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Konnektivität Toyota Connected: „Smartphones sind die Treiber“

| Autor: Sven Prawitz

Agustín Martín ist CEO bei Toyota Connected Europe und Vice President Mobility & Connected Car bei Toyota Europe. Für ihn ist die Unterhaltungselektronik so prägend, dass sich die Automobilbranche anpassen muss. Für Martín dreht sich dabei alles um eine Frage.

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Agustín Martín ist CEO bei Toyota Connected Europe und Vice President Mobility & Connected Car bei Toyota Europe.
Agustín Martín ist CEO bei Toyota Connected Europe und Vice President Mobility & Connected Car bei Toyota Europe.
(Bild: Toyota )

Vor drei Jahren wurde Toyota Connected gegründet. Das Unternehmen soll sich um das Daten-Backend und datenbasierte Geschäftsmodelle des OEMs kümmern. Mit dem neuen RAV4 sammelt Toyota nun auch in Europa Informationen zur Fahrzeugnutzung. In London arbeiten 45 Mitarbeiter bei Toyota Connected, dessen Chef Agustín Martín ist.

Herr Martin, bei Toyota denkt man schnell an Antriebstechnik, vor allem an Hybride. Kann Toyota auch bei der Konnektivität Trends setzen?

Beim Antriebsstrang konnten wir voraussehen, wohin die Verbrauchertrends gehen werden. Wir arbeiten daran, die gleiche Art von Voraussicht für die Konnektivität zu schaffen. Wir müssen viel mehr Arbeit in den Versuch investieren, mehr zu antizipieren. Denn unser Leben baut sich mehr und mehr um unser Smartphone auf.

Welche Strategie verfolgen Sie dabei?

Betrachtet man verschiedene Informationsquellen, wird prognostiziert, dass bis 2030 rund 40 Prozent der Automobilumsätze aus dem sogenannten Neugeschäft stammen werden, also dem vernetzten Fahrzeug und der neuen Mobilität. Wenn wir bis dahin nichts tun, wird unser Umsatz auf 60 Prozent schrumpfen. Das ist natürlich nicht akzeptabel. Momentan übertragen wir diese Prognosen auf unser Geschäft und legen fest, was das für die Jahre 2025 und 2020 für uns bedeutet.

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Zur Person

Agustín Martín (Jg. 1969) ist seit dem Jahr 1995 bei Toyota. Von 2015 bis 2017 war er CEO von Toyota Spanien. Seit Januar 2018 leitet Martín den Bereich „Mobility & Connected Car Function“ bei Toyota Europa. Im April vergangenen Jahres wurde er zusätzlich CEO des neu gegründeten Unternehmens Toyota Connected Europe mit Sitz in London.

Kennen Sie die Kundenbedürfnisse im Bereich Konnektivität?

Wir haben ein Verständnis dafür, was die Grundlagen sind. Ich denke, die Unterhaltungselektronik lehrt uns, wo es in diesem Bereich hingehen wird. Der größte Unterschied ist die Dynamik. Deshalb denke ich, dass die Kernarbeit in der Entwicklung darin besteht, das richtige Fundament zu haben. Das Fundament sind die elektronische Plattform und vernetzte Dienste. Over-the-Air-Updates erlauben es uns, alles zu aktualisieren, was Sie in Ihrem Fahrzeug haben. Egal, welche Art von Bedarf Sie morgen haben: Wir sollten in der Lage sein, mit einer Anpassung der Software Ihres Fahrzeugs zu reagieren. Wenn man nicht alles weiß, schafft man sich eine Infrastruktur, die es einem ermöglicht, nicht auf alles zu reagieren, aber auf so viel wie möglich.

Wie wollen Sie Daten austauschen?

Unser sogenanntes Big Data Center ist unser Backend. Dort sammeln wir alle unsere Informationen. Über diesem Backend erstellen wir eine Ebene, die eine offene Plattform ist. Darauf können Dritte über Programmierschnittstellen, sogenannte APIs, zugreifen. Dritte können Continental oder die Stadt Genf, ein Polizeirevier oder ein Autovermieter sein. Das ist die Art und Weise, wie wir uns selbst strukturieren. Wir haben diese Plattform vor vier Jahren in Japan gegründet. Sie läuft auch in den USA. Nun ist sie auch in Europa verfügbar.

Wird jeder Automobilhersteller seine eigene Plattform haben?

Der Wunsch ist es, so viele offene Plattformen wie möglich zu haben. Und nicht nur die Automobilhersteller bieten solche Plattformen an. Denken Sie an Baidu, Tencent, Facebook, Apple, Google und so weiter. Aber am Ende des Tages fürchte ich, bleibt nur eine Handvoll von ihnen übrig.

Die Toyota-Plattform soll sicherlich eine davon sein.

Die Frage ist nicht so sehr, welche oder wie viele. Sondern: Wie können wir die Bedürfnisse unserer Kunden erfüllen? Wir sind uns bewusst, dass einer unserer wichtigsten Vorteile unsere Größe ist. Und ich denke, dass viele Leute von den Tech-Companies sehr an der Größenordnung interessiert sind, die wir einbringen.

Haben Automobilhersteller eine Chance gegen die Tech-Konzerne?

Ich glaube schon, weil die Leute unsere Autos fahren. Wenn wir in der Lage sind, die Erfahrung zu liefern, die der Kunde erwartet, bleibt er bei uns. Erfüllen wir die Erwartungen nicht, wird der Kunde nach anderen Anwendungen suchen. Wir spielen jetzt auf einer anderen Art von Feld. Das ist es, was uns alle in der Automobilindustrie momentan verändert. Wenn ich einen Mehrwert für Ihre Erfahrung im Fahrzeug schaffen kann, werden Sie es nutzen. Wenn nicht, schätze ich, werden Sie zu Ihrem Handy zurückkehren. Die Smartphones sind die Treiber. Das ist unsere Herausforderung.

Die Konnektivität wird damit ein Teil der Kaufentscheidung?

Ich glaube schon. Künftig teilen wir Autos oder sitzen in automatisierten Fahrzeugen. Die Verschiebung ist enorm. Wir sollten uns nicht mit dem vergleichen, was wir bereits kennen. Wenn wir das tun, werden wir scheitern. Wir müssen die neuen Chancen auf eine ganz andere Weise betrachten. Das ist es, warum sich jeder vor der Unterhaltungselektronik fürchtet. Die Unterhaltungselektronik kreiert momentan die Verbraucherinteressen. Wir müssen uns daran anpassen und nicht umgekehrt. Der Kampf gegen Google und all die anderen Technologieunternehmen ist für mich nicht die Kerndiskussion. Der Wendepunkt ist: Sind wir in der Lage, die Bedürfnisse des Kunden zu erfüllen? Ja oder nein?

Das verändert das Verhältnis zwischen Automobilhersteller und Verbraucher.

Richtig! Wir müssen verstehen, wie wir Teil des Ökosystems des Verbrauchers sind, und wie wir einen Mehrwert schaffen können. Ich sage nicht, dass wir das zu hundert Prozent erfüllen müssen. Aber wir sollten in der Lage sein, x Prozent des Bedarfs zu erfüllen. Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist, dass man ein Fahrzeug als Allerweltsprodukt betrachtet. Und unsere Dienstleistungen ebenso. Denn dann sind wir verschwunden. Alle Werte, die wir als Hersteller geschaffen haben und die es uns ermöglicht haben, so weit zu kommen, müssen wir in für die Zukunft relevante Werte übersetzen. Werte, für die der Verbraucher nicht nur bereit ist zu bezahlen, sondern die er schätzt. Dann werden wir Teil seines Ökosystems sein. Verglichen mit dem Smartphone wollen wir eine App auf dem Handy sein. Dann haben wir die Chance, am Markt zu bestehen.

Das Interview führte Sven Prawitz

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Über den Autor

 Sven Prawitz

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Technikjournalist