Akuter Handlungsbedarf VDA sieht Automobilstandort Deutschland in Gefahr

Von Doris Pfaff

Der VDA sieht Deutschland als international bedeutsamen Industriestandort gefährdet – unter anderem wegen der hohen Kosten für Energie. Die Branche sieht die Politik in der Verantwortung.

VDA-Präsidentin Hildegard Müller fordert die Bundesregierung und Brüssel auf, in Deutschland und in die EU als weltweit bedeutende Industriestandorte zu investieren.
VDA-Präsidentin Hildegard Müller fordert die Bundesregierung und Brüssel auf, in Deutschland und in die EU als weltweit bedeutende Industriestandorte zu investieren.
(Bild: VDA)

Wenn die deutsche Automobilindustrie weiterhin auf dem internationalen Markt relevant sein soll, müsse sich die Bundesregierung politisch klar zu ihrem Industriestandort bekennen – und in ihn investieren. Denn die Wettbewerbssituation für die deutschen Autobauer sei dramatisch.

Andere Länder hätten ihre Hausaufgaben längst gemacht und ihren Industriestandort gestärkt. 2023 müsse deshalb ein Jahr des Handelns werden, forderte die VDA-Präsident Hildegard Müller am Mittwoch bei der Jahrespressekonferenz des Verbands der Automobilindustrie (VDA).

„Ohne ein ambitioniertes Programm für Wettbewerbsfähigkeit und Standort drohen wir global dauerhaft den Anschluss zu verlieren – mit negativen Folgen für Wohlstand, Beschäftigung und Klimaschutz. Nur eine erfolgreiche Transformation – für Klima, Menschen und Wirtschaft – wird weltweit kopiert“, betonte Müller.

Nach der Coronakrise hätten die Folgen des Kriegs in der Ukraine, insbesondere die Energiekrise, die vorhandenen Standortschwächen Deutschlands schonungslos offengelegt, so Müller weiter. Die geopolitischen Entwicklungen hätten gezeigt, dass das bisherige Wirtschaftsmodell kein automatischer Wohlstandsgarant mehr sei. Nur wenn Deutschland weiterhin eine erfolgreiche und weltweit führende Wirtschaftsnation bleibe, verfüge sie über ein globales politisches Gewicht, mit dem sie sich für den Klimaschutz einbringen könne. Die deutsche Automobilindustrie wolle ihren Beitrag dazu leisten und stehe weiterhin zu den CO2-Zielen.

Rahmenbedingungen für die Autoindustrie verbessern

Allerdings seien die Bedingungen für die deutsche Autoindustrie alles andere als wachstumsfördernd. Müller nannte einen akuten Handlungsbedarf bei Energie, Infrastruktur und Geschwindigkeit. Die hohen Energiekosten machten den Unternehmen zu schaffen, insbesondere den mittelständischen Betrieben. Diesen bringe die Energiekostenbremse, die die Regierung installiert habe, keinerlei Entlastung. Die Energiekosten müssten dringend durch eine Steuerreform gesenkt werden.

Nicht nur die Infrastruktur müsse leistungsfähiger und schneller werden, auch die Entscheidungsprozesse der Politik und der Verwaltung. „Berlin und Brüssel müssen jetzt schnellstmöglich die Wettbewerbsfähigkeit Europas sicherstellen. Industriepolitik ist Klimapolitik. Nur mit den richtigen Rahmenbedingungen können die europäische und die deutsche Industrie weltweit führend bei Transformationstechnologien sein, nachhaltige sowie digitale Innovationen weiter vorantreiben und weltweit exportieren“, forderte die VDA-Präsidentin.

Statt die Industrie zu gängeln, sollte die EU stärker auf marktwirtschaftliche Instrumente setzen und technologieoffen bleiben. Dazu gehöre auch die Absicherung der Industrie durch Rohstoff- und Handelsabkommen und Energiepartnerschaften.

Für das Jahr 2023 prognostizierte der VDA für den deutschen Markt ein leichtes Wachstum um 2 Prozent auf gut 2,7 Millionen Einheiten, aber das ist immer noch ein Viertel weniger als im Vorkrisenjahr 2019. Für den europäischen Markt rechnet der VDA mit einem Absatzplus von 5 Prozent auf 11,8 Millionen Fahrzeuge. Insgesamt sei der Auftragsbestand der deutschen Hersteller durch die gestörten Lieferketten weiterhin auf hohem Niveau, die Produktion werde aber weiter hochgefahren.

Chipkrise bleibt bestehen

Zu den drei wichtigsten Absatzmärkten der deutschen Autoindustrie gehören die USA, gefolgt von Großbritannien und China. 2023 werde der Weltmarkt mit 74 Millionen neu produzierten Fahrzeugen weiter unter dem Rekordniveau von 2017 liegen, aber um 4 Prozent gegenüber 2022 wachsen.

Der deutsche Markt befinde sich mit dem prognostizierten Plus von zwei Prozent auch 2023 deutlich unter dem Vorkrisenniveau von 2019 (3,6 Mio. Fahrzeuge). Ursache seien weiterhin auch die strapazierten Lieferketten, die die Autoproduktion der deutschen Hersteller in Deutschland und im Ausland hemmten. Müller rechnet zwar mit einer leichten Entspannung in der Chipkrise, jedoch nicht mit ihrer Auflösung. Dazu sei der weltweite Bedarf an Halbleitern zu hoch. Die schrittweise Entspannung der Versorgungslage dürfte im Jahr 2023 zu einer weiteren Erholung der Pkw-Inlandsproduktion führen.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung.

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Der VDA erwartet einen Zuwachs von 6 Prozent auf 3,7 Millionen Fahrzeuge. Das wären 20 Prozent weniger als im Vorkrisenjahr 2019. Die Pkw-Auslandsproduktion deutscher Konzernmarken dürfte mit der Fertigung von 10,3 Millionen Pkw ebenfalls um 6 Prozent zulegen. Bei den Nutzfahrzeugen sei die Nachfrage weiterhin intakt. Der VDA erwartet in Europa einen Zuwachs von 4 Prozent.

Für das Erreichen der Klimaziele braucht es E-Fuels

Bereits 2022 war jedes dritte neu in Deutschland zugelassene Auto ein E-Fahrzeug, davon die Hälfte rein elektrisch. 2023 werde jedes vierte in Deutschland produzierte Auto ein E-Auto sein, so der VDA. Um den Hochlauf der Elektromobilität fortzuführen, müsse die Politik allerdings ebenfalls die Rahmenbedingungen schaffen.

Die deutschen Autobauer seien optimistisch, das ambitionierte Ziel der Politik, bis 2030 15 Millionen E-Autos auf den deutschen Straßen zu haben, zu erreichen. Die Hersteller erweiterten die Produktpalette. Doch die Energiekrise und der teure Ladestrom hemmten die Kauflust. Besonders kritisch wertete Müller den schleppenden Ausbau der Ladeinfrastruktur und des Stromnetzes.

Grundsätzliche Zweifel an der E-Mobilität habe sie jedoch nicht. Jedoch daran, ob die Klimaziele ohne den Bestand der Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren erreicht werden können. Synthetische Kraftstoffe für die Beimischung bei der Betankung bereits zugelassener Verbrenner und Nutzfahrzeuge müssten dabei inbegriffen sein. Deshalb müsse auch in die Entwicklung von E-Fuels investiert werden, betonte Müller.

(ID:48987760)