Klimaneutrale Mobilität VDA-Präsidentin Hildegard Müller: „Es stehen folgenreiche Entscheidungen bevor“

Autor: Claus-Peter Köth

Bis 2025 will die deutsche Automobilindustrie etwa 150 Milliarden Euro in eine klimaneutrale Mobilität investieren. Die Herausforderungen sind nach wie vor groß. Mit Spannung blickt die Branche nächste Woche nach Brüssel.

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VDA-Präsidentin Hildegard Müller: „Eine Verschärfung der EU-Flottengrenzwerte darf nur nach einer sorgfältigen Abwägung erfolgen.“
VDA-Präsidentin Hildegard Müller: „Eine Verschärfung der EU-Flottengrenzwerte darf nur nach einer sorgfältigen Abwägung erfolgen.“
(Bild: VDA/Peter Himsel)

Die deutsche Automobilindustrie leidet immer noch unter der Corona-Pandemie. Das gab der Verband der Automobilindustrie (VDA) heute (7. Juli) bei der Veröffentlichung seiner Halbjahresbilanz bekannt. Im ersten Halbjahr wurden zwar insgesamt rund 1,4 Millionen Pkw neu zugelassen, was einem Plus zum Vorjahr von 15 Prozent entspricht.

Doch im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Jahres 2019 waren es etwa 25 Prozent weniger Pkw-Neuzulassungen in Deutschland und damit deutlich unter dem Niveau vor der Pandemie. Allerdings stiegen die Elektro-Neuzulassungen im Juni um 243 Prozent auf 64.800 Einheiten. Insgesamt sind hierzulande jetzt über eine Million E-Autos neu zugelassen.

Laut VDA-Präsidentin Hildegard Müller hat sich die Branche eindeutig auf das Thema Transformation ausgerichtet: „Wir werden bis 2025 etwa 150 Milliarden Euro in die klimaneutrale Mobilität, die neuen Antriebe, die Digitalisierung und anders investieren.“ Allerdings seien die Herausforderungen für die Branche nach wie vor groß.

Die Erholung aus der Pandemie sei noch nicht überall angekommen – bei den Herstellern sicher etwas mehr als bei den Zulieferern. „Wir liegen in Europa immer noch unter dem Absatzniveau von vor Corona und – das ist jetzt besonders entscheidend – wir stehen vor wichtigen Wahlen in Deutschland und auch vor wichtigen Entscheidungen in Brüssel. Da wird nächste Woche ein Paket kommen, das die Klimaziele der Kommission ins Gesetzgebungsverfahren bringt. Da blicken wir mit großem Interesse drauf“, sagte Müller.

Das Auto spielt weiterhin eine zentrale Rolle

Gemäß einer vom VDA beauftragten Allensbach-Studie wird das Auto auch in der Mobilität von morgen eine zentrale Rolle einnehmen. Demzufolge brauchen mehr als 80 Prozent der Deutschen das Auto für die Gestaltung des beruflichen und familiären Alltags. Selbst in Großstädten geben nur neun Prozent der Bewohner an, ohne Probleme auf das Auto verzichten zu können. „Das Auto wird Fundament des individuellen Verkehrs bleiben – nicht zuletzt, weil es immer besser wird, nämlich nachhaltig, digital und klimafreundlich“, so Müller.

Gleichzeitig sind 70 Prozent der Deutschen laut Allensbach unzufrieden mit ihrem lokalen Ladenetz-Angebot, nur 0,2 Prozent sind sehr zufrieden. Mit der Auswahl bei den Modellen sind die Menschen hingegen zufrieden. „Wer sich für ein E-Auto entscheidet, darf keine Sorge haben, Probleme beim Laden zu haben, weil die Infrastruktur nicht ausreichend ausgebaut ist“, mahnte Müller: „Wir müssten im öffentlichen Raum zum Beispiel rund 2.000 Ladepunkte pro Woche zubauen, es sind aber nur 300.“

Diese Kluft zeige, dass man eine große Aufgabe habe. Je höher und anspruchsvoller jetzt auch die Ziele der EU seien, desto wichtiger die Frage der Ladesäulen – privat, beim Arbeitgeber, im öffentlichen Raum und in Einkaufszentren. „Das ist eine große Infrastruktur-Leistung, die nicht alleine von den Automobilherstellern kommen kann, sondern dafür sind ein Stromnetz und grüner Strom notwendig. Und all diese Infrastrukturvoraussetzungen kranken in Deutschland und erst recht in Europa“, sagte Müller.

Müller: „Menschen wollen keine Verbote“

Mobilität bedeutet Teilhabe, weshalb die Menschen, ihre Bedürfnisse und Lebensrealitäten laut VDA auf dem Weg zur klimaneutralen Mobilität eine zentrale Rolle einnehmen. Die Verbraucher müssten die neuen Arten der Mobilität annehmen, es gelte sie in die Debatte einzubeziehen, statt ihnen vorzuschreiben, was sie zu tun hätten. „Menschen wollen keine Verbote, sondern innovative, vernetzte Angebote“, so Müller.

Gut gefallen hat der VDA-Chefin der jüngste Vorschlag von EU-Kommissar Breton, demnach die EU, wenn sie höhere Flottengrenzwerte vorgäbe, eigentlich auch die Mitgliedstaaten zu einer entsprechenden Ladeinfrastruktur für E-Autos anweisen müsste. Im Moment sind gemäß VDA rund 68 Prozent der Ladepunkte in der EU in nur drei Staaten verfügbar: Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. Deshalb brauche es von der EU-Kommission einen verbindlichen Plan für einen raschen Ausbau der Lade- und Tankinfrastrukturen für alle klimafreundlichen Energieträger. Diese Korrelation sei unabdingbar.

„Eine Verschärfung der EU-Flottengrenzwerte darf nur nach einer sorgfältigen Abwägung erfolgen, die alle Aspekte einschließlich der ökonomischen und sozialen Auswirkungen einbezieht“, fasst Müller zusammen. Die EU und die Bundesregierung sollten neue Klimaziele nur festschreiben, wenn auch die Wege klar sind, auf denen diese Ziele erreicht werden können. Schließlich brauche Transformation Zeit und Verlässlichkeit.

Zum Erreichen der Flottengrenzwerte habe ein schneller Hochlauf der Elektromobilität Priorität. Je nach Bedarf und Voraussetzung seien, neben batterie-elektrischen Antrieben aber auch Plug-in-Hybride, Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Fahrzeuge sowie Antriebe mit synthetischen Kraftstoffen, eine kosteneffiziente und dem Klimaschutz zuträgliche Lösung.

Ohne Stimme in Europa

Ein Flottengrenzwert von Null Gramm CO2 pro Kilometer ab dem Jahr 2035 bedeutet für Pkw laut VDA faktisch ein Verbrennerverbot – Hybride eingeschlossen. „So werden Innovationspotenziale abgeschnitten, die Wahlfreiheit der Verbraucher beschränkt und viele Arbeitsplätze betroffen sein“, erklärte Müller. Sie hoffe, dass die deutsche Politik als Impulsgeber und Treiber in Richtung der Europäischen Union fungiere. Zur Zeit habe man jedoch ganz oft den Fall, dass die Regierungsparteien sich nicht auf eine Linie festlegen können und Deutschland ohne Stimme in Europa sei.

Spätestens nach der Bundestagswahl muss Deutschland den Beweis antreten, dass Klimaschutz- und Industriepolitik zwei Seiten einer Medaille sind und sich gegenseitig bedingen. Wir können erfolgreich Klimaschutz betreiben, aber nur mit einer funktionierenden Wirtschaft, mit Wohlstand, Arbeitsplätzen und einem Zusammenhalt in der Gesellschaft“, bekräftigte Müller.

Vorfreude auf die IAA

Noch vor der Bundestagswahl steht die IAA auf der Agenda – in einem komplett neuen Format und statt in Frankfurt erstmals in München. „Alle Zeichen sind positiv, dass wir die IAA durchführen können. Wir haben natürlich gute Hygiene- und Infektionsschutzkonzepte, sodass Besucher und Aussteller sicher sein können, auf unsere Messe zu kommen“, sagte Müller. Das sei erst einmal das Wichtigste.

Richtig sei aber auch: Die IAA Mobility ist ein neues Konzept, sie werde ein Mobilitäts-Dialog, nicht mehr nur ein Auto-Dialog sein. Die Branche – Hersteller, Zulieferer, Start-ups – werde die neuen Entwicklungen rund um die Kernthemen autonomes Fahren, Digitalisierung, Umweltschutz etc. zeigen, und gleichzeitig viel offener diskutieren: über die Zukunft der Mobilität in Städten und in ländlichen Räumen.

Mobilität gebe es zum Anfassen, nicht nur auf dem Messegelände, die Besucher könnten auf Teststrecken ausprobieren, wie es ist autonom zu fahren. In den Innenstadtplätzen in München werde diese Veränderung und diese Diskussion erlebbar und erfahrbar sein. „Das ist ein ganz neuer und offener Ansatz. Und alle, die mit uns kritisch oder nicht-kritisch diskutieren möchten, sind dort herzlich willkommen. Wir freuen uns sehr, dass wir im September in München sein können!“, sagte Müller.

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 Claus-Peter Köth

Claus-Peter Köth

Chefredakteur Automobil Industrie & Next Mobility