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Wirtschaft Zulieferer über Coronakrise: „Planen von Stunde zu Stunde“

| Autor: Svenja Gelowicz

Die Situation für mittelständische Zulieferer ist angespannt. Wir haben mit Unternehmen über die aktuelle Lage und die größten Herausforderungen gesprochen.

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Autohersteller wollen die Waren der Zulieferer in der Coronakrise nicht mehr annehmen.
Autohersteller wollen die Waren der Zulieferer in der Coronakrise nicht mehr annehmen.
(Bild: BMW)

Im Zuge der Corona-Pandemie stoppen Autohersteller und Systemlieferanten ihre Produktionen für mehrere Wochen. Viele mittelständische Zulieferer kritisieren dabei die Kommunikation, die Situation ist angespannt (wir berichteten). Im Gespräch mit »Automobil Industrie« schildern einige Unternehmensvertreter ihre Sicht. Da Kritik von einzelnen Unternehmen schnell übel genommen würde, sagt einer, sei es gut, dass die Arbeitsgemeinschaft Zulieferindustrie gestern deutlich Stellung bezogen hat. Vor allem die „lapidaren Schreiben“ der Autohersteller und Systemlieferanten ohne konkrete Informationen rufen Wut in der Branche hervor.

Kritik: Die Informationen fehlen

Torsten Bremer ist CEO des Gummi- und Kunststoffspezialisten Boge Rubber & Plastics. „Bei allem Verständnis für die unberechenbare Pandemie-Situation: Es bereitet uns als Zulieferer erhebliche Probleme, wie kurzfristig die Werksschließungen angekündigt wurden. Die Infos kommen mit einem Vorlauf von lediglich ein bis drei Arbeitstagen, und oftmals zuerst über Pressemitteilungen.“ Auch fehle es vielfach an Informationen darüber, wie lange die Produktionsstopps konkret dauern werden. „Wir planen von Stunde zu Stunde“, sagt Bremer. Sein Unternehmen bereite innerhalb kürzester Zeit die mitbestimmungspflichtigen Themen Kurzarbeit und mobiles Arbeiten vor.

„Manche wollen noch Ware, andere nicht; auch die Werksschließungen laufen bei jedem Kunden anders“, sagt auch Hans Huonker, Inhaber des gleichnamigen Automobilzulieferers Huonker aus Villingen-Schwenningen. Die Tier-1-Zulieferer hätten nicht von selbst ihre Sublieferanten informiert, man habe alle Kunden abtelefoniert und sich so einen Überblick über die Lage verschafft. Die Situation sei ein „gleitender Sinkflug“. Er hätte sich konsequente und für alle gültige Vorgaben aus der Politik gewünscht – eine „konsultierte Aktion“.

Bestellungen im System – Lieferanten sitzen auf ihren Beständen

Die Automobilzulieferer kritisieren, nun auf den Beständen zu sitzen. „Unsere Waren stehen jetzt in der Kommissionierzone“, sagt Hans Huonker. Man solle sie „bloß nicht ausliefern“.

„Wir sehen viele Abrufe noch immer in den Systemen“, sagt Bremer von Boge Rubber and Plastics. Rechtlich müsse man sie bedienen. „Die Spediteure kommen nicht mehr. Aber wir haben produziert und sitzen nun auf den Beständen.“ Die Produktion lief auf Basis der offiziellen Abrufe im System weiter, man würde nun aber deutliche Überbestände an Halb- und Fertigerzeugnissen aufgebaut haben – die vermutlich mittelfristig nicht abgenommen würden.

Auch hier fehlten die Informationen zu Aus- und Wiederanlauf. Man könne nicht ordentlich disponieren. „Das wird Geld kosten.“ Normalerweise habe man sechs Wochen Vorlaufzeit um zu reagieren. In dieser Ausnahmesituation hätte er zehn Werktage als seriöse Vorlaufzeit empfunden. „Wir wissen nicht, wie viele Mitarbeiter wir Anfang nächster Woche brauchen, weil die Abrufe noch nicht korrigiert sind.“

Produktionsstopp als Force Majeure?

Bremer stört sich nicht nur an der Situation hierzulande. Seine chinesischen Werke laufen mittlerweile wieder auf 80 Prozent, sie exportieren unter anderem nach Europa. Als diese Werke von den Bezirksregierungen stillgelegt wurden, kündigte man Lieferängepässe an und wollte sich auf Force Majeure, also höhere Gewalt berufen – was laut Bremer vielfach abgelehnt wurde. Jetzt brauche man die Ware nicht mehr – und einige Kunden berufen sich selbst auf höhere Gewalt. „Jetzt gilt es plötzlich“, so Bremer.

Wir müssen auf Sparflamme weiter fahren. Das ist teurer, wie wenn wir die Produktion vollständig herunterfahren würden.

Produktionen auf Sparflamme: Teure Teile

Im Gegensatz zu den Autoherstellern und Systemlieferanten könnten die Sublieferanten auch nicht einfach komplette Werke abschalten, da viele dieser Standorte an unzählige Ablieferstellen in aller Welt liefern müssten. „Wir müssen auf Sparflamme weiter fahren, um die verbliebenen internationalen Aufträge zu bedienen. Das macht die Produkte sehr viel teurer, als wenn wir die Produktion voll durchlaufen ließen oder wenigstens zeitweise vollständig herunterfahren könnten“, sagt Bremer. Diese Extrakosten müsste man mit den Kunden diskutieren.

„Wenn man im kunststoffverarbeitenden Sektor unter eine kritische Größe kommt, ist die Produktion so unwirtschaftlich, dass es unglaublich ist. Die Mehrkosten können wir aber nicht weitergeben“, sagt Huonker. Die Überstundenkonten seien in seinem Unternehmen noch gut gefüllt, die fahre man nun nach unten. Die nächsten Tage läuft die Produktion erst mal weiter, in der nächsten Woche drossele er sie dann. Und die Mitarbeiter? „Das ist meine Hauptkritik: hier fehlen die Anweisungen von oberster Stelle“, so Huonker. Er hat Schutzkleidung ausgegeben und organisiert Schichtübergaben ohne Kontakt. „Das ist alles nicht effizient.“

Er wünscht sich nun vor allem eines: Informationen. Die Unvorhersehbarkeit der Krise passt eben nicht zu den durchgeplanten Abläufen der Autoindustrie. Huonker sagt: „Wir müssen ja vor unseren Kunden wieder anlaufen. Es wäre gut zu wissen, wie die Werke wieder hochgefahren werden.“

Liquidität: Schnelle Hilfen gefordert

Bernd Nebel ist Geschäftsführer vom Zulieferer Plastic Concept. Er begrüßt zwar die schnelle Reaktion der Bundesregierung zur finanziellen Unterstützung: „Wir brauchen Liquidität.“ Doch die KfW-Kredite stärkten eben nicht das Eigenkapital, was die Bilanz in einem Rating verschlechtere. Wenn die Krise dann vorbei sei, habe man einen „Haufen Kredite an der Backe.“ Wie abbezahlen? Das müssten Finanzhilfen berücksichtigen.

Rolf Geisel vom Abgasspezialisten Boysen sagt in einer Mitteilung, es zeige sich schon „nach 24 Stunden, dass die von der Politik zugesagten schnellen Hilfen für die Unternehmen nur Schall und Rauch sind. Die Vorgaben zum Erhalt solcher Hilfen sind teils völlig unrealistisch und stellen für viele eine unüberwindbare Barriere dar“.

„Wir können nur begrüßen, dass die Bundesregierung so schnell mit den Krediten reagiert hat“, sagt hingegen Torsten Bremer. Wenn man bedenke, wie lange solche Entscheidungen sonst dauerten, sei das eine Glanzleistung – auch, wenn sie für kleine Unternehmen nicht optimal seien.

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Über den Autor

 Svenja Gelowicz

Svenja Gelowicz

Autojournalistin