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Automobile Kleinserien Junge Exoten: ein Schattendasein

| Autor / Redakteur: SP-X / Thomas Günnel

Artega, Veritas, Loremo? In Deutschland gab es in der jüngeren Vergangenheit viele exotische neue Automarken. Die meisten von ihnen führen heute als Prototypen oder Sammlermodelle ein Schattendasein.

Artega, Melkus, Veritas – in Deutschland gab es einige exotische Automarken. Die meisten von ihnen sind jedoch nicht mehr am Markt.
Artega, Melkus, Veritas – in Deutschland gab es einige exotische Automarken. Die meisten von ihnen sind jedoch nicht mehr am Markt.
(Bild: Melkus )

Die Claims im Automarkt sind weitgehend abgesteckt. Dennoch wagen es immer wieder ein paar Geschäftsleute mit Benzin im Blut, eine neue Automarke aus dem Nichts aufzubauen. Zumeist verschwinden diese Marken dann auch schon nach kurzer Zeit wieder dorthin. Allein Deutschland bietet eine spannende Ahnengalerie des Scheiterns. Den Anfang macht hier Artega – der neue deutsche Sportwagen. Viel vorgenommen hatte sich die im westfälischen Delbrück im Jahr 2006 gegründete Manufaktur mit ihrem GT, der eine durchaus interessante Alternative zum Porsche 911 hätte sein können. Artega gehört jedenfalls zu den ambitioniertesten neuen deutschen Marken. Als Ableger des Automobil-Zulieferers Paragon fußte die Sportwagenmanufaktur auf einem durchaus solide erscheinenden Fundament. Trotz toller Optik und viel VW-Technik fuhr der GT nicht so richtig rund; zudem sorgten die Turbulenzen der Lehman-Krise für wirtschaftliche Probleme.

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Im Jahr 2009 wurde Artega von einem mexikanischen Bierbrauer übernommen, 2012 kam die Pleite. Aber das war noch nicht das endgültige Ende. Die Paragon AG übernahm die Vermögenswerte von Artega. 2015 gab es dann auf dem Genfer Autosalon ein Wiedersehen, unter anderem mit dem Scalo, einem rein elektrisch betriebenen GT. Seither ist es allerdings still geworden. Ähnlich wechselvoll ist auch die Geschichte von Gumpert. Die 2005 in Altenburg gegründete Manufaktur brachte mit dem Apollo ein besonders wildes Hypercar in den Markt, das mit seinen furiosen Fahrleistungen für viele Schlagzeilen sorgte, vielen Fahrern allerdings auch Angst bereitete. Eigentlich gab es wohl immer technische wie finanzielle Probleme. 2011 nährte Gumpert mit dem Tornante noch die Hoffnung auf ein neues Modell, doch im Jahr 2012 folgte die Insolvenz. Neues Investorengeld, neue finanzielle Probleme, ein endgültiges Aus, das keines wurde – die letzten Jahre gab es viele hoffnungsvolle wie ernüchternde Nachrichten. Ein letztmaliges Comeback gab es 2016 mit einem neuen Modell namens Arrow. Besitzer ist eine Firma aus Hong Kong, die den Arrow und den Apollo in Denkendorf produzieren lassen will.

Jetcar zu teuer

Eine überaus kuriose Erscheinung ist das Jetcar. Die gleichnamige Firma wurde im Jahr 2000 im nordbrandenburgischen Neuruppin gegründet. Das stromlinienförmige Leichtbauauto mit zwei hintereinander angeordneten Sitzen konnte mit Miniverbrauch (2,5 Liter) und futuristischer Optik bei diversen Messeauftritten verblüffen. Interessenten waren allerdings auch über den Preis verblüfft: Rund 50.000 Euro sollte das Dieselmodell kosten, eine 2010 präsentierte E-Antriebsvariante gar über 80.000 Euro. Ob jemals ein Jetcar von einer Privatperson gekauft wurde, ist nicht bekannt. Die Internetseite gibt es noch, vermutlich würde man ein Jetcar auf Anfrage auch bekommen.

Einen ähnlichen Ansatz wie Jetcar verfolgte einst das Autoprojekt Loremo. Auch hier ging es um den Versuch, ein kleines Auto mit Miniverbrauch anzubieten. Der Loremo sollte sich mit 1,5 Liter pro 100 Kilometer begnügen. Trotz schwieriger Investorensuche konnte ein erster fahrbereiter Prototyp auf der IAA 2007 gezeigt werden. Sowohl die technische Entwicklung als auch die Suche nach neuen Investoren gestalteten sich aber in den folgenden Jahren problematisch. Die Firma blieb ein fragwürdiges Konstrukt. 2011 gab es noch den Versuch, auf den Elektroantriebs-Zug aufzuspringen. Doch auch dieser Ansatz scheiterte. Seit 2013 hat man nichts mehr von Loremo gehört. Neue Aktivitäten sind kaum zu erwarten.

Zu geringe Nachfrage nach Melkus

Melkus war der Wiederbelebungsversuch einer alten DDR-Sportwagenmarke. Mit dem RS2000 wollte Sepp Melkus, der Sohn des einstigen Begründers der Marke Melkus, den Ostalgie-Bonus nutzen und bot einen schicken Retro-Sportwagen an. Als Basis diente der Lotus Exige, der bei Melkus noch den speziellen Retro-Touch erhielt. 2010 ging die Produktion los, die Nachfrage nach dem 115.000 Euro teuren und bis zu 270 PS starken Sportwagen war allerdings gering. Letztlich wurden nur 18 Fahrzeuge verkauft. Ganz vorbei ist es mit Melkus aber nicht. Weiterhin kann man Neuaufbauten des Ur-Melkus kaufen. Außerdem arbeitet Sepp Melkus bei der Firma VSpeed am V77, einem Corvette-Umbau, weiter. Wie bei Melkus handelt es sich auch bei der Marke Veritas um eine alte deutsche Sportwagenlegende, die wiederbelebt werden sollte. Mit dem RS III, einem flachen und offenen Hypercar mit reichlich PS und extremen Fahrleistungen, wollte man an längst vergangene, glorreiche Zeiten anknüpfen. Fahrfertige Prototypen gab es, die Serienproduktion wurde mehrfach angekündigt. Ob jedoch jemals ein Fahrzeug in Kundenhände gelangte, ist unbekannt. Seit 2014 ist es still um Veritas geworden.

Bereits 1999 stellte sich auf der IAA in Frankfurt die Sportwagenmanufaktur Yes mit einem Roadster auf Basis des Audi TT vor. Dieser bot eine eigenständige wie auch etwas eigenwillige Optik und zudem mehr Leistung als der TT. Einige wenige Fahrzeuge wurden wohl gebaut und ausgeliefert. 2009 kam dann allerdings die Pleite. 2010 wurde die Marke aufgekauft. Eine Zeit lang bot der neue Yes-Eigner der Roadster zum Kauf an. Mittlerweile gibt es die Internetseite des Unternehmens allerdings nicht mehr.

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Wiesmann nun in englischer Hand

Der fraglos schillerndste Vertreter junger deutscher Automarken ist Wiesmann. Die bereits 1988 gegründete Sportwagenmanufaktur brachte 1993 das erste Serienmodell MF30 auf den Markt. Der Retro-Roadster sorgte für Furore und fand sogar viele Abnehmer. Die Modellpalette wurde kontinuierlich ausgebaut und modernisiert. Bis ins Jahr 2013 entstanden immerhin 1.600 Sportwagen bei Wiesmann. Dann allerdings folgten Pleite, Sanierungsplan, Gläubiger-Hickhack und schließlich die Liquidation. Englische Investoren haben nun die Rechte. Angeblich soll Wiesmann schon bald wieder produzieren.

Schließlich gibt es noch die Firma E-Wolf, die eine Reihe elektrisch betriebener Transporter und sogar einige radikal schnelle Sportwagen gebaut beziehungsweise erdacht hat. Wirklich Fuß fassen konnte der in Frechen beheimatete Autobauer nie. 2016 wurde E-Wolf von der Solarwatt GmbH übernommen. Die Autosparte wird aber wohl nicht mehr fortgeführt.

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