GT2-Sportschalensitz bezeichnet Padberg als „sehr kurz“. Der Sitz bildet den Auftakt zu einer neuen Sitzfamilie, in die Porsche nach eigenen Angaben etwa 50 Millionen Euro investieren will.

Wie viel davon in den reinen Leichtbau fließt, lässt sich nur schwer feststellen. Ulf Schlenker Entwicklungsleiter bei Recaro, weiß aber, dass die ersten OEM ihrem Lieferanten einen Betrag X für jedes eingesparte Kilo zugestehen. „Wenn wir im Sitzkonzept Gewicht einsparen, ist der OEM bereit, höhere Entwicklungskosten zu akzeptieren. Das Signal haben wir von mehreren Kunden“, sagt Schlenker.

(ID:266327)