Suchen

Zukunft der Mobilität Mobilitätswende: Wird es jetzt ernst?

| Autor / Redakteur: Peter Trechow / Jens Scheiner

Die Nationale Plattform Zukunft der Mobilität (NPM) hat ihren ersten Fortschrittsbericht vorgelegt. Ihre Thesen und Zustandsbeschreibungen unterstreichen den Ernst der Lage.

Firmen zum Thema

Damit die Mobilitätswende gelingt barucht es millionen Ladepunkte, eine Wasserstoffinfrastruktur, Batteriezellenfabriken und Energie, die nahezu klimaneutral aus erneuerbaren Energien stammt.
Damit die Mobilitätswende gelingt barucht es millionen Ladepunkte, eine Wasserstoffinfrastruktur, Batteriezellenfabriken und Energie, die nahezu klimaneutral aus erneuerbaren Energien stammt.
(Bild: Daimler )

„Wir müssen die Menschen begeistern und sie auf dem Weg in die Mobilitätszukunft mitnehmen. Nur dann kann ein ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltiges Mobilitätssystem Wirklichkeit werden“, erklärte Henning Kagermann am Mittwoch (11. Dezember) in Berlin. Nicht zufällig hatte der Vorsitzende der Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität (NPM) den ersten Vorsitzenden der IG Metall, Jörg Hofmann, an seiner Seite. Zur Erinnerung: In den sechs Arbeitsgruppen des Lenkungskreises wirken 240 oft hochrangige Expertinnen und Experten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Verbänden und Zivilgesellschaft mit. Das Wort hatte neben Kagermann der Gewerkschafter.

Es war ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Zeit der luftigen Visionen abgelaufen ist. Es wird ernst für den Automobilstandort Deutschland. Für die Menschen, die in der Industrie arbeiten. Die höchst präzise sequenzierten Lieferketten. Für viele kleine und mittlere Zulieferer sowie hoch spezialisierte Maschinenbauer, deren Geschäftsmodelle untrennbar mit Verbrennungsmotoren verknüpft sind. Die Mobilitätswende rüttelt an den Grundfesten. Im gerade anbrechenden Jahrzehnt soll der Bestand an Elektrofahrzeugen und Hybriden auf zehn Millionen Fahrzeuge wachsen. Eine Millionen Ladepunkte sollen entstehen.

Die Vorzeichen stehen schlecht

Nebenbei gilt es, eine Wasserstoffinfrastruktur aufzubauen. Batteriezellfabriken aus dem Boden zu stampfen, um die Importabhängigkeit zu reduzieren. Und nicht zu vergessen: Die Energie für all das soll nahezu klimaneutral aus erneuerbaren Energien stammen. Doch landauf landab regt sich Widerstand gegen deren Ausbau, ziehen sich Projekte über Jahre hin. Windanlagenbauer und Hersteller von Kupferkabeln geraten ins Taumeln: Obwohl ihre Produkte nötiger denn je sind, stockt die Nachfrage.

Als Kagermann 2011 mit der Nationalen Plattform Elektromobilität startete, war die Euphorie bei den Automobilkonzernen sehr begrenzt, dafür gab es in der Öffentlichkeit viel Zuspruch. Mittlerweile ist es umgekehrt. Und was Kagermann und Hofmann in Berlin zu berichten hatten, ist ungeeignet, die Menschen mitzureißen: „OEM und Zulieferer müssen ihr Produktivitätsniveau trotz fortschreitender Abwärtsskalierung im Verbrennungsmotorenbereich halten“, sagte Hofmann. Dieses Herunterfahren sei angesichts der vorhandenen Fixkosten deutlich schwieriger, als das Herauffahren der Produktion von Elektroantrieben. „Viele Regionen und Firmen sind vom Verbrennungsmotor abhängig – schon ein Herunterskalieren um 20 Prozent kann ihre Geschäftsmodelle zunichtemachen“, mahnte er. Im hochkomplexen, innovativen Produktionsnetzwerk der deutschen Industrie drohen massive Brüche.

Transformationshubs und -fonds sollen Abhilfe schaffen

Um diese Brüche zu verhindern, müssen Hersteller, Automobilzulieferer und Politik an einem Strang ziehen. Es geht darum, die Transformation der Geschäftsmodelle proaktiv anzugehen und einander zu stützen. Strukturpolitische Maßnahmen, Identifikation neuer Geschäftsideen, ganz konkrete Unterstützung von kleinen und mittleren Betrieben, die oft gar nicht die Managementkapazitäten haben, um einen umwälzenden Veränderungsprozess zu gestalten. Hofmann und Kagermann schlagen daher regionale Transformations-Hubs vor, die gezielt Unterstützung anbieten. Zudem Förderung von Qualifizierung, auch während Kurzarbeitsphasen. Und Finanzierungsprogramme sollen proaktiv ausgelegt werden, etwa in Form von Finanz-Bypässen für unbürokratische Kredite, wo Banken kleinen und mittleren Unternehmen Finanzierungen und Refinanzierungen im Bereich der Verbrennungsmotorentechnik verweigern. Und sehr wichtig ist es laut Hofmann auch, tragfähige Lösungen für freigestellte Beschäftigte in der Produktion zu finden. „Es wird eine Reduktion der Produktionsarbeitsplätze geben“, stellte er klar. Transformationsfonds sollen helfen.

Vor allem aber geht es nun darum, die Chancen im Umbruch zu erkennen. Wo liegen Potenziale im Bereich der Batteriezell- und Batteriemodulfertigung, der Leistungselektroniken, der Brennstoffzell- und Wasserstoffelektrolysetechnik. Wie können unterschiedliche Branchen Synergien heben; durch Sektorkopplung schnell Skaleneffekte erzielen. Wasserstoff, der Hoffnungsträger, ist bisher noch um Faktor drei bis vier zu teuer. Die Energie, um ihn im großen Stil zu produzieren, wird laut Kagermann nicht in Deutschland zu beschaffen sein. „Sie muss aus wind- und sonnenreichen Teilen der Erde zu uns transportiert werden“, sagt er. Stromtrassen oder Pipelines müssen her. Spätestens 2050. Denn dann soll die Erde laut Pariser Abkommen von menschengemachten Treibhausgasemissionen befreit sein. Was nach luftiger Vision klang, wird nun bitterer Ernst.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 46289573)