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Fahrbericht McLaren 720S: Erfolgs-Verfolger

| Autor/ Redakteur: Benjamin Bessinger/SP-X / Thomas Günnel

Vor sechs Jahren startete McLaren Automotive die Fertigung von Serienfahrzeugen. Jetzt gehen die Briten mit dem ersten neuen Modell in die zweite Runde: dem 720S.

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McLaren hat ein neues Modell vorgestellt. Der 720S fährt auf Augenhöhe mit Ferrari und Co. – kann aber auch Alltag.
McLaren hat ein neues Modell vorgestellt. Der 720S fährt auf Augenhöhe mit Ferrari und Co. – kann aber auch Alltag.
(Bild: McLaren)

Nach drei Jahren in den schwarzen Zahlen, in sechs Jahren 10.000 Autos verkauft und aus dem Stand auf Augenhöhe mit Porsche, Ferrari oder Lamborghini: McLaren kann ganz entspannt in die Zukunft schauen. Denn nachdem die Briten beim Wechsel von der Rennstrecke auf die Straße einen Traumstart hingelegt haben, steigen sie jetzt erst richtig aufs Gas und wollen mit dem neuen und fast eine Viertelmillion Euro teuren 720S beweisen, dass sie keine rasenden Eintagsfliegen bauen.

Für das erste Modell der zweiten Generation haben sie ihren Baukasten deshalb in jeder Hinsicht kräftig auf Vordermann gebracht: Die Karbonstruktur der Karosserie ist steifer, leichter und geräumiger geworden, das siebenstufige Doppelkupplungsgetriebe schaltet schneller und feinfühliger und am Motor ist kaum ein Teil unberührt geblieben. Deshalb wurde nicht nur der Hubraum von 3,8 auf 4,0 Liter aufgebohrt, es gibt auch neue Lader mit kürzeren Ansprechzeiten, neue Zylinder, neue Ventile – und natürlich neue Eckdaten. So kletterte das maximale Drehmoment auf 770 Nm und die Leistung – Nomen est omen – auf 720 PS.

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Design-Details verpacken Funktionen

Und damit niemand die Evolution bei der Technik zu geringschätzt, haben sie den Wagen spektakulär neu eingekleidet. „Wir wollten, dass er schon im Stand aussieht wie 200 km/h“, sagt Designchef Rob Melville über die kaum 1,20 Meter flache Flunder mit der Kanzel eines Kampfjets und einer Karosserie wie aus dem Windkanal. Dabei schindet der 720S zwar mächtig Eindruck, lässt sich aber trotzdem nicht zu billigen Showeffekten herab. Jedes noch so Aufmerksamkeit heischende Detail in der Formgebung ist nur die hübsche Verpackung für eine Funktion: Die tiefen Höhlen zum Beispiel, in denen die Scheinwerfer liegen, dienen genauso der Luftführung wie die zweite Haut auf den Flanken und machen bis auf die riesige Airbrake am Heck alle Schweller und Spoiler überflüssig. Und die weit ins Dach gerückten Flügeltüren fangen nicht nur alle Blicke, sondern erleichtern auch den Zustieg und brauchen weniger Platz in engen Parklücken.

Der Motor stärker, die Karosserie leichter, das adaptive Fahrwerk schneller, die Aerodynamik besser und die Elektronik intelligenter – so führt man den McLaren fast mit dem kleinen Finger an den Grenzbereich. Schon auf der Landstraße wird jede Kurve zu einer Versuchung und auf der Rennstrecke kommt man Runde für Runde tiefer in einen Rausch, den nur ein leerer Tank beenden kann. Dabei ist es weniger die Längsbeschleunigung, mit der einen dieses Auto beeindruckt. Selbst wenn einem der Sprint von 0 auf 100 km/h in 2,9 Sekunden den Atem raubt und man sich bei Vollgas mit 341 km/h fühlt wie Elton Johns Rocket Man auf dem Weg ins Weltall. Es ist vor allem die stoische Ruhe, mit der man dieses Auto immer näher ans Limit bringen kann. Als halte eine übersinnliche Macht alle Querkraft im Zaum, fliegt er wie von Zauberhand durch die Kurven und kennt in seiner Raserei keine Grenzen. Wenn es in diesem McLaren einen limitierenden Faktor gibt, dann ist es der Fahrer und nicht das Fahrzeug.

Er kann auch Alltag

Dabei macht einem der McLaren diese Grenzerfahrung denkbar leicht. Denn solange man die Finger von der „variable drift control“ lässt, mit der man schrittweise die Maschen im Sicherheitsnetz vergrößern und den Abrieb der Reifen steigern kann, gibt es in diesem Auto nichts, was einen vom schnellen Fortkommen ablenkt – selbst das Cockpit macht sich klein und zieht sich bis auf einen schmalen Display-Streifen in die Hutze hinter dem Lenkrad zurück, wenn man in den Track-Modus wechselt und das Auge an die Ideallinie heftet. Zwar ist der 720S tatsächlich noch einmal stärker, schärfer und schneller geworden. Und auch wenn er selbst unter verschärften Bedingungen lange nicht so viel Spektakel macht wie ein Ferrari oder Lamborghini, ist der Engländer in Eile den Italienern auf der Rennstrecke und der Landstraße mehr als ebenbürtig. Doch was ihn vor allem von seinen Konkurrenten und auch von seinem Vorgänger abhebt, das ist sein deutlich höheres Maß an Alltagstauglichkeit.

Das gilt für den Fahrkomfort auf schlechten Straßen bis hin zum Kopfsteinpflaster verwinkelter Altstädte genauso wie für das Infotainment und die Assistenzsysteme, die Platzverhältnisse für die Passagiere und mehr noch den Stauraum fürs Gepäck. Nicht umsonst gibt es zu den 150 Litern im Bug noch einmal 210 Liter Ladevolumen auf der Pritsche hinter den Sitzen, die sich über den Mittelmotor legt. Vor allem aber gilt das für die Übersicht, die man in diesem Auto genießt. Denn wo man in anderen Supersportwagen wie durch Scheuklappen sieht und nur nach vorne fixiert, kann man aus dem McLaren nach allen Seiten besser sehen als in manchem Roadster und behält so immer den Überblick – egal, ob auf der Rennstrecke oder in der Rushhour.

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Er fährt schneller als je zuvor, sieht besser aus und ist obendrein auch noch das praktischere Auto – dass der 720S dabei mit 247.350 Euro auch deutlich teurer geworden ist als der Vorgänger 650S, scheint die reichen Raser offenbar nicht zu stören. Denn obwohl ihn bislang kaum ein Kunde gesehen, geschweige denn gefahren hat, haben die Briten bereits 1.400 Bestellungen in den Büchern und damit die Produktion für den Rest des Jahres längst ausverkauft. Geld allein, so die Moral von der Geschicht’, reicht also nicht, wenn man einen Sportwagen dieses Kalibers fahren will. Man muss schon auf dem Weg zum Händler so flott sein, wie nachher am Steuer.

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