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VW: Verdacht auf Zykluserkennung in Euro-6-Dieseln

| Autor/ Redakteur: dpa / Sven Prawitz

Der Skandal wegen Abschalteinrichtungen im Dieselmotor EA189 ist weitgehend aufgearbeitet, doch nun soll im Nachfolgemotor ebenfalls eine Zykluserkennung arbeiten. Volkswagen und das Verkehrsministerium dementieren.

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Der VW-Motor EA288 als Bi-Turbo im aktuellen Tiguan.
Der VW-Motor EA288 als Bi-Turbo im aktuellen Tiguan.
(Bild: Sven Prawitz)

Volkswagen steht neuerlich unter Verdacht, in aktuell verbauten Motoren ebenfalls eine Abschalteinrichtung zu verwenden. Laut einem Bericht des SWR verwenden auch neuere Diesel-Motoren mit der Abgasnorm Euro 6 eine Software, die erkenne, ob sich das Fahrzeug auf einem Prüfstand befindet, eine so genannte „Zykluserkennung“. Konkret geht es dem SWR-Bericht zufolge um die Motorengeneration EA288, den Nachfolger des Skandalmotors EA189. Volkswagen hat den Bericht dementiert, man verwende nach eigener Darstellung in neueren Diesel-Autos keine unzulässigen Abschaltvorrichtungen zur Manipulation der Abgaswerte. Nach aktuellem Stand sei „nichts Illegales passiert“, sagte ein VW-Sprecher der Deutschen Presse-Agentur. Aus dem Ressort von Verkehrsminister Andreas Scheuer in Berlin hieß es: „Unzulässige Abschalteinrichtungen konnten nicht festgestellt werden – auch nicht in Gestalt einer unzulässigen Zykluserkennung.“

Ein VW-Sprecher erklärte, es sei nicht verboten, so genannte „Fahrkurven“ festzulegen. Dabei werden bestimmte Eigenschaften eines Autos so eingestellt, dass prinzipiell auch erkannt werden kann, ob es sich gerade in einem Prüfstandstest befindet. Diese Einstellungen dürften von Entwicklern aber nicht dazu genutzt werden, etwa die Abgassteuerung zu beeinflussen. Hinweise darauf, dass so etwas geschehen sein könnte, habe man nicht.

Motor auch bei Audi, Skoda und Seat verbaut

Auch auf SWR-Nachfrage bestritt der VW-Konzern den Vorwurf: Fahrzeuge mit dem Dieselmotor EA288 enthielten „keine Zykluserkennung“ und demnach auch keine unzulässige Abschalteinrichtung. Der SWR beruft sich auf interne VW-Unterlagen von Ende 2015, in denen detailliert beschrieben werde, wie eine „Zykluserkennung“ im Motor EA288 funktioniere. Dieser Motor wurde seit 2012 in Hunderttausenden Diesel-Fahrzeugen des Konzerns eingebaut. Auch bei Modellen von Audi, Skoda und Seat kommt dieser Motor zum Einsatz.

Für den Rechtsanwalt Andreas Baier, von der Kanzlei Baier und Depner aus Karlsruhe, könnten die neuen Erkenntnisse eine weitere Welle an Rechtsstreits zwischen Kunden und Herstellern auslösen. Für den Juristen, der schon einige Verfahren im Dieselskandal geführt hat, bestätigen die aktuellen Erkenntnisse, dass VW bei den Euro 6 Diesel-Motoren EA 288 manipuliert hat: „Diese Dokumente sind ein Paukenschlag und sie heben den Skandal auf ein ganz neues Level. Es bedeutet für uns, dass Volkswagen auch beim Nachfolgemodell die Kunden getäuscht hat“, sagte er der SWR-Redaktion.

Rückruf von T6 ein Hinweis auf Betrug?

Auch der ebenfalls in Dieselprozessen erfahrene Anwalt Johannes von Rüden meldete sich bereits zu Wort. Er hält die im SWR-Bericht zitierten Passagen interner VW-Dokumente für ausreichend, „um den Volkswagen Konzern auch hinsichtlich der Modelle, in denen ein EA 288 verbaut ist, wegen vorsätzlicher Sittenwidriger Schädigung in Anspruch zu nehmen“. Als Beleg für das Vorliegen neuerlicher Abgasprobleme sieht er den Rückruf von T6-Modellen, wegen „Konformitätsabweichungen, die zur Überschreitung des Euro-6-Grenzwertes für Stickoxide führen“.

Nach Darstellung des SWR seien im Zuge der Recherchen alle Fragen an das das Kraftfahrtbundesamt (KBA) zum VW-Motor EA 288 unbeantwortet geblieben. Auch das übergeordnete Bundesverkehrsministerium habe auf eine schriftliche Anfrage bislang nicht geantwortet. Das Schweigen erinnert an die Rolle des KBA in der ersten Welle des Dieselskandals, als die Behörde vor allem durch Ahnungslosigkeit auffiel – und danach mauerte.

EA288: Bereits 2015 im Visier

Bereits im Herbst 2015 war kurz nach dem Bekanntwerden des VW-Abgasskandals mit dem Motor EA189 im Zentrum der Verdacht aufgekommen, auch das neuere Aggregat EA288 könne von Manipulationen betroffen sein. Schon damals kam VW „nach gründlicher Prüfung“ zu dem Ergebnis, dass in beiden EA288-Varianten – mit Euro 6 und der früheren Abgasnorm Euro 5 – „keine Software verbaut ist, die eine unzulässige Abschalteinrichtung im Sinne der Gesetzgebung darstellt“.

Bei der vor vier Jahren in den USA aufgedeckten Abgasaffäre, die den VW-Konzern bereits viele Milliarden Euro gekostet hat, geht es rein technisch darum, dass eine VW-Software erkennt, dass das Auto auf Abgas-Prüfständen getestet wird. Die Abläufe im Motor werden dann so geändert, dass die Emissionsrichtwerte erreicht werden. Draußen auf der Straße im Alltag sind die Emissionswerte dann höher, und in der Laborsituation gewonnen Angaben sind wertlos.

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