Auto und Umwelt – das ging zuletzt nicht gut zusammen. Mit der Studie „Vision AVTR“ will Mercedes beweisen, dass es auch anders geht – und folgt dabei dem Hollywood-Blockbuster Avatar. Dabei funktioniert das silberne Konzeptauto auch heute schon.
Das friedliche Miteinander von Auto und Umwelt will Mercedes mit dem „Vision AVTR“ demonstrieren.
(Bild: Daimler)
Marty McFly und Doc Brown brauchten für ihre Zeitreise einen Fluxkompensator, heute geht das einfacher: ohne Zündschlüssel und nicht nur durch die Zeit, sondern gefühlt auch auf einen anderen Stern. Aber anders als für die beiden Filmhelden aus der Kindheit geht’s auch nicht „Zurück in die Zukunft“. Unsere Testfahrt führt nach Pandora, jene ferne Fabelwelt der Navi, die Hollywood-Legende James Cameron für seinen Blockbuster „Avatar“ ersonnen hat. Denn unter den vielen Millionen Zuschauern, die der bislang erfolgreichste Science-Fiction-Film der Welt mit seiner Fabel über das friedvolle Miteinander von Menschen und Natur begeistert hat, waren auch Mercedes-Designchef Gorden Wagener und sein Team.
Und die haben sich von der Fabel zu einem neuen Fahrzeug inspirieren lassen, das den Weg in eine bessere Welt weisen soll: „Wir wollen beweisen, dass wir nicht nur rücksichtsvoll und sparsam mit den Ressourcen umgehen können, sondern dass es tatsächlich ein friedliches Miteinander von Auto und Umwelt geben kann“, sagt Designchef Gorden Wagener und lenkt den Blick auf einen futuristischen Silberling von gut fünf Metern Länge, der ein halbes Jahr nach seiner Weltpremiere beim Tech-Gipfel CES in Las Vegas jetzt wie ein Ufo auf einem Flugfeld in der badischen Provinz steht – gerade so, als würde er nur drauf warten, nach Pandora abzuheben. Denn auch wenn der AVTR den Beinamen Vision trägt, so die Botschaft, ist das Showcar nicht nur eine Phantasiegeburt, sondern vieles an dem Auto funktioniert bereits.
Einladend öffnet er deshalb wie von selbst die Flügeltüren, kaum man sich dem Wagen nähert. Dabei kann man das mit den Flügeltüren diesmal noch wörtlich nehmen. Denn komplett aus Glas gefertigt und riesig groß, erinnern die tatsächlich an die Flügel einer Libelle und es fehlt nicht viel, dann würde der AVTR davon schwirren.
Ein „belebtes“ Modell
Das passt gleich doppelt – zum einen, weil die Flügeltüren seit dem legendären SL zu Mercedes gehören wie der Stern auf der Haube, der natürlich auch auf Pandora strahlen müsste. Und zum anderen, weil der AVTR keine kalte Maschine sein will, sondern ein lebendiges Wesen und deshalb in vielen Details belebt wurde. So erinnern die Lichtspiele in den riesigen Ballonreifen je nach Szenario an sprudelnde Quellen oder die Wood Sprites vom Baum des Lebens aus dem Film. Und die 30 Klappen auf dem Heck sehen aus wie die Platten im Panzer einer Echse. Mit ein bisschen Phantasie lässt sich in deren Bewegung und Beleuchtung sogar eine Art Sprache erkennen, mit der dieses Auto sich der Umwelt mitteilen will.
So opulent der gut fünf Meter lange AVTR von außen gezeichnet ist, so „clean und lean“ ist das nach den Vorgaben Camerons streng vegan gestaltete Interieur, das sich unter dem schnellen, flachen Bogen des Daches ausbreitet. Bedienelemente sind in dieser Welt hinfällig, ebenso Bildschirme. Stattdessen gibt es nur noch vier bequeme Sitze und ein paar helle Konsolen. Dieses Setting legt sich wie eine weite, weiche Landschaft um die Passagiere. Erst wenn die Hand des Fahrers auf den Mitteltunnel fällt, hebt sich dort wie von selbst ein Silikon-Knubbel, der Mensch und Maschine vereinen will.
Neuartige Gestensteuerung
Wie von selbst überträgt sich der Herzschlag des Fahrers aufs Fahrzeug, Lichtblitze zucken im Takt des eigenen Pulses über das, was vom Armaturenbrett noch übriggeblieben ist, und der AVTR wacht auf – bereit, seine Insassen in ferne Welten zu entführen. Die wählt der Gast an Bord nicht mehr mit Sprachkommandos oder gar mit Schaltern an, sondern mit einer fernen Form der Gestensteuerung. Die eigene Handfläche wird dabei zum Display des Bediensystems; Finger schließen bedeutet: Menüpunkt ausgewählt.
Aber der AVTR ist nicht nur eine Kino-Lounge auf Rädern, sondern ein Fortbewegungsmittel und kann deshalb auch fahren. Und selbst in ferner Zukunft wird das offenbar noch ein Job für den Menschen sein. Zumindest, wenn der das möchte. Dann wird der Silikon-Knubbel, den die Techniker despektierlich „Qualle“ nennen, zu einer Art Joystick und je nach dem, in welche Richtung man dieses „Merge Device“ quetscht, setzt sich der Vision AVTR in Bewegung.
Vier Elektromotoren mit mehr als 350 kW/476 PS bringen den Luxusliner standesgemäß in Fahrt und ein Akku, wie es ihn bislang nur in der fernen Phantasie der Entwickler gibt, nimmt einem dabei das letzte bisschen von einem schlechten Gewissen. Denn der natürlich ökologisch korrekt erzeugte Strom für mehr als 700 Kilometer wird in einer neuartigen Bio-Batterie gespeichert, die ohne Metall und Seltene Erden aufgebaut ist und am Ende ihrer Tage deshalb einfach auf den Kompost kann. Schöne neue Welt.
Diagonal fahren
Während das allerdings noch nicht einmal in der Theorie klappt, fährt der für einen zweistelligen Millionenbetrag von Hand aufgebaute AVTR tatsächlich. Und es braucht nur ein paar Minuten, bis Mensch und Maschine sich angefreundet haben. Dann klappt auch die Quallen-Steuerung. Zumindest bis zur ersten Kurve. Denn der AVTR kann nicht nur normal lenken, sondern beherrscht auch einen Krebsgang. Wird der Controller nicht gekippt, sondern gedreht, wechselt das Showcar in den Krebsgang. Dann werden alle Räder mit bis zu 30 Grad in die gleiche Richtung eingeschlagen und das Auto fährt diagonal. Wer da nicht aufpasst und beide Bewegungen überlagert, der fährt, als hätte er drei Promille. Und bestimmt gilt auch auf Pandora dafür ein Fahrverbot.
Stand: 08.12.2025
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Aber erstens hat der AVTR ja auch einen Autopiloten - und zweitens geht die Reise durch Zeit und Raum schon wieder zu Ende, die Mechaniker fordern mit Nachdruck zum Aussteigen auf. Denn egal ob im Kopf oder im Kino - auch der schönste Film ist irgendwann mal vorbei. Doch macht die Jungfernfahrt mit dem AVTR Hoffnung, dass die Sache mit dem Auto und der Umwelt vielleicht doch so ausgeht, wie die allermeisten Hollywood-Produktionen: mit einem Happy End.