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Blockchain für Mobilität – Idee oder ideal?

| Redakteur: Maximiliane Reichhardt

Die Blockchain als Brücke für Automobilindustrie und ÖPNV: Welche Potenziale die Blockchain-Technologie für die Mobilität haben kann, skizziert Kimberley Trommler vom Cluster Automotive von Bayern Innovativ.

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Kimberly Trommler vom Cluster Automotive.
Kimberly Trommler vom Cluster Automotive.
( Bild: Bayern-Innovativ )

Blockchain ist als Technik in aller Munde. Doch wenn man sich diese Dezentralisierung der IT im Allgemeinen und Blockchain im Speziellen betrachtet und diese Argumente in Beziehung für zukünftige Mobilitätskonzepte bringt, dann kommen Meinungen wie von Kimberley Trommler vom Cluster Automotive ins Spiel.

Frau Trommler, wie erklärt sich Blockchain in Kürze?

Nun, zum einen bringt es einen Schutz großer Datenmengen mittels Verschlüsselung und Zugriffsrechte. Dazu kommt die Möglichkeit, große Datenmengen unternehmensübergreifend zu sammeln und analysieren. Alle Daten werden in Blöcke unterteilt, die wiederum in eine sogenannte Kette aneinandergehängt werden. Kryptographische Verfahren aus der IT-Sicherheit sorgen dafür, dass einmal geschriebene Blöcke nicht mehr veränderbar sind. Dazu kommt die Verteilung, ein zweiter wichtiger Aspekt von Blockchain: Meist sind Datenbanken und Anwendungen „zentral“ verwaltet. Blockchain-Anwendungen sind es hingegen nicht, denn die Daten und Anwendungen werden dezentral über mehrere Rechner verteilt. Per Konsens-Verfahren wird entschieden, welche Daten originär gültig sind. Fälschungen und Manipulationen sind so ausgeschlossen. Prozessbezogen sind beispielsweise Lieferkette und Zahlungsmodalitäten inklusive Reporting in einer IT-Infrastruktur neu definiert und protokolliert. Was wiederum neue Services und Geschäftsmodelle im Mobilitätssektor eröffnet.

Wie sehen denn Mobilitätsanwendungen mit Blockchain aus – können Sie hier erste Modelle beschreiben?

Bisher bekannte Blockchain-Anwendungen sind Kryptowährungen wie Bitcoin. Alle Güter, die irgendwie digitalisierbar sind, lassen sich in einer Blockchain speichern. Beispiele hierfür sind Grundbucheinträge, die in einer Blockchain den Eigentumsübergang als Transaktionen speichern oder die lückenlose Protokollierung der Lieferkette vom Bauernhof bis in den Einkaufswagen. Bezogen auf Automotive können Autos zukünftig selbst Dienste wie Parking oder Aufladen bezahlen. Als Pilotprojekt entwickelt trive.me, eine Tochtermarke von EDAG, ein Maschine-to-Maschine-Bezahlsystem für Parkplätze, das automatisch die Parkgebühren berechnet und bezahlt.

Derzeit gibt es klare Bestrebungen, die urbane Mobilität umweltfreundlicher, sicherer und effizienter zu gestalten. Zu erwähnen ist hier MOBI als Vereinigung, das mehr als 30 Unternehmen aus den Zweigen Automobile, Zulieferer und Software bündelt. Im Fokus sind übergeordnete Standards, die der Blockchain-Technologie in der Automobilindustrie zu mehr Akzeptanz verhelfen sollen.

Wie kann man solche Bezahlsysteme etablieren? Gibt es schon Lösungen mit Vorzeigecharakter?

Der Mehrwert solcher Bezahlsysteme für den Fahrer steigt mit der Anzahl der angebotenen Dienste. Es ist nicht mehr deren Umsetzung entscheidend, sondern Angebot und Akzeptanz der Plattformen, die als Vermittler zwischen Anbietern und Kunden fungieren. Bestes Beispiel dafür ist ZF Car eWallet, eine Ausgründung von ZF Friedrichshafen, die ein Blockchain-basiertes Transaktions-Netzwerk vorstellt, das Mobilitätsdienste, Fahrzeuge und Infrastruktur auf einer gemeinsamen Plattform integriert.

Noch ist alles am Entstehen und eine von Simon-Kucher & Partners durchgeführte Studie prognostiziert, dass Blockchain-Anwendungen für den globalen Automotive-Sektor bis zum Jahr 2030 ein jährliches Monetarisierungspotenzial von 104 Milliarden Euro erreichen kann. Anwendungen müssen sich beweisen, damit Blockchain sinnstiftend eingesetzt wird und auch den Nutzen generiert. Es gilt, nicht nur Blockchain um des Blockchains Willen einzusetzen – gerade weil noch viele Anwendungen besser mit bestehenden IT-Lösungen, wie SQL-Datenbanken und Web-Benutzeroberflächen, funktionieren. Das automatische Bezahlen für weitere Dienste, wie beispielsweise das Aufladen von Elektrofahrzeugen, Zollgebühren oder Versicherungen befindet sich bisher noch in Testphasen.

Welche möglichen Anwendungen fallen Ihnen noch zu Blockchain ein?

Vorstellbar ist ein intelligentes Staumanagement, bei dem mittels vernetzter Autos und Car-to-Car-Kommunikation verstopfte Straßen eine Routenplanung angeboten wird, die über Blockchain-Transaktion abgerechnet wird. Mehr als ein Viertel aller Studienteilnehmer wären bereit, für diesen Service durchschnittlich zehn Euro pro Monat zu zahlen. Die „Willingness to Pay“ ist laut Studie vorhanden – gerade wenn es um die Sicherheit geht. Beim Gebrauchtwagenkauf ist die Transparenz für Kilometerverbrauch und Scheckhefteintragungen den Nutzern fünf Euro im Monat wert, was sogar noch für Blockchain-Apps zur Fernsteuerung der Autotüren oder zum Schutz der Fahrzeugdaten gegen Hackerangriffe getoppt wird. Ich bin überzeugt, dass Blockchains echte Möglichkeiten bieten. Es gilt, in den kommenden Jahren die ersten kommerziellen Blockchain-Netzwerke zu etablieren. Gute Beispiele liefert beispielsweise BMW, die diese Technologie zur Verifizierung der ethisch korrekten Förderung von Kobalt für die Batterieherstellung einsetzen. Die App VerifyCar ist bei BMW in der Entwicklung, um Kilometerstände bei geleasten Fahrzeugen sicher zu erfassen. Und bei Toyota dient Blockchain zur weiteren Entwicklung von selbstfahrenden Autos, um in Echtzeit und manipulationssicher relevante Verkehrsdaten zu sammeln.

Wie geht es weiter mit dem Thema – wird der Cluster Automotive Blockchain-Themen forcieren?

Nun ja, forcieren werden wir nichts dergleichen, da unsere neutrale Position vielmehr die Rolle hat, unsere Kunden auf unterschiedlichen Plattformen wie der Conference on Future Automotive Technology, kurz CoFAT über den aktuellen Status vom Blockchain auf dem Laufenden zu halten. Wie gesagt, es ist uns wichtig, im Netzwerk Entwicklungspartnerschaften zu generieren, wenn man ein Konsortium für ein Blockchain-Projekt braucht. Weiterhin arbeiten wir aktiv mit weiteren Clustern bei Bayern Innovativ zur Blockchain zusammen. Mit dem Cluster Neue Materialen, der Friedrich-Alexander Universität Erlangen / Nürnberg und Neue Materialen Fürth organisieren wir einen Workshop über Blockchain in der Produktion. Die Hoffnung ist, aus diesem Workshop ein Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand-Netzwerk für Blockchain in der Produktion in Franken zu etablieren. Und als Teil des Nürnberg Digital Festivals organisiere ich zudem einen Blockchain-Hackathon in der Fertigung.

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