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Diesel-Affäre Daimler nennt Einzelheiten zum Diesel-Rückruf

| Autor / Redakteur: Jan Rosenow, Christoph Seyerlein / Thomas Günnel

Daimler bittet rund drei Millionen Fahrzeuge in die Werkstätten. Das Software-Update, mit dem die Diesel-Modelle sauber werden sollen, betrifft die Steuerung von Abgasrückführung und SCR-System.

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Daimler ruft mehr als drei Millionen Fahrzeuge mit EU5- und EU6-Dieselmotoren in die Werkstätten – und hat jetzt Details zum Rückruf genannt.
Daimler ruft mehr als drei Millionen Fahrzeuge mit EU5- und EU6-Dieselmotoren in die Werkstätten – und hat jetzt Details zum Rückruf genannt.
(Bild: Daimler)

Daimler reagiert auf die vergangene Woche (KW 28) aufgekommenen Manipulations-Vorwürfe gegen das Unternehmen in der Abgas-Affäre. Wie der Automobilhersteller am Dienstagabend (18. Juli) in einer Pressemitteilung vermeldete, weitet er seine bereits seit Frühjahr laufenden „Servicemaßnahmen“ für Euro-5- und Euro-6-Diesel massiv aus. Hatte der Konzern bislang rund 250.000 Haltern in ganz Europa zu einer Nachbesserung geraten, empfiehlt der Hersteller nun mehr als drei Millionen Mercedes-Fahrern, am „freiwilligen“ Rückruf teilzunehmen, um den Schadstoffausstoß der Modelle durch Software-Modifikationen zu verringern.

Auf Nachfrage des »Automobil Industrie«-Schwestermagazins von »kfz-betrieb« hat ein Daimler-Sprecher Details zu den Servicemaßnahmen für die Dieselflotte des Herstellers genannt. Durch das Software-Update wird die Steuerung von Abgasrückführung und SCR-System verändert; Arbeiten an der Hardware der Abasanlage oder des Ansaugtrakts wie bei einigen VW-Modellen sind nicht geplant. Der Eingriff soll etwa eine Stunde dauern; die Kosten trägt die Daimler AG. Die Aktion soll rund 220 Millionen Euro kosten, das entspricht einem Betrag von rund 73 Euro pro Wagen. Laut Daimler müssen die Händler keine zusätzlichen Diagnosegeräte anschaffen, um die zahlreichen Flash-Vorgänge durchzuführen. Das vorhandene Equipment soll ausreichen.

Adblue-Verbrauch dürfte ansteigen

Der Hersteller erwartet bei Leistung, zertifiziertem Verbrauch, Geräuschverhalten und Zuverlässigkeit keine Veränderungen durch das Software-Update. Doch der Hinweis auf das SCR-System deutet an, auf welche Änderungen sich der Kunde trotzdem einstellen muss: So ist die Wirksamkeit des SCR-Systems direkt abhängig von der eingespritzten Menge des Reduktionsmittels Adblue. Dessen Verbrauch dürfte durch die Softwareänderung also ansteigen. Laut Experten braucht ein Motor rund fünf Prozent des Dieselverbrauchs an Adblue, um das Abgas vorschriftsgemäß zu reinigen. Bei einem Durchschnittsverbrauch von sieben Litern Kraftstoff wären das pro 100 Kilometer also 0,35 Liter Adblue.

Ein 25-Liter-Vorratstank, wie er in vielen Daimler-Modellen verbaut ist, dürfte nach reichlich 7.000 Kilometern leer sein. Ursprünglich sollte der Vorrat für die Fahrstrecke zwischen zwei Inspektionen reichen. Bei der Modifizierung der Abgasrückführung dürfte es sich um eine erhöhte Rückführrate handeln, Denn dadurch sinken die Temperaturen im Brennraum und die Stickoxid-Produktion geht zurück. Der Nachteil: Die Rohemission an Rußpartikeln steigt an. Das könnte für eine schnellere Beladung des AGR-Systems mit Ruß sorgen.

Empfehlung für fast alle EU5- und EU6-Diesel

Die Empfehlung zum Update gilt laut Daimler damit für „nahezu alle EU5 und EU6 Fahrzeuge in Europa“. Man werde die Maßnahmen „in enger Zusammenarbeit mit den deutschen Zulassungsbehörden“ durchführen. Daimler-Chef Dieter Zetsche sagte: „Die öffentliche Debatte um den Diesel sorgt für Verunsicherung – allen voran bei den Kunden. Wir haben uns deshalb für weitere Maßnahmen entschieden, um den Dieselfahrern wieder Sicherheit zu geben.“

Anders als im Fall Volkswagen ist die Fahrt für betroffene Daimler-Kunden aber kein Muss: Das Kraftfahrt-Bundesamt hat nach wie vor keinen verpflichtenden Abgas-Rückruf für Modelle des Herstellers angeordnet. Der Autohersteller will erste Fahrzeuge bereits in den kommenden Wochen umrüsten, es könne aufgrund der großen Anzahl aber einige Zeit dauern, bis alle Autos abgearbeitet sind.

Zetsche: Diesel bleibt fester Bestandteil

Zudem schilderte Daimler in seiner Mitteilung einen „Zukunftsplan für Diesel-Antriebe“, um „das Vertrauen in die Antriebstechnologie zu stärken“. Der OEM will seine neu entwickelte Diesel-Motorenfamilie so schnell wie möglich in der gesamten Modellpalette ausrollen. Mit dem Vierzylinder „OM 654“ ist ein erstes Derivat bereits seit 2016 in der E-Klasse verfügbar – der laut Hersteller alle Emissionsvorschriften der EU erfüllt. Daimler-Chef Zetsche sagte: „Wir sind davon überzeugt, dass der Diesel nicht zuletzt wegen seiner niedrigen CO2-Emissionen auch künftig ein fester Bestandteil im Antriebsmix sein wird.“

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