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Wirtschaft Leoni will 2.000 Stellen streichen – Finanzvorstand geht

| Autor / Redakteur: dpa/sg / Svenja Gelowicz

Autozulieferer Leoni kassiert seinen Ausblick auf 2019 ersatzlos und kündigt zugleich Einsparungen von 500 Millionen Euro an. Außerdem legte der Finanzchef Karl Gadesmann sein Amt nieder. Über Wachstumsschmerzen, schlechte interne Kommunikation – und Pläne für „Ruhe und Stabilität“.

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Der angeschlagene Autozulieferer und Kabelhersteller Leoni rutscht immer tiefer in die Krise. 2.000 Stellen sollen nun gestrichen werden.
Der angeschlagene Autozulieferer und Kabelhersteller Leoni rutscht immer tiefer in die Krise. 2.000 Stellen sollen nun gestrichen werden.
(Bild: Leoni)

Der angeschlagene Autozulieferer und Kabelhersteller Leoni rutscht immer tiefer in die Krise. Der Start ins neue Jahr war erneut schwach, und die Aussichten sind so düster, dass der seit September amtierende Vorstandschef Aldo Kamper nun die Reißleine zieht. Gut einen Monat nach dem ersten Ausblick auf 2019 strich Kamper diese Ziele ersatzlos. 2.000 Stellen sollen vor allem in der Verwaltung wegfallen, 500 davon in Hochlohnländern: Die sind für Kamper Europa, Nordamerika und Regionen in China. Zudem verhängt das Unternehmen einen Einstellungsstopp. Gehaltserhöhungen werden bei außertariflich bezahlten sowie leitenden Angestellten aufgeschoben.

Mit einem Sparprogramm sollen die strukturellen Kosten bis 2022 um 500 Millionen Euro im Vergleich zu 2018 gesenkt werden. Ziel sei es, profitabler zu werden, erläuterte der seit September amtierende neue Konzernchef Aldo Kamper am Montag (18. März). Vom Geschäftsergebnis 2018 zeigte sich Leoni enttäuscht und sprach von dringendem Handlungsbedarf. Im vergangenen Jahr war der Gewinn vor Zinsen und Steuern um gut ein Drittel auf 144 Millionen Euro abgerutscht. Unter dem Strich halbierte sich der Konzernüberschuss auf 73 Millionen Euro. Und: Der Finanzchef Karl Gadesmann legte sein Amt am Sonntag (17. März) nieder.

Die Gründe für Leonis Misere

Auslöser für das Schlamassel der Nürnberger sind unter anderem Schwierigkeiten in einem neuen Werk für Bordnetze in Mexiko, das nicht anläuft wie gedacht. Dort fallen deswegen hohe Personal- und Frachtkosten an. In diesem Jahr rechnet Leoni mit rund 50 Millionen Euro an Belastungen. Darüber hinaus belastet die schlechte Stimmung in der Automobilbranche das Geschäft. Auch in Osteuropa läuft vieles nicht rund: die Kosten entwickelten sich in einigen Werken „überraschend schlecht“, eine hohe Fluktuation mache es schwer, effizient zu arbeiten.

Kamper selbst sieht als Hauptgrund für die Misere das zu schnelle Wachstum seines Konzerns. „Das fordert uns finanziell stark heraus.“ Man müsse das Tempo nun herausnehmen, um sich wieder besser auf Abläufe zu konzentrieren und Stabilität und Ruhe zu finden. „Das wird erhebliche Verbesserungen bringen“, sagt Kamper. Denn: Der Markt sei eigentlich gut, Bordnetze gehen mit dem Trend der Elektromobilität Hand in Hand. Man wolle sich nun stärker auf die Bereiche konzentrieren, wo man mehr Systemkompetenz braucht – im Bereich der Commodity-Ware hingegen aussortieren.

Doch für Branchenkenner und Finanzanalysten gehen die Probleme tiefer. Schon vor einigen Jahren gab es in der Bordnetzsparte Schwierigkeiten mit fehlgesteuerten Projekten, die das Unternehmen viel Geld kosteten. Auch 2016 startete Leoni in der Sparte einen Stellenabbau. Derzeit gebe es in der Bordnetzsparte an einigen Standorten eine bedeutende „Intransparenz hinsichtlich Kostenentwicklungen und künftiger Auftragslage“, stellte auch das Unternehmen fest. Daher sei der im Februar genannte Ausblick für 2019 Makulatur. Auch eine für diese Woche geplante Investorenveranstaltung blies das Unternehmen kurzerhand ab.

Leonis Sparpläne: strukturelle Kosten senken

In den ersten zwei Monaten habe sich die anhaltend schwierige Lage für den im SDax notierten Konzern in unerwartetem Umfang fortgesetzt, hieß es in einer Mitteilung von Sonntagabend. Das Unternehmen habe Maßnahmen ergriffen und auch personelle Konsequenzen gezogen. Die Bordnetzsparte führt Kamper künftig selbst.

Das angekündigte 500-Millionen-Euro-Sparprogramm wird zunächst Geld kosten. 120 Millionen Euro sind dafür insgesamt vorgesehen, die Hälfte davon für den Arbeitsplatzabbau in diesem und dem kommenden Jahr. Erste Maßnahmen des Sparkurses will das Unternehmen im dritten Quartal umsetzen. „Die Entwicklungen zum Ende des Geschäftsjahres 2018 und insbesondere in den ersten beiden Monaten 2019 haben deutlich gemacht, dass wir noch schneller und konsequenter handeln müssen, um Leoni wieder auf die Erfolgsspur zu bringen", sagte Kamper.

Die offenbar nötige Radikalkur sorgte am Aktienmarkt erneut für Entsetzen. Der Aktienkurs stürzte um 17 Prozent auf 18,25 Euro ab und damit auf den niedrigsten Stand seit 2010. Ende Januar 2018 hatte die Aktie noch ein Hoch bei 66,20 Euro markiert - seitdem beläuft sich das Minus auf fast drei Viertel. Allein im laufenden Jahr stehen 40 Prozent Kursverlust zu Buche. In diesem Jahr könnte Leoni beim Gewinn vor Zinsen und Steuern an der Verlustgrenze landen, schrieb UBS-Analyst Julian Radlinger.

Leoni soll eine Finanzholding mit zwei eigenständigen Divisionen werden

Geld hereinholen will Leoni womöglich auch durch den Verkauf von Unternehmensteilen. Für Geschäftsteile im Umfang von bis zu 500 Millionen Euro Umsatz würden alle Optionen geprüft, hieß es. Zudem soll aus dem Konzern eine Finanzholding mit zwei eigenständigen Divisionen werden. Dies soll die Kosten senken, Strukturen verschlanken und das Geschäft flexibler machen. Analyst Christian Ludwig vom Bankhaus Lampe hält sogar für notwendig, die Aktionäre anzuzapfen. Er hält eine Kapitalerhöhung für fast unausweichlich.

Anfang Februar hatte Leoni auf ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern von 100 bis 130 Millionen Euro in Aussicht gestellt - vor den auch da schon angedeuteten nötigen Umbaukosten. Auch das hatte die Aktie bereits auf Talfahrt geschickt. Nun dürfte es mit der Ergebnisbelastung aus dem mexikanischen Werk und dem Sparprogramm noch einmal deutlich weniger werden. Eine neue Prognose traut sich Leoni derzeit angesichts der Lage nicht zu. Immerhin erwartet der Vorstand nach einer Prüfung durch Berater derzeit keine weiteren großen Flops bei neuen Projekten.

Die hausgemachten Probleme treffen Leoni zu einer Zeit, in der auch die Nachfrage aus der Autoindustrie spürbar schwächelt. Unter anderem in China sieht sich Leoni einem zunehmend problematischen Marktumfeld ausgesetzt, außerdem kürzten einige Autobauer ihre Abrufe für Bordnetze in den kommenden Monaten deutlich.

Der Konzern will weiteres Wachstum künftig der Ergebnisentwicklung und dem freien Geldzufluss unterordnen. Das Wachstum in der Bordnetzsparte soll künftig beim Marktwachstum gedeckelt sein. Die Investitionen sollen sinken, Lagerbestände schrumpfen. Auch die Anlaufkosten für neue Projekte will das Management auf diese Weise reduzieren. Entscheidend für die Annahme neuer Projekte werde vor allem die Profitabilität und die Auslastung der Werke sein, hieß es. Der Nettoeffekt des Programms solle in einem stabilen Marktumfeld über die nächsten drei Jahre zu einer Verbesserung der Ebit-Marge (Ergebnis vor Zinsen und Steuern) um zwei bis drei Prozentpunkte im Vergleich zu 2018 führen.

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