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Produktion Lectra: Bei Digitalisierung „große Zurückhaltung in Europa“

| Autor: Sven Prawitz

Lectra ist ein Anbieter von Zuschnittmaschinen für Textilien und Leder für den Fahrzeuginnenraum. Holger Max-Lang, Geschäftsführer Lectra Deutschland, spricht im Interview über die Ausrichtung des Unternehmens und die Herausforderungen des Marktes.

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Holger Max-Lang, Geschäftsführer von Lectra Deutschland.
Holger Max-Lang, Geschäftsführer von Lectra Deutschland.
(Bild: Lectra)

Neben der Automobilbranche beliefert Lectra noch die Mode- und Möbelindustrie. Der Zulieferer mit Hauptsitz in Paris machte im Jahr 2017 einen Umsatz von 277 Millionen Euro – davon entfallen 39 Prozent auf den Bereich Automotive.

Herr Max-Lang, was haben Mode, Auto und Möbel gemeinsam?

Die Gemeinsamkeit besteht darin, dass alle Branchen die gleichen Materialien verarbeiten. Wir haben es im Wesentlichen immer mit Textil und Leder zu tun. Damit ist unser Produktangebot vom Ansatz her für alle Bereiche ähnlich: Es geht immer um die Themen Design, Industrialisierung, Arbeitsvorbereitung und die eigentliche Produktion.

Und wo gibt es Unterschiede?

Vor 15 Jahren haben wir noch Zuschnittmaschinen entwickelt und auf den Markt gebracht, die in jeder Branche gleichermaßen eingesetzt wurden. Heute sind die Anforderungen so spezifisch, dass wir bestimmte Maschinen jeweils nur für die Automotive-, Polstermöbel- und Bekleidungsindustrie anbieten. Auch unsere Bereiche Software und Consulting arbeiten mittlerweile sehr branchenspezifisch. Eine Product-Lifecycle-Management-Lösung, also PLM, bieten wir zum Beispiel nur für die Bekleidungsindustrie an.

Und warum nicht in der Autoindustrie?

Wir sind auf Leder- und Textilzuschnitt spezialisiert. Mit PLM-Software müssten wir uns in der Autoindustrie mit Firmen wie Siemens oder Dassault messen. Dafür fehlt uns die kritische Masse.

Können Sie aus den anderen Branchen etwas für Automotive-Anwendungen ableiten?

Ja, das können wir. Daimler zum Beispiel entwickelt sich momentan von einer Premium- zu einer Luxusmarke – ein Weg, den auch viele italienische oder französische Modelabels gegangen sind. Da kommt die Frage: Wie habt ihr ihnen dabei geholfen, vom Premium- zum Luxuslabel aufzusteigen? Und welche Mechanismen könnten auch bei uns greifen? Die Zielgruppe ist am Ende dieselbe.

Stanzen versus CNC-Schneiden: Wie entwickelt sich der Markt?

Bei den Stoffen wird Stanzen vollkommen abgelöst werden. Bei Leder sieht es exakt gegensätzlich aus: Hier werden derzeit bestimmt 75 bis 80 Prozent aller Innenraumoberflächen aus Leder gestanzt. Die Trendwende ist aber bereits zu sehen. Mittlerweile wird mehr in CNC-Technologie investiert als ins Stanzen. Die treibende Kraft dahinter ist die Digitalisierung. Wir rechnen in den nächsten Jahren mit einer deutlichen Zunahme an Leder-Zuschnittmaschinen im Bereich Automotive.

Welche Marktanteile erwarten Sie für die Zuschnittmaschinen?

Wenn es nach uns ginge, würden wir alles mittels Laser schneiden. Leider kann es aber zu Verbrennungen an der Schnittkante kommen, und bei Leder treten Stoffe aus, die beim Gerben verwendet wurden. Für Airbaggewebe ist der Laserzuschnitt hingegen ideal. Dort wird die Quote sicherlich innerhalb kürzester Zeit auf hundert Prozent steigen.

Wie unterscheiden sich Anlagen für die einzelnen Regionen?

In der Autoindustrie kann man sich kaum auf eine Region beschränken. Daher bieten wir unsere Produkte weltweit an. Das müssen wir auch, da etwa chinesische Unternehmen bei der Digitalisierung ein ganzes Stück voraus sind.

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Zur Person Holger Max-Lang

Holger Max-Lang (56) ist Geschäftsführer von Lectra Deutschland und verantwortlich für die Region Zentral- und Osteuropa mit Russland.

Mit langjähriger Marketing- und Vertriebserfahrung in IT und Automotive wechselte Max-Lang im September 2002 zu Lectra Deutschland als Vertriebsmitarbeiter für das Automotive-Segment.

Worin macht sich das bemerkbar?

In China ist es so, dass die Kunden uns fordern und sogar Dinge nachfragen, die zwar in unserer Roadmap stehen, wir aber nicht wussten, dass die Nachfrage bereits besteht. Da ist viel mehr Dynamik im Markt. In Europa stellen wir immer wieder eine zögerliche Haltung fest, wenn wir entsprechende Anwendungen entwickelt haben, beziehungsweise unsere Entwicklungspläne den Partnern mitteilen. Da herrscht noch große Zurückhaltung, was die Themen Digitalisierung und Industrie 4.0 anbelangt. Oft investieren europäische Kunden viel Geld in eine 15 Jahre alte Maschine, statt für die gleiche Summe eine neue, zukunftsorientierte Produktionstechnik anzuschaffen.

Ein Trend ist das Thema Personalisierung. Welchen Einfluss hat er auf Lectra?

Er hat zur Folge, dass wir die Punkte Time-to-market und Design-to-cost sehr stark mit unseren Softwareanwendungen und unserem Consulting betreuen. Durch die Personalisierung steigt der Druck auf die Lieferzeit. Die zu verkürzen, geht nur über Know-how, eine passende Software und deren Integration in die Umgebung beim Kunden.

Auch der Stoffzuschnitt ändert sich sehr stark. Vor wenigen Jahren haben wir noch Maschinen verkauft, die mehrlagiges Material bis 90 Millimeter geschnitten haben. Das war auf die sogenannten High-Runner ausgelegt. Aufgrund des Trends zur Personalisierung ist dieser Bereich stark rückläufig. Künftig bieten wir Maschinen für den Einzellagenzuschnitt mit cloudbasierter IT an, um dem Bedarf an Individualisierung und einer flexiblen Produktion Rechnung zu tragen.

Vor welchen Herausforderungen steht Lectra?

Da ist zum einen die Überzeugungsarbeit beim Thema Digitalisierung, zum anderen der Fachkräftemangel bei uns. Wir konnten einige Positionen im Bereich Forschung und Entwicklung in Frankreich nicht besetzen, weil der französische Arbeitsmarkt leergefegt ist. Das führt leider dazu, dass wir neue Produkte nicht mit der gewünschten Geschwindigkeit in den Markt bringen können. Und dann der Fachkräftemangel bei unseren Kunden: Wir hören immer wieder, dass dies das größte Wachstumshemmnis ist.

Das Interview führte Sven Prawitz

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Über den Autor

 Sven Prawitz

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Technikjournalist