Neue Mobilität

Lufttaxi-Start-up Flügelaeronautics: Auf Flughöhe

| Autor: Svenja Gelowicz

Lufttaxis sollen schon in gut fünf Jahren den Verkehr entlasten. Viele Hersteller setzen dabei auf rein elektrifizierte Flugzeuge und feste Strecken. Das Dresdener Start-up Flügelaeronautics hat andere Pläne

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Das Flugtaxi von Flügelaeronautics in unterschiedlichen Klappzuständen.
Das Flugtaxi von Flügelaeronautics in unterschiedlichen Klappzuständen.
(Bild: Flügelaeronautics)

Das Flugtaxi, das sich Diego Schierle ausgedacht hat, kann dank Propellern senkrecht starten und landen, auch auf einer kleinen Fläche wie einem Parkplatz. Ein Elektromotor hebt den Doppelsitzer im Schwebezustand nach oben und senkt ihn wieder auf den Boden. Für den Vorwärtsflug klappen dann vier Flügel aus, ein Verbrenner treibt das Lufttaxi an. Diego Schierle hat Maschinenbau studiert, zum Thema Leichtbau promoviert und eine Ausbildung zum Piloten absolviert. In Dresden hat er das Lufttaxi-Start-up Flügelaeronautics gegründet.

Unternehmen und Start-ups beflügeln Lufttaxi-Markt

Jungfernflüge von Lufttaxis gab es zuletzt einige, der Markt ist riesig. Ein paar Schlaglichter: Eine Mischung aus E-Auto und Flugtaxi haben Audi und Airbus erst Ende des vergangenen Jahres öffentlichkeitswirksam vorgestellt. Der chinesisch-österreichische Flugzeugkomponentenhersteller FACC fertigt Passagierdrohnen für das chinesische Unternehmen Ehang, das nach eigenen Angaben bereits ein paar Hundert Flüge absolviert hat. Und deutsche Start-ups wie Volocopter und Lilium sorgten mit den Investments von großen Konzernen wie Daimler (Volocopter) oder Tencent (Lilium) für Aufmerksamkeit.

Prognose: Einsatz von Flugtaxis ab 2025

Die Studie „Urban Air Mobility“ der Beratung Horváth & Partners sieht Flugtaxis ab 2025 auf festgelegten Routen.
Die Studie „Urban Air Mobility“ der Beratung Horváth & Partners sieht Flugtaxis ab 2025 auf festgelegten Routen.
(Bild: Horváth & Partners)

Eine Studie der Beratungsfirma Horváth & Partners zur Mobilität im Luftraum beschrieb im Februar eine hohe Marktdynamik und prognostizierte ab dem Jahr 2025 den Einsatz von Flugtaxis auf festgelegten Routen. In Deutschland, so die Horváth-Studie weiter, würden sich erste Routen für Flugtaxis auf überfüllten Pendlerstrecken wie beispielsweise in der Rhein-Ruhr-Region durchsetzen.

Von festen Routen hält Diego Schierle nicht viel: „Fliegen ist bislang völlig zentralisiert. Wenn das so bleibt, verlagern wir künftige Stauzeiten lediglich auf die zentralen Hubs der Flugtaxis.“ Solange man an eine Infrastruktur gekoppelt sei, schöpfe man nicht das volle Potenzial der Fliegerei aus. Daher macht er sich seit 2017 Gedanken über ein Lufttaxi, das sich „dem Menschen und der Infrastruktur so weit unterordnet“, dass es in Sachen Bequemlichkeit dem Auto ähnlich ist – nur eben schneller.

Flügelaeronautics: Fliegen muss dezentral sein

Ein Flug von Dresden nach Zell am See in Österreich mit einem Kleinflugzeug habe ihn überzeugt, sagt Schierle: Statt einer siebenstündigen Autofahrt flog er in zweieinhalb Stunden zum Ziel. Trotzdem: Als „Vor- oder Zwischenschritt“ sei der „Hub-zu-Hub-Betrieb“ wohl unumgänglich. X-1 heißt das Lufttaxi, mit dem er seine Idee des „dezentralen Fliegens“ verwirklichen will. Das soll in eine Garage passen, auf kleiner Fläche starten und landen können; die bestehende Auto-Infrastruktur soll ausreichen. Dafür falten sich die Flügel zusammen, Klappmechanismus und Verriegelung funktionieren laut Schierle gut. An einem Prototyp im Maßstab 1:5 testet sein Start-up seit geraumer Zeit den „X-1“. Eine Software stabilisiere den Funktionsprototypen, alle Flugzustände wurden laut Schierle im vergangenen Jahr ausprobiert. Anfang 2021 will Flügelaeronautics einen fertigen Prototypen bauen, die Konfiguration dafür sei fertig.

Zu schwer für einen reinen E-Antrieb

„Für uns ist es nur ein Machen“, sagt Schierle, die Technik funktioniere und die Zertifizierung mache ihm keine Sorgen. „Dazu haben wir das Know-how im Team“, sagt der Gründer. Er sucht nun dringend Investoren, die ebenfalls an seine Vision glauben. Laut Schierle ist das Flugtaxi zu schwer für einen reinen E-Antrieb, dank Verbrennungsmotor soll es 600 Kilometer schaffen. Die häufige Kritik an E-Flugtaxis: Sie verbrauchten zu viel Strom, die Umweltbilanz sei schlecht. Im April veröffentlichte die Universität Michigan eine Studie in der Fachzeitschrift „Nature Communications“. Die Autoren errechneten, dass Flugobjekte auf Strecken unter 35 Kilometern mehr Energie verbrauchten und so mehr Treibhausgase verursachten als Autos mit Verbrennern.

Flügelaeronautics: Autoindustrie statt Luftfahrt

Eine Studie von Horváth & Partners kommt auf der Basis einer Expertenbefragung zum Ergebnis, dass die Flugtaxi-Produktion nur etwa 15 Prozent am Gesamtmarkt ausmachen wird und der Betrieb maximal ein Drittel. Der Löwenanteil von circa 55 Prozent entfalle auf die Flugvermittlung und begleitende Services.
Eine Studie von Horváth & Partners kommt auf der Basis einer Expertenbefragung zum Ergebnis, dass die Flugtaxi-Produktion nur etwa 15 Prozent am Gesamtmarkt ausmachen wird und der Betrieb maximal ein Drittel. Der Löwenanteil von circa 55 Prozent entfalle auf die Flugvermittlung und begleitende Services.
(Bild: Horváth & Partners)

Ohne Investoren wird es schwierig, einzelne Systeme im Originalmaßstab abzubilden und zu testen: Werkzeuge sind teuer, die CFK-Materialien für wenig Gewicht ebenfalls. Da Flügelaeronautics ihr Flugmobil eher als Autoersatz sehen und es im Idealzustand automobile Maße hat, strebt Schierle die Kooperation mit einem Autohersteller an. „Wir können von den neuen Verfahren in der automatisierten Carbonfertigung profitieren“, sagt Schierle, eine Brücke zum Automobilbau zu schlagen wäre „ideal“. Die Entwicklung und eine Kleinserie des Lufttaxis stehen nun im Fokus des Start-ups.

Auch an dieser Stelle kann sich ein Blick auf die Studie von Horváth lohnen: Die Autoren kommen nämlich zu dem Schluss, dass die Produktion nur etwa 15 Prozent am gesamten Markt für Flugtaxis ausmachen werde, der Betrieb maximal ein Drittel. Der Löwenanteil von circa 55 Prozent entfalle auf die Flugvermittlung und begleitende Services.

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