Automatisiertes Fahren

Navya: mit automatisierten Autos voraus

| Autor / Redakteur: Hans-Robert Richarz/Ampnet / Sven Prawitz

Das „Autonom Cab“ von Navya in Paris.
Das „Autonom Cab“ von Navya in Paris. (Bild: Navya)

Stichwort: „Automatisiertes Fahren“. Selbstfahrende Modelle etablierter Hersteller sind noch Zukunftsmusik. Anders beim französischen Start-up Navya, das bereits heute automatisierte Shuttle produziert.

In Zukunft werden die Autos überwiegend automatisiert unterwegs sein – daran lassen die meisten Fachleute keinen Zweifel. In Zukunft? Für ein erst vor vier Jahren gegründetes Start-up-Unternehmen in der französischen Provinz ist diese Zukunft schon jetzt täglich praktizierte Gegenwart. Navya SAS mit Sitz in Villeurbanne in der Nähe von Lyon produziert inzwischen zwei Fahrzeuge zum Personentransport: das bis zu sechs Leute fassende „Autonom Cab“ und den Minibus „Autonom Shuttle“ mit elf Sitz- und vier Stehplätzen. Beide haben erfolgreiche Tests in aller Welt hinter sich, der bislang letzte in Mainz.

Als erstes kommunales Verkehrsunternehmen Deutschlands hatte die Mainzer Mobilität einen selbstfahrenden Elektrokleinbus im öffentlichen Raum ausprobiert. Vier Wochen lang fuhr das „EMMA“ (Elektromobilität Mainz autonom) genannte Fahrzeug am Winterhafen zwischen Ruderverein und Fort Malakoff, betrieben mit Ökostrom der Mainzer Stadtwerke und gesponsert von der R+V-Versicherung sowie der Mainzer Volksbank. Die R+V-Versicherung sammelt schon seit rund zwei Jahren mit eigenen automatisierten Kleinbussen Erfahrungen für die Kfz-Versicherungskonzepte von morgen und übermorgen.

Vom Spieledesigner Infogrames zu Navya

Deutlich mehr als 2.000 Menschen ließen sich die kostenlose Probefahrt mit dem französischen Kleinbus am Mainzer Rheinufer nicht entgehen und äußerten sich durchweg positiv. Das Auto war allerdings nicht ganz allein auf Tour, ein Operator war stets mit an Bord und hätte im Notfall eingreifen können.

Ursprünglich hatte sich Navya-Gründer Christophe Sapet seine Brötchen als Hersteller von Videospielen verdient und dafür im Jahr 1983 das Studio Infogrames mitbegründet, das später zu einem weltweit führenden Hersteller von Computerspielen aufstieg und schließlich in Atari umbenannt wurde. 2014 stieg Sapet bei Infogrames aus und mit Navya in die Autobranche um, unterstützt mit Risikokapital zahlreicher Finanzinvestoren sowie einer Millionenspritze des Automobilzulieferers Valeo, dem Verkehrsbetreiber Keolis und einem Geldgeber aus dem Öl-Scheichtum Katar.

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Keine Fahrdienste in Eigenregie

Deren Geld ist offensichtlich gut angelegt, denn Navya lieferte allein in der ersten Hälfte dieses Jahres 36 „Autonom Shuttle“ im Wert von über acht Millionen Euro aus. Das Unternehmen verfügt über Produktionsstandorte in Véniseux (Frankreich) und Saline (US-Bundesstaat Michigan) und baut derzeit eine Produktionsstätte in der Region Asien-Pazifik auf.

In Eigenregie automatisierte Fahrdienste anbieten will Navya nicht, stattdessen produziert das Unternehmen selbstfahrende Autos für Kommunen und andere Institutionen. In den USA wird das „Autonom Cab“ zum Beispiel in Versuchen in Las Vegas und an der Universität von Michigan verwendet. Über ein Dutzend ähnlicher Versuche gibt es weltweit mit dem Ziel, sie schließlich in tatsächliche Dienste umzuwandeln.

Shuttle für die letzte Meile

Laut Navya sind die Fahrzeuge für die „letzte Meile“ konzipiert, also den letzten Teil einer Reise. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt zwar rund 90 km/h, doch sind die Fahrzeuge in erster Linie für städtische Umgebungen gedacht, wo 50 km/h üblich sind. Dies gilt etwa für die Fahrt zwischen einem Verkehrsknotenpunkt und dem endgültigen Zielort – beispielsweise zwischen einem Bahnhof und der Wohnung des Fahrgastes oder zwischen einem Flughafen und einem Flughafenhotel. In Paris verkehrt jetzt schon ein Dienst zwischen dem Flughafen Charles de Gaulle und dem Bahnhof Réseau Express Régional.

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„Heute müssen wir anerkennen, dass sich die Bedeutung individueller Fahrzeuge insbesondere bei jüngeren Generationen wandelt. Was die Leute wirklich interessiert, sind Mobilitätslösungen, die 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche einsatzbereit sind und Sicherheit sowie Bequemlichkeit zu günstigen Kosten sicherstellen“, sagt Unternehmensgründer Christophe Sapet.

Sensorarchitektur mit dreifacher Redundanz

Dafür bietet „Autonom Cab“ laut Navya eine der vollständigsten Sensorarchitekturen auf dem Markt. Das Auto verfügt über zehn Lidar-Sensoren, sechs Kameras, vier Radarsensoren, zwei GNSS-Antennen (Empfänger für globale Navigationssatellitensysteme) und eine Trägheitsmesseinheit (IMU). Diese Sensoren bieten mindestens eine dreifache Redundanz über alle Funktionen hinweg und sollen damit eine außergewöhnliche Zuverlässigkeit sicherstellen. Gleiches gilt für den „Autonom Shuttle“.

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