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Automobilzulieferer Bosch treibt Klimaschutz voran und ist bereit für Wasserstoff

| Autor / Redakteur: Claus-Peter Köth / Jens Scheiner

Für Bosch-Chef Volkmar Denner ist der Klimawandel jenseits von Corona auch in diesem Jahr das bestimmende Thema. Bei der Automobilproduktion rechnet der Zulieferer im Jahr 2020 mit einem Minus von mindestens 20 Prozent.

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Bosch-Chef Volkmar Denner: „Wo immer möglich, wollen wir unser Know-how in die Anstrengungen zur Eindämmung der Pandemie einbringen, etwa mit unserem neu entwickelten Covid-19-Schnelltest und unserem Analysegerät Vivalytic.“
Bosch-Chef Volkmar Denner: „Wo immer möglich, wollen wir unser Know-how in die Anstrengungen zur Eindämmung der Pandemie einbringen, etwa mit unserem neu entwickelten Covid-19-Schnelltest und unserem Analysegerät Vivalytic.“
(Bild: Bosch)

„Wir befinden uns in einem Ausnahmezustand, auch bei Bosch gibt es derzeit so vieles, was es noch nie gegeben hat – was vor Corona unvorstellbar gewesen war“, sagte Bosch-Chef Volkmar Denner zur Eröffnung der alljährlichen Bilanzpressekonferenz am Mittwoch (29. April), die per Livestream stattfand.

Zum Beispiel seien von den weltweit nahezu 100 Werken noch 63 im Shutdown, alleine in Deutschland mehr als die Hälfte der Mitarbeiter mit reduzierter Arbeitszeit tätig.

Aktuell bereitet sich das Unternehmen systematisch auf den schrittweisen Hochlauf der Fertigung vor. „Mit einer verlässlichen Zulieferung wollen wir die langsam wieder steigende Nachfrage unserer Kunden bedienen und zu einer möglichst raschen Erholung der Weltwirtschaft beitragen,“ sagte Denner.

„Unser Ziel ist ein synchronisierter Hochlauf der Fertigung und die Sicherung der Lieferketten insbesondere in der Automobilproduktion. In China ist uns dies bereits gelungen. Unsere rund 40 Werke vor Ort produzieren wieder und die Lieferketten sind stabil. In den übrigen Regionen arbeiten wir mit Hochdruck daran.“

Geschäftsjahr 2019 und Ausblick 2020

Vor dem Hintergrund einer weiter abgeschwächten Weltkonjunktur und einer um 5,5 Prozent rückläufigen Automobilproduktion hat sich die Bosch-Gruppe im Jahr 2019 ordentlich behauptet, erklärte Stefan Asenkerschbaumer, Finanzchef und stellvertretender Vorsitzender der Bosch-Geschäftsführung. Die Umsatzerlöse lagen mit 77,7 Milliarden Euro nur um 0,9 Prozent unter Vorjahresniveau; wechselkursbereinigt sanken sie um 2,1 Prozent.

Die Bosch-Gruppe erwirtschaftete ein operatives EBIT von 3,3 Milliarden Euro. „Den Ergebnisausweis belasteten neben hohen Vorleistungen vor allem die schwache Verfassung von Märkten wie China und Indien, die weiter gesunkene Diesel-Nachfrage bei Pkws und hohe Restrukturierungsaufwendungen insbesondere in der Mobilitätssparte“, erklärte Asenkerschbaumer.

Bosch: „Stellen uns auf Rezession ein“

Der Unternehmensbereich Mobility Solutions erreichte trotz des Rückgangs der weltweiten Automobilproduktion einen Umsatz von 46,8 Milliarden Euro. Damit lagen die Erlöse um 1,6 Prozent unter Vorjahr, wechselkursbereinigt um 3,1 Prozent. Die operative EBIT-Rendite betrug lediglich 1,9 Prozent.

Mit Blick auf das laufende Geschäftsjahr und die Corona-Pandemie rechnet Bosch mit erheblichen Herausforderungen für die Weltwirtschaft: „Wir stellen uns auf eine globale Rezession ein, die auch unsere Geschäftsentwicklung 2020 deutlich belasten wird“, so Asenkerschbaumer.

Bei der Automobilproduktion rechnet Bosch aktuell für 2020 auf Basis der bislang bekannten Effekte mit einem Minus von mindestens 20 Prozent. Im ersten Quartal dieses Jahres fiel der Umsatz der Bosch-Gruppe gegenüber dem Vorjahr um 7,3 Prozent. Alleine im März betrug der Rückgang 17 Prozent, bei „Mobility Solutions“ sogar 19 Prozent. Für das Gesamtjahr gab der Zulieferer angesichts der erheblichen Unsicherheiten keine Prognose ab. „Es bedarf größter Anstrengungen, um zumindest ein ausgeglichenes Ergebnis zu erreichen“, bilanzierte Asenkerschbaumer

Bosch: Beitrag zur Eindämmung der Corona-Pandemie

„Wo immer möglich, wollen wir unser Know-how in die Anstrengungen zur Eindämmung der Pandemie einbringen, etwa mit unserem neu entwickelten Covid-19-Schnelltest und unserem Analysegerät Vivalytic“, sagte Denner: „Die Nachfrage ist sehr groß. Wir tun alles, um die Produktion deutlich zu steigern und werden sie gegenüber den bisherigen Planungen bis Jahresende verfünffachen.“ Bosch will 2020 mehr als eine Million Schnelltests produzieren, im nächsten Jahr sollen es drei Millionen sein.

Das Analysegerät Vivalytic soll ergänzend zu den bisherigen Labortests zunächst in Krankenhäusern und Arztpraxen und dort vor allem zum Schutz des medizinischen Personals eingesetzt werden, für das die rasche Verfügbarkeit der Testergebnisse in weniger als zweieinhalb Stunden entscheidend ist. Eine europaweite CE-Kennzeichnung erwartet Bosch bis Ende Mai. Ein noch schnellerer Test, der in weniger als 45 Minuten eine Covid-19-Erkrankung verlässlich ermitteln kann, befindet sich in der Endphase der Entwicklung.

Mund-Nasen-Schutz: 500.000 Masken pro Tag

Darüber hinaus hat Bosch bereits die Fertigung von Mund- und Nasenschutzmasken aufgenommen. Schon jetzt stellen 13 Werke in neun Ländern, von Bari in Italien über Bursa in der Türkei bis hin zu Anderson in den USA, in Eigeninitiative solche Masken für ihren lokalen Bedarf her. Außerdem baut das Unternehmen derzeit zwei vollautomatische Fertigungslinien am Standort Stuttgart-Feuerbach auf – weitere Linien folgen in Erbach (Odenwald) sowie in Indien und Mexiko. Insgesamt können pro Tag mehr als 500.000 Masken produziert werden.

Wasserstoff gewinnt für Bosch in der Automobilindustrie und in der Gebäudetechnik an Bedeutung. Für den Einsatz in Fahrzeugen bereitet der Zulieferer zusammen mit dem Partner Powercell die Industrialisierung des Stacks einer mobilen Brennstoffzelle vor.
Wasserstoff gewinnt für Bosch in der Automobilindustrie und in der Gebäudetechnik an Bedeutung. Für den Einsatz in Fahrzeugen bereitet der Zulieferer zusammen mit dem Partner Powercell die Industrialisierung des Stacks einer mobilen Brennstoffzelle vor.
(Bild: Bosch)

Klimaschutz: Bereit für Wasserstoff

Trotz der aktuell herausfordernden Situation hält Bosch seinen langfristigen, strategischen Kurs: bezüglich der Klimaschutzziele und den Aktivitäten zum Ausbau der nachhaltigen Mobilität. „Wenngleich andere Themen gegenwärtig im Fokus stehen, dürfen wir die Zukunft unseres Planeten nicht aus dem Blick verlieren“, sagte Denner. Das Ziel Ende 2020 an weltweit allen 400 Standorten klimaneutral zu sein, werde man erreichen.

Bezogen auf eine nachhaltige Mobilität ist laut Denner eine breite Technologieoffensive wichtig, die nicht nur einen batterieelektrischen Weg vorgibt, sondern neben effizienten Verbrennungsmotoren vor allem auch E-Fuels und Brennstoffzelle berücksichtigt. Der Unternehmenschef forderte für die Zeit nach der Coronakrise einen mutigen Einstieg in die Wasserstoff-Wirtschaft und in die E-Fuels-Produktion. Nur so kann seiner Einschätzung nach Europa bis 2050 klimaneutral werden. „Heutige Wasserstoff-Anwendungen müssen raus aus den Reallaboren und rein in die Realwirtschaft“, sagte Denner.

Der Klimaschutz beschleunigt den Strukturwandel in vielen Branchen. „In der Automobilindustrie genauso wie in der Gebäudetechnik gewinnt Wasserstoff an Bedeutung. Hierauf ist Bosch sehr gut vorbereitet“, erklärte Denner. Für den Einsatz in Fahrzeugen bereite man bereits mit dem Partner Powercell die Industrialisierung des Stacks einer mobilen Brennstoffzelle vor. Die Markteinführung ist für 2022 geplant. Das Unternehmen will sich damit auf einem weiteren Wachstumsmarkt erfolgreich positionieren: Bereits 2030 könnte jedes achte neuzugelassene schwere Nutzfahrzeug mit einer Brennstoffzelle ausgestattet sein.

Elektrifizierung des Produktportfolios

„Elektrische Lösungen im Zeichen des Klimaschutzes werden die bisher dominierende Verbrennertechnik im Auto zunächst nur ergänzen können“, betonte Denner weiter. Deshalb treibe Bosch die Weiterentwicklung der Antriebstechnik technologieoffen voran. Laut der Marktforschung von Bosch werden auch 2030 zwei von drei Neuwagen Diesel oder Benziner sein, mit oder ohne Hybrid. Das Unternehmen investiert daher auch weiterhin in hocheffiziente Verbrennungsmotoren.

So stoße der Diesel mit der neuen Abgastechnik von Bosch nahezu kein Stickoxid mehr aus, das hätten unabhängige Tests gezeigt. Auch Ottomotoren entwickelt Bosch konsequent weiter: Mit innermotorischen Maßnahmen und effizienter Abgasnachbehandlung kann der Partikelgrenzwert der Euro-6d-temp-Norm um etwa 70 Prozent unterschritten werden.

Darüber hinaus setzt sich Bosch für erneuerbare Kraftstoffe ein, da auch der bereits vorhandene Fahrzeugbestand einen Beitrag zur CO2-Reduzierung leisten müsse.

Sogenannte E-Fuels, also synthetische Kraftstoffe, die ausschließlich mit erneuerbaren Energien erzeugt werden, könnten den Verbrenner CO2-neutral machen. Laut Denner wäre es deshalb ein zielführender Ansatz, E-Fuels auf den Flottenverbrauch anzurechnen, anstatt die CO2-Regulierung für die reinen Fahrzeugemissionen weiter zu verschärfen.

Insgesamt will Bosch Marktführer in der Elektromobilität werden. Dazu investiert der Zulieferer in seinen Werken Eisenach und Hildesheim in diesem Jahr rund 100 Millionen Euro in die Produktion elektrischer Antriebssysteme.

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 Claus-Peter Köth

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