Suchen

Kommentar

CO2-Grenzwerte: Schlimmer geht immer

| Autor/ Redakteur: Claus-Peter Köth / Sven Prawitz

Die Emissionsvorgaben für die Automobilbranche wurden nochmals verschärft. Wie sind die nun vereinbarten CO2-Grenzwerte für Pkws und leichte Nutzfahrzeuge zu erreichen? Ein Kommentar von »Automobil Industrie«-Chefredakteur Claus-Peter Köth.

Firmen zum Thema

Claus-Peter Köth ist Chefredakteur der Fachzeitschrift »Automobil Industrie«.
Claus-Peter Köth ist Chefredakteur der Fachzeitschrift »Automobil Industrie«.
(Bild: Stefan Bausewein)

Schock für die Automobilindustrie: Von 2021 bis 2030 sollen die CO2-Flottengrenzwerte für Pkws in Europa nun nicht um 30 bzw. 35 Prozent sinken, sondern sogar um 37,5 Prozent – auf diesen Vorschlag einigten sich gestern Vertreter der EU-Kommission, des EU-Parlaments und des europäischen Rates im Trilog; im Jahr 2025 sollen es bereits 15 Prozent sein auf Basis der Grenzwerte von 2021. „Gemessen am heutigen Stand ist das völlig unrealistisch“, wettert der europäische Herstellerverband Acea. „Diese Regulierung fordert zu viel und fördert zu wenig“, kommentiert der VDA. Und VW-Chef Herbert Diess kündigt umgehend ein noch weitergehendes Umbauprogramm an: Der Anteil an E-Autos müsse stärker wachsen als bisher geplant.

Fakt ist: Um einen Durchschnittsverbrauch in der Flotte von unter drei Litern zu erzielen, muss die Elektrifizierung des Antriebs massiv voranschreiten. Das bisher für 2030 propagierte, weltweite 30:40:30-Szenario – 30 Prozent Verbrenner, 40 Prozent Hybrid, 30 Prozent neu zugelassene, rein batterieelektrische Fahrzeuge – müsste in Europa eine Verschiebung zugunsten des E-Autos erfahren.

Realistisch ist das nicht. Denn selbst wenn die entsprechenden Modelle bis dorthin ausreichend verfügbar wären, wird sie der Kunde in der Breite nicht kaufen. Zu klein, zu teuer, fehlende Reichweite und Infrastruktur: die Probleme werden zwar kleiner, aber sie bleiben. Realistischer ist ein höherer Hybridanteil – vom 48-Volt- bis hin zum Plug-in-Hybrid, allesamt mit optimierten Verbrennungsmotoren an Bord. Deren sogenannter Tipping-Point wird erst zwischen 2030 und 2035 erwartet, nicht zuletzt weil der Neuwagenabsatz bis 2030 auf 130 Millionen Einheiten steigt.

E-Fuels als Alternative

Betankt mit synthetischen Kraftstoffen sollte der moderne Verbrenner ohnehin fester Bestandteil eines technologieoffenen Wettbewerbs um den besten Antriebsmix der Zukunft werden. Erstens, weil E-Fuels als flüssige Speicher von regenerativ erzeugtem Strom als Alternative zur Batterie und zum Wasserstoff gebraucht werden, zweitens, weil für den Schwerlastverkehr sowie die Schiff- und Luftfahrt noch kein anderer CO2-neutraler Ansatz erkennbar ist, und drittens, weil reine Elektroautos nicht pauschal gut für das Klima sind.

Denn die Antriebstechnologien unterscheiden sich auch in der Herstellung und im Recycling signifikant: Die Batterieproduktion etwa ist energieintensiv – inklusive Entsorgung muss man aktuell mit 150 bis 200 Kilogramm CO2 pro Kilowattstunde Batterieleistung rechnen. Demnach geht ein Tesla Modell S mit 100 Kilowattstunden mit 15 bis 20 Tonnen CO2 als Defizit gegenüber einem Verbrenner ins Rennen. Ein relativ ineffizienter Verbrenner mit einem CO2-Ausstoß von 200 Gramm je Kilometer müsste dazu schon 100.000 km fahren.

Wann kommt die well-to-wheel-Betrachtung?

„Jetzt und in naher Zukunft liegen Verbrennungsmotor und Elektroantrieb in der CO2-Gesamtbilanz nicht weit auseinander“, plädierte jüngst auch Bosch-Chef Volkmar Denner für eine umfassende Betrachtung. Der Verbrenner müsse mehr CO2-reduzierte Kraftstoffe, der E-Antrieb mehr regenerativen Strom nutzen können.

Klar ist: Die ambitionierten politischen CO2-Ziele lassen sich nur mit einem intelligenten Antriebsmix schaffen. Und spätestens ab 2021 wird die Klimabilanz reiner E-Autos neu diskutiert werden. Bis dorthin dürfte die Branche bezüglich „well-to-wheel“ bzw. „cradle-to-grave“ jedoch die Füße still halten, um die Verbraucher nicht noch weiter zu verunsichern. Schließlich gilt es erst einmal, mit möglichst vielen (emissionsfreien) E-Autos das CO2-Zwischenziel 2021 zu erreichen.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 45661967)