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Produktion London Taxi: Tradition und Elektromobilität

| Autor / Redakteur: Ampnet/Peter Schwerdtmann / Thomas Günnel

Am 22. März eröffneten Geely und die London Taxi Company ein neues Produktionswerk in Ansty bei Coventry. Her entsteht die fünfte Generation des London Taxi – ein Elektrofahrzeug mit Range Extender.

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Am 22. März eröffneten Geely und die London Taxi Company ein neues Werk, in dem das neue London Taxi entsteht – ein Elektrofahrzeug mit Range Extender.
Am 22. März eröffneten Geely und die London Taxi Company ein neues Werk, in dem das neue London Taxi entsteht – ein Elektrofahrzeug mit Range Extender.
(Bild: London Taxi Company)

„Wir hätten keinen besseren Zeitpunkt treffen können“, spielte Carl-Peter Forster auf die Diskussion rund um Fahrverbote für Dieselautos in Deutschland an. Als Vorsitzender des Aufsichtsrats der London Taxi Company (LTC) und Mitglied des Vorstands des chinesischen Automobilriesen Geely sprach er am 22. März bei der offiziellen Eröffnung des nagelneuen Werks für das London Taxi der nächsten Generation – einem Elektroauto mit Reichweitenverlängerer – in Ansty bei Coventry. Bei der Optik gibt es wenig Veränderungen für das neue London Taxi. Es sieht wieder aus wie schon Generationen von Taxis zuvor, die die Straßen Londons beleben und durch unzählig viele Filme gerollt sind. Die Welt weiß, wie ein Londoner Taxi aussieht. Da wäre es selbstmörderisch, das Aussehen zu ändern, zumal in diesem Fall, für jedermann erkennbar, die Form nun wirklich der Funktion folgt. Und natürlich bleibt es auch bei der Farbe Schwarz, den sechs Sitzplätzen, dem mühelosen Einsteigen dank großer Fahrzeughöhe und der großen Wendigkeit.

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Vollständig neu entwickelt

Aber sonst ist alles neu. Nicht eine Schraube habe man vom Vorgänger übernommen. Carl-Peter Forster verdeutlicht die Aussage von der kompletten Neukonstruktion mit einer kleinen Anekdote: Als Geely den alten Hersteller Emerald übernahm, beschäftigte der einen einzigen Ingenieur. Heute sind 200 der rund 1.000 Mitarbeiter in dem neuen Werk Entwickler und Konstrukteure. Ein halbes Jahr, sagt Forster, habe die neue Mannschaft gebraucht, um das Konzept für den Neuen zu entwickelt, und nach weiteren elf Monaten sei bereits der erste Demonstrator gefahren. Die kurzen Entwicklungszeiten erklären sich nicht nur durch die Qualität der britischen Ingenieure. Bei London Taxi konnten sich die Planer und Entwickler im Konzernregal bedienen, was nicht nur Zeit sparte. Viele Komponenten des elektrischen Antriebs habe Volvo bereitstellen können: Dazu gehört auch der Range-Extender-Motor von 60 kW/80 PS mit drei Zylindern, entstanden aus dem aktuellen Volvo-Vierzylinder. Der Elektromotor/Generator soll Leistung genug für eine Höchstgeschwindigkeit von 80 Meilen pro Stunde, etwa 130 km/h, bieten. Das ist schneller als die Polizei auf dem britischen Motorway erlaubt. Die Lithiumionenbatterie von LG-Chem soll eine rein elektrische Reichweite von deutlich über 100 Meilen, also mehr als 160 km, erlauben. Für einen Taxi-Alltag reicht das. Wer mehr braucht, bekommt den Fahrstrom über den Range Extender.

Solche Architekturen kennen wir schon. Doch im Vergleich dazu revolutionär sollen die Total Cost of Ownerschip (TCO) ausfallen, die Kosten von der „Wiege bis zu Bare“ und darüber hinaus in ein zweites Leben. Carl-Peter Forster bestätigt selbstsicher lächelnd, das London Taxis sei bei TCO deutlich billiger. Das liege nicht nur am staatlichen Zuschuss in Höhe von 7.500 Britischen Pfund, knapp 8.700 Euro, pro Taxi. Und Forster setzt noch einen drauf, indem er auf die Wirtschaftlichkeit der Investition in Ansty zu sprechen kommt. Die werde hier erheblich schneller erreicht als bei einer normalen Autofabrik. LTC müsse erstaunlich wenige Autos verkaufen, um Geld zu verdienen. Für Details und Belege verweist er auf kommende Veranstaltungen. Jetzt einmal legt das Management Wert auf drei Feststellung: Die Fabrik in Ansty sei seit rund einem Jahrzehnt die erste neue Autofabrik in Großbritannien. Es sei die erste Fabrik, die nur Elektrofahrzeuge baue und stelle die erste chinesische Direktinvestition in die britische Automobilindustrie dar.

Blick auf künftige Logistikkonzepte

300 Millionen Britische Pfund, etwa 350 Millionen Euro, hatte Li Shufu, Gründer und Chef des chinesischen Automobilherstellers Geely, bisher für die neue Fabrik in die Hand genommen. Nun kommen noch einmal 25 Millionen Britische Pfund, etwa 29 Millionen Euro, für ein leichtes Nutzfahrzeug dazu. Die Plattform des London Taxis eignet sich eben auch für andere Fahrzeuge. Es sei sehr einfach, andere Aufbauten dafür zu entwickeln, sagt Forster. Im Blick haben die britischen Chinesen also nicht nur den Personentransport, sondern gleich das gesamte Logistiksystem für die Stadt der Zukunft, die sogenannte letzte Meile. Geely wird also auf seinem Weg weitergehen, den es mit Volvo begonnen hat. Die Marken behalten nicht nur ihre Selbstständigkeit, sondern erhalten auch die Mittel für Wachstum. Und so wie in China ein Werk für Volvos entsteht, so wird sicher auch eines für das London Taxi und seine Derivate in China geplant. Doch zunächst muss in Ansty alles klappen. Die Kapazität liegt bei mehr als 20.000 Fahrzeugen in Jahr, von denen man viele ab 2018 exportieren will. Den Brexit und seine Folgen auf den Kurs des Britischen Pfunds und mögliche Zölle sehen die Verantwortlichen zurzeit noch mit bemerkenswerter Gelassenheit.

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Der Mythos um Lady Godiva

England steckt voller Mythen. Dennoch verwundert die Aussage, dass gleich zwei so unterschiedliche Themen miteinander verknüpft sein sollen: Was hat die erotische Figur von Lady Godiva mit dem ganz und gar unerotischen Londoner Taxi zu tun? Die Antwort erhielten die Teilnehmer an der offiziellen Eröffnung des nagelneuen Werks der London Taxi Company von CEO Chris Gubbey: Die Fabrik in Ansty nahe Coventry wurde auf dem Gelände errichtet, dass vor rund 1.000 Jahren der nackten Lady auf dem Pferd gehörte. Übrigens, Ansty wird im Jahr 1066 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Da sind doch wohl nicht die Normannen nach der Schlacht bei Hastings durchgezogen?

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