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Der Milliardendeal

| Redakteur: Jens Badstübner

Bislang kannten die Kunststoff-Spezialisten der Automobilindustrie Sabic vor allem als Rohstofflieferanten. Das Unternehmen – die Abkürzung steht für Saudi Basic Industries Corporation

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Bislang kannten die Kunststoff-Spezialisten der Automobilindustrie Sabic vor allem als Rohstofflieferanten. Das Unternehmen – die Abkürzung steht für Saudi Basic Industries Corporation – mit Hauptsitz in Riad wurde 1976 vom saudi-arabischen Staat gegründet. Unter anderem sollte es die bei der Ölproduktion entstehenden Kohlenstoffgase für die Produktion von Polymeren nutzen.

Das war offenbar eine kluge Entscheidung: Heute gehört Sabic zu den Marktführern in der Produktion von Polyethylen (PE), Polypropylen (PP) und anderen Thermoplasten (TP). Das Unternehmen ist außerdem einer der zehn größten Petrochemie-Konzerne. Im Geschäftsjahr 2006 erzielte Sabic einen Umsatz von 23 Mrd. US-Dollar und einen Gewinn von 5,4 Mrd. Dollar.

Doch das Geschäft mit Rohstoffen reichte Sabic nicht: Ende August 2007 kaufte der Konzern für 11,6 Mrd. US-Dollar GE Plastics. Das Ziel: In der Wertschöpfungskette näher zum Endanwender zu rücken. Nachdem das Unternehmen mit Huntsman und der Polypropylen-Sparte von DSM schon zwei namhafte Kunststoffhersteller aufgekauft hatte, ist dies ein weiterer Schritt in der Wachstumsstrategie. Er hat auch Auswirkungen auf die Automobilindustrie. Denn hier ist GE Plastics stark engagiert: Der Geschäftsbereich Automotive bietet eine breite Palette an Kunststoffen sowohl für das Interieur als auch für den Motorraum und die Außenhaut.

Daran wird sich unter dem neuen Eigentümer im wesentlichen nichts ändern: Die fünf Kernbereiche, in denen GE Plastics Automotive vor der Übernahme tätig war (siehe Interview auf S. 30), bleiben bestehen, und bei den Werkstoffen wird man weiterhin auf die bekannten Marken und Qualitäten wie Noryl, Lexan und Cycolac bauen. Neu ist der Name: GE Plastics heißt nun Sabic Innovative Plastics.

Für GE Plastics war es gute Tradition, die Automobilhersteller bei der Entwicklung von Konzeptfahrzeugen zu unterstützen und dabei neue Werkstoffe und Technologien zu präsentieren. Diese Tradition will man fortführen.

Der QarmaQ, den Hyundai auf der IAA 2007 vorstellte, ist ein gutes Beispiel: Nach Angaben von Sabic Innovative Plastics ist das „Advanced Technology Demonstration Vehicle“ (ADTV), das im Hyundai-Entwicklungszentrum Rüsselsheim entstand, 60 kg leichter. Möglich machte dies die Substitution von Metall und Glas. Paola Babka, Direktorin für den Geschäftsbereich Automotive von Sabic Innovative Plastics: „Für dieses Fahrzeug haben wir mehr als 30 Schlüsseltechnologien entwickelt und validiert. Sie werden wahlweise in die neuen Modelle eingebaut, die Hyundai bis 2014 vorstellen wird.“ Dazu gehört auch das „Elastic Front“-Sicherheitssystem: In die Front des Crossover-Fahrzeugs sind drei energieabsorbierende Strukturen integriert, um den Fußgängerschutzanforderungen zu entsprechen.

Der QarmaQ demonstriert auch die Erfolge beim Kunststoff-Recycling: Der für die Karosseriebauteile eingesetzte Kunststoff wird pro Fahrzeug unter Verwendung von rund 900 PET-Flaschen hergestellt.

Als strategischer Partner von GM war Sabic Innovative Plastics auch an der Entwicklung des Chevrolet Volt beteiligt, der auf der IAA 2007 zu sehen war. Neben dem Elektroantrieb, der bei Bedarf von einem kleinen Benzinmotor mit Strom versorgt wird, zeichnet sich das Fahrzeug u.a. durch Außenhautbauteile aus Xenoy-iQ-Verbundkunststoff von Sabic aus; für die Verscheibung wird Lexan mit Exatec-Beschichtung eingesetzt. Die Kooperation auf Entwicklungsebene zahlt sich für Sabic Innovative Plastics aus: Der ursprünglich als reines Konzeptfahrzeug geplante Volt soll laut GM 2010 in Serie gehen.

Die Techniken, die in diesem Fahrzeug zum Einsatz kommen, werden auch im Opel Flextreme genutzt – bei der Adaption war Sabic Innovative Plastics ebenfalls beteiligt. Die Studie präsentiert Glasflächen aus Lexan-Polycarbonat, Leichtbau-Kaorsserieteile und energieaufnehmende Komponenten zum Fußgängerschutz. Diese Filterelemente machen die Glasflächen und Karosserieteile um bis zu 40 Prozent leichter.

Wenige Tage vor dem Verkauf an Sabic übernahm GE Plastics von Bayer Material Science noch den 50-prozentigen Anteil am bisherigen Joint Venture Exatec. Der Spezialist für Kfz-Verscheibungen aus Polycarbonat geht somit vollständig in Sabic Innovative Plastics auf. Nach Angaben der Beteiligten war dieses Szenario lange geplant. John Madej, Präsident und CEO von Exatec: „Mit dem weltweit erwarteten Anstieg der Nachfrage nach leichten und umweltfreundlichen Fahrzeugen ist dies der richtige Zeitpunkt, das Joint Venture neu zu strukturieren und auf eine neue Ebene zu führen.“

Laut John Madej ist Exatec nun so weit, die Industrialisierung des Verfahrens fortzuführen. Bayer Material Science will seine Aktivitäten im Bereich der Kfz-Verscheibung auf Polycarbonat-Basis in eigener Initiative und auf der Basis von Makrolon fortsetzen, während die Sabic-Verscheibungen Lexan-Polycarbonat u.a. mit der von Exatec entwickelten Beschichtung nutzen. Das Lexan-Polycarbonat befindet sich bereits im Serieneinsatz, z. B. im Seat Leon und in der zusätzlichen Heckscheibe des Honda Civic Hatchback, die beide bei Freeglas in Schwaikheim produziert werden.

Eines müssen die Kunden von Sabic Innovative Plastics jedenfalls nicht befürchten: eine feindliche Übernahme ihres Zulieferers. Denn abgesehen davon, dass die Eigner kaum verkaufswillig sein dürften, gilt Sabic als das teuerste Chemieunternehmen der Welt. Rund 180 Mrd. US-Dollar müsste ein Investor dafür aufbringen. Zum Vergleich: Für die Übernahme der Daimler AG bräuchte man über 70 Mrd. Dollar, und General Motors bringt es aktuell auf einen Börsenwert von rund 10 Mrd. Dollar.Gerald Scheffels

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