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Technologiepartnerschaft Continental und Frimo: „Die Marktsituation schweißt zusammen“

| Autor / Redakteur: Tina Rumpelt / Maximiliane Reichhardt

„Be prepared“ – lautet die Lösung, der Frimo-Chef Dr. Christof Bönsch und Christian Nöll, Leiter des Segments Automotive im Geschäftsbereich Oberflächenmaterialien bei Continental, folgen. Flexibel und schnell muss dabei auf den Wandel der Branche reagiert werden. Dafür treten die Firmen als Technologie-Partner auf.

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Setzen auf Partnerschaft: Dr. Christof Bönsch, CEO Frimo Group (links), und Christian Nöll, Segmentleiter Automotive, Geschäftsbereich Oberflächenmaterialien, Continental.
Setzen auf Partnerschaft: Dr. Christof Bönsch, CEO Frimo Group (links), und Christian Nöll, Segmentleiter Automotive, Geschäftsbereich Oberflächenmaterialien, Continental.
(Bild: Michael Seemeier)

Herr Bönsch, die Disruption der Automobilindustrie wird immer deutlicher spürbar – auch bei den Zulieferern und Ausrüstern. Wie ist die Stimmung in der Branche?

Christof Bönsch: Als klassischer Ausrüster – Frimo ist Experte für Werkzeuge und Fertigungsanlagen für die Produktion von Kunststoffkomponenten – sehen wir im Wandel vor allem neue Chancen. Im Umfeld von E-Mobilität und automatisiertem Fahren steigen neue Unternehmen in den Markt ein. Wir spüren aktuell aber auch eine Investitionszurückhaltung. Die Branche leidet an Überkapazitäten. Auf der Einkaufsseite führen wir derzeit sehr spannende Gespräche mit den OEMs und Tier-1. Das Gesamtbild stimmt uns jedoch optimistisch: Die Auftragslage im ersten Halbjahr 2019 war die bislang beste in unserer Unternehmensgeschichte. Wir scheinen also doch einiges richtig zu machen.

Sie sprechen von „spannenden Gesprächen“ mit den Einkäufern Ihrer Kunden. Heißt das, es wird gespart?

Christof Bönsch: Ja, es wird gespart, die preislichen Vorstellungen unserer Kunden sind, salopp gesagt, sehr sportlich. Und es werden immer längere Zahlungsziele verlangt. Projekte über einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren vorzufinanzieren, betrachte ich als nahezu unmöglich. Hier brauchen wir neue Lösungen.

Über Christof Bönsch:

Dr. Christof Bönsch, 57, studierte und promovierte in Fertigungstechnik an der RWTH Aachen. Er war im In- und Ausland in führenden Positionen in der Kunststoff-, Elektro- und Automobilzuliefererindustrie tätig, bis er 2007 als CEO zur Komet Group wechselte. Nach der Übernahme des Besigheimer Zerspanungs-Spezialisten durch die Ceratizit-Gruppe in 2018 übernahm Bönsch im Januar 2019 den CEO-Posten bei der Frimo Group in Lotte.

Was sagen Sie dazu, Herr Nöll?

Christian Nöll: Als Tier-1-Partner der OEMs spüren wir die rückläufigen Stückzahlen. Optimistisch stimmt uns, dass das Interieur als Differenzierungsmerkmal für die OEMs immer stärker an Bedeutung gewinnt – in Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren genauso wie in elektrifizierten Autos. Die Flächen werden größer, anspruchsvoller und höherwertiger.

E-Mobilität und automatisiertes Fahren erwecken neue Ansprüche und Wünsche bei den Kunden an das Interieur. Was sind die wichtigsten Trends?

Christian Nöll: Der Innenraum entwickelt sich zum „Third Space“, zu einem neuen Verweil- und Lebensraum. Wir werden künftig im Auto verstärkt Trends und Konzepte in Anlehnung an den Wohnbereich sehen. Mit neuen Technologien, beispielsweise transluzenten Folien, können wir innovative Licht- und Bedienelemente realisieren und neue Gestaltungsmöglichkeiten bei der Interieur-Beleuchtung ausschöpfen.

Über Christian Nöll:

Christian Nöll, 54, leitet seit Sommer 2018 das Segment Automotive im Geschäftsbereich Oberflächenmaterialien bei Continental. Er startete 1984 als Trainee bei ContiTech in Hannover, arbeitete drei Jahre bei Continental in Italien und war anschließend in verschiedenen Geschäftsbereichen des Konzerns tätig. Danach folgten Stationen als Head of Product im Marktsegment Air Conditioning (2012-2015) sowie als Leiter des Geschäftsbereichs Mobile Fluid Systems (2015-2018).

Welche künftigen Trends fließen heute schon in die Technologieentwicklung bei Frimo ein?

Christof Bönsch: Wir beobachten bei den Konzeptstudien einen klaren Trend zu hochwertigen Oberflächen. Licht wird eine immer wichtigere Rolle im Interieur spielen. Je nachdem ob die Menschen im Auto arbeiten oder relaxen wollen, ist eine unterschiedliche Lichtgestaltung gefragt. In unseren Kompetenzzentren liegen dazu bereits konkrete Anfragen aus der Industrie vor. Wir werden im Auto von morgen auch mehr Funktionsflächen, zum Beispiel zusätzliche Heizelemente, finden. Und wir müssen uns Gedanken zur künftigen Geometrie des Interieurs machen: Wo lege ich das Handy, den Laptop ab, wie sieht der Cupholder der Zukunft aus?

Ist die Produktionstechnologie schon fit für die Zukunft?

Christof Bönsch: Wir werden in der Regel zwei Jahre vor Produktionsstart beauftragt. Im Engineering-Bereich arbeiten wir mit einem deutlich größeren zeitlichen Vorlauf: etwa fünf bis sechs Jahre bis Produktionsstart. Wir wissen, dass wir das, was künftig gebraucht wird, im Prinzip heute schon herstellen können. Allerdings werden wir künftig mit anderen Stückzahlen arbeiten – mit entsprechenden Konsequenzen auch auf der Technikseite. Wir erwarten weiterhin eine Zunahme der Modellvielfalt sowie immer kürzere Modelllaufzeiten. Zulieferer wie Ausrüster müssen immer schneller und flexibler auf Kundenwünsche reagieren können. Das wird auch Auswirkungen auf die Anlagenkonzepte haben.

Also kleinere, flexiblere, kostengünstigere Anlagen, die man schneller austauschen kann?

Christof Bönsch: Das ist eine Möglichkeit. Es können aber auch durchaus komplexere Anlagen sein, die längere Laufzeiten haben, weil sie unterschiedliche Technologien bedienen können. Wir arbeiten an integrativen Anlagenkonzepten, die Technologiekombinationen ermöglichen – verbunden mit einer intelligenten Automatisierung. Da wird sich eine Menge abspielen.

Was wäre ein Beispiel dafür?

Christof Bönsch: Bei Volumenmodellen arbeiten wir heute mit einer sehr komplexen Automatisierung, die höchste Produktivität gewährleistet. Um geringere Stückzahlen und einen deutlich variableren Verlauf auffangen zu können, arbeiten wir an Lösungen, die mitwachsen. Eine solche „adaptive“ Automatisierung orientiert sich an den tatsächlichen Belangen der Kunden. Kollaborative Roboter könnten beispielsweise zunächst Einlegearbeiten unterstützen, bei steigenden Stückzahlen übernehmen die Roboter sukzessive immer mehr Tätigkeiten – bis hin zur vollständigen Automatisierung der Arbeitsoperation.

Sie denken also in Baukastenstrukturen?

Christof Bönsch: Ja, mit der Zielsetzung, intern ein hohes Maß an Standardisierung zu erreichen, zum Kunden hin aber größtmögliche Flexibilität darzustellen.

Vertiefen Sie angesichts der Veränderungen in der Branche die Zusammenarbeit und den Austausch von Know-how und Technologien?

Christian Nöll: Ich sehe das nicht als eine Konsequenz der augenblicklichen Entwicklung, sondern als einen Trend, der schon länger besteht. Die anspruchsvolle Marktsituation schweißt uns jetzt aber noch stärker zusammen. Die Kunden erwarten von uns ein sehr breites Kompetenzspektrum. Die Vielfalt der Themen bewältigt jedoch keiner mehr im Alleingang. Ein starkes Partnernetzwerk sichert unsere Wettbewerbsfähigkeit in der Automobilindustrie, heute und in der Zukunft.

Was macht die Partnerschaft mit Frimo für Sie als Oberflächenspezialisten für automobile Anwendungen von Continental so wichtig?

Christian Nöll: Wir sind Experten für das Design und die Weiterentwicklung von Folien, die im automobilen Innenraum zum Einsatz kommen. Frimo ist der Experte für die Prozesse, für die Werkzeug- und Anlagentechnik, mit der unsere Folien zu Top-Produkten für das Interieur verarbeitet werden können. Wir wollen für unsere Kunden immer das Optimum und das erreichen wir nur in der Zusammenarbeit mit unseren Partnern.

Suchen Sie gezielt Partner auch in der neuen Tech-Welt, bei Start-ups?

Christof Bönsch: Der Technologiebedarf ist permanent. Aber jede Innovation, jede neue Technologie muss wirtschaftlich Sinn machen und vor allem für den Kunden Nutzen stiften. Es gibt interessante Ansätze in der Start-up-Szene, aber noch wird viel Phantasie gezeigt. Dennoch bin ich sehr froh, dass sich so viele mit Themen beschäftigen, die für uns auch relevant sind. Wir lernen jeden Tag dazu.

Was ist ein solches für Frimo „relevantes“ Thema?

Christof Bönsch: Wir wollen zum Beispiel die Inbetriebnahmezeiten weiter reduzieren. Unsere Vision ist, dass wir 80 bis 90 Prozent der Inbetriebnahmeprozesse virtuell und mithilfe eines digitalen Zwillings bewältigen. Viele sagen: Viel Spaß mit dem digitalen Zwilling einer Folie! Wir werden das nicht alleine schaffen. Auch da brauchen wir Partner. Ob dafür nun Start-ups die Richtigen sind, werden wir sehen.

Christian Nöll: Wir setzen uns natürlich auch mit der Start-up-Szene auseinander, unter anderem in einem Office in San José in Kalifornien. Wir arbeiten in Freiburg außerdem aktuell an Kapazitäten für das Forschung- und Entwicklungsfeld der gedruckten Elektronik. Um diesen Bereich herum screenen wir den Markt auf der Suche nach starken Partnern – das gilt aber generell und nicht nur für Start-ups.

Wo sehen Sie auf dem Weg in die Zukunft die größten Hindernisse und Stolpersteine?

Christian Nöll: Das Thema Komplexität wird uns künftig mehr denn je beschäftigen. In den verschiedenen Bereichen der künftigen Mobilität wächst eine neue Kundschaft heran, die mit vielen neuen Ideen, aber zunächst mit nur kleinen Stückzahlen unterwegs ist. Dort müssen wir präsent sein – ohne unsere Bestandskunden zu vernachlässigen. Die Verfügbarkeit weltweit sicherzustellen, inklusive der entsprechenden Services – das wird als Forderung an uns herangetragen. In Kombination mit der Komplexität sind das die Herausforderungen, denen wir uns stellen.

Christof Bönsch: Reaktionsfähigkeit, Flexibilität, schnelles Agieren ist in den kommenden Jahren mehr denn je notwendig. Davor steht aber auch noch ein anderes Hindernis, das uns die nächsten ein, zwei Jahre stark beschäftigen wird: das Thema Mitarbeiter. Die Automobilindustrie steht vielerorts in der Kritik. Das hat Auswirkungen auch auf die Mitarbeiter. Es muss uns gelingen, in diesem zunehmend autofeindlichen Umfeld das Selbstvertrauen der Mitarbeiter zu stärken und Vertrauen zu schaffen, dass wir als Branche in der Lage sind, zukunftsfähige Produkte zu entwickeln und neue Märkte zu erschließen. Dieser wichtige Aspekt wird in den Diskussionen gerne vernachlässigt.

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