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Serie: Kreativ in der Krise ZF-Chef Scheider: „In globalen Krisen hat auch eine regionalere Lieferantenstruktur nur bedingt Vorteile“

Autor / Redakteur: Claus-Peter Köth / Svenja Gelowicz

ZF-Vorstandsvorsitzender Wolf-Henning Scheider spricht im zweiten Teil unserer Serie über den Hochlauf der Werke und den Zustand der Lieferketten, Forderungen an die Politik und eine neue Firmenkultur nach der Krise.

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Wolf-Henning Scheider, Vorstandschef von ZF.
Wolf-Henning Scheider, Vorstandschef von ZF.
(Bild: ZF)

Herr Scheider, die Politik hat die ersten Maßnahmen für einen langsamen Exit aus dem Corona-Lockdown beschlossen. Wie planen Sie nun den Hochlauf Ihrer Produktion? Welche Szenarien haben Sie durchgespielt?

Wir bereiten uns schon seit längerem darauf vor, wie wir die Produktion wieder hochfahren können. Die Erfahrungen aus China, wo die meisten unserer Werke nach dem Stopp bereits wieder mit nahezu voller Kapazität arbeiten, waren hier sehr hilfreich. Wichtig ist, dass wir flexibel sind und bei Wiederaufnahme der Produktion durch unsere Kunden unmittelbar wieder liefern können – und dass wir unsere Mitarbeiter bestmöglich vor Ansteckung schützen. Klar ist, dass es in allen Bereichen ein schrittweises Hochfahren geben wird.

Wird die Corona-Krise den Technologiewandel in Richtung Elektromobilität beschleunigen, wenn beispielsweise eine Ökoprämie als Konjunkturmaßnahme verabschiedet wird?

Auch wenn das Coronavirus derzeit das beherrschende Thema ist: Wir dürfen das Ziel, die Emissionen zum Schutz unseres Planeten zu reduzieren, nicht aus den Augen verlieren. Reine Elektro- und Plug-in-Hybridfahrzeuge werden bereits heute über den Umweltbonus und die Regelung der Dienstwagenbesteuerung erfolgreich gefördert. Falls die Politik weitere ökologische Anreize setzen will, könnte über eine zusätzliche Förderung von Fahrzeugen der Emissionsnorm Euro 6d nachgedacht werden. Sinnvoll ist aktuell eine breite Förderung, um die Werke wieder auszulasten und Arbeitsplätze zu sichern. Und auch vom Ausbau der Ladeinfrastruktur wird die Akzeptanz von E-Autos maßgeblich abhängen.

Corona zeigte die Anfälligkeit der Lieferketten. Braucht es hier in der Automobilindustrie eine Anpassung und wenn ja, wie könnte diese aussehen?

Wir konnten unsere Lieferketten bis zuletzt stabil halten, da wir aus jahrzehntelanger Erfahrung ein bewährtes Risikomanagement mit striktem Monitoring haben. Dazu zählt, auch auf alternative Lieferanten zurückgreifen zu können und – wenn nötig – Lieferanten im Bedarfsfall zu unterstützen. In globalen Krisen wie jetzt, in denen die Weltwirtschaft nahezu gleichzeitig zum Stillstand kommt, hat auch eine regionalere Lieferantenstruktur nur bedingt Vorteile. Der Warenfluss über Grenzen ist zwar erschwert, funktioniert aber noch – das Problem sind die umfassenden Produktionsstillstände.

Planen Sie selbst, künftig stärker regional agierende Lieferanten zu beauftragen?

Unsere erste Aufgabe ist nun, einen geordneten Wiederanlauf der Produktion sicherzustellen und die etablierten Lieferketten wieder in Gang zu setzen. Erst wenn wir wieder eine gewisse Stabilität erreicht haben, werden sich solche strategischen Fragen stellen – die wir überdies nicht für uns allein beantworten können, da unsere Industrie eng miteinander verwoben ist. Nicht zu vergessen ist dabei, dass wir heute aus Deutschland in großem Umfang nach Nordamerika und Asien exportieren. Von den bisherigen globalen Lieferketten hat Deutschland profitiert.

Wird der digitale Arbeitsplatz in der Nach-Corona-Ära physische Kontakte und Dienstreisen mehr als bisher ersetzen?

Die Ära der digitalen Zusammenarbeit hat längst begonnen. Sie erhält durch die Pandemie einen Schub, und wir können nun zusehen, wie sich digitalisierte Arbeitswelten etablieren. Wir sehen also, was funktioniert – und wo der persönliche Kontakt vielleicht doch sinnvoller ist. Aus diesen Erfahrungen wird sicher eine geänderte Meeting- und Dienstreise-Kultur erwachsen. Die positiven Erfahrungen der Videokonferenzen werden wir stärker als bisher nutzen.

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 Claus-Peter Köth

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Chefredakteur