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Coronavirus Wie die Autoindustrie die Medizinbranche jetzt unterstützen kann

| Autor: Thomas Günnel

Die Corona-Pandemie bringt die Medizinbranche an Ihre Grenzen, vor allem fehlen Atemschutzmasken und Beatmungsgeräte. Automobilzulieferer und -hersteller können hier helfen – und tun es in Einzelfällen bereits.

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Medizinische Ausrüstung wie Atemschutzmasken ist derzeit gefragt – Automobilzulieferer stellen sie teilweise selbst her.
Medizinische Ausrüstung wie Atemschutzmasken ist derzeit gefragt – Automobilzulieferer stellen sie teilweise selbst her.
(Bild: ZF Friedrichshafen)

[Update: 26. März, 16:28 Uhr]

Der Automobilzulieferer Zettl mit Sitz im bayerischen Weng bei Dingolfing entwickelt und produziert normalerweise Produkte für den Automobilinnenraum, zum Beispiel Sitzbezüge oder Türverkleidungen. Seitdem die Corona-Pandemie auch Deutschland fest im Griff hält, ist das Portfolio um ein Produkt gewachsen: Atemschutzmasken. Hubert Aiwanger, Staatsminister für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, hat selbst laut seines Twitter-Posts vom Sonntag (22. März) „die Kette organisiert, von der Materialbeschaffung bis zur Qualitätszertifizierung“.

Die Filterstoffe für die Masken liefert Sandler, einer der nach eigenen Angaben größten Vliesstoff-Hersteller weltweit. Das Unternehmen mit Sitz im bayerischen Schwarzenbach an der Saale hat Erfahrung auch mit Hygieneprodukten, etwa für OP-Masken – und produziert jetzt am Anschlag: „Unsere Kapazitäten sind grundsätzlich ausgeschöpft und Kundenaufträge über die kommenden Wochen hinaus bereits eingeplant und bestätigt“, heißt es vom Unternehmen.

Und weiter: „Um in der aktuellen, kritischen Situation zu helfen, haben wir einen Sonderbestand an Rollen gefertigt. Es handelt sich dabei um einen dreilagigen Materialverbund, der für die Herstellung von Atemschutzmasken der Schutzklassen FFP2 oder FFP3 (FFP, Filtering Face Piece, Atemschutzfilter; 1 bis 3 = genormte Klassen) eingesetzt wird, in der Standardabmessung 40 cm x 400 m. Diese Rollen werden aber nur an Verarbeiter herausgegeben, die in direktem Auftrag für eine öffentliche Einrichtung Masken produzieren, zum Beispiel für Kliniken, Arztpraxen oder Feuerwehren.“

Auf telefonische Anfragen bittet Sandler zu verzichten. Unternehmen, die Kriterien erfüllen, sollen sich per E-Mail an das Unternehmen wenden. Wichtig: In der E-Mail müssen folgende Informationen enthalten sein:

  • Anzahl der benötigten Rollen
  • Ansprechpartner mit E-Mail und Telefonnummer
  • Nachweis der zu beliefernden öffentlichen Einrichtungen inklusive Ansprechpartner mit Email und Telefonnummer

Dieses Vorgehen ist laut Unternehmen der aktuellen Situation geschuldet, soll aber keineswegs kurzfristig sein: „Wir pflegen einen guten direkten Kontakt zu den bayerischen Wirtschafts- und Gesundheitsministerien, um die Versorgung mit Atemschutzmaskenvlies zu gewährleisten und Produktionsketten aufzubauen, die eine langfristige Verfügbarkeit von Masken sowohl in Bayern, Deutschland als auch in Europa sichern.“

Magna stellt Design-Muster zur Verfügung

Magna-Design-Ingenieure aus dem Geschäftsbereich Sitze haben ein Muster entwickelt, um anderen die Herstellung von Maskenabdeckungen zu ermöglichen. In Europa haben die Standorte zur Sitzfertigung mit speziellen Schnitt- und Nähtechnologien nach Unternehmensangaben die Produktion dringend benötigter Masken beschleunigt, um einen Mangel in Italien zu beheben. In Russland, Serbien und der Tschechischen Republik stellt das Unternehmen heute 51.000 Masken täglich in zwei Designs her, eines davon mit einer zusätzlichen Filtertasche.

Die Standorte der Schnitt- und Nähfertigung sind ebenfalls gut ausgelastet: In Mexiko entstehen täglich bis zu 2.000 Masken, um die gleiche Menge wie in Europa zu erreichen und an lokale Stellen zu geben.

Weil in Amerika Masken der Klasse „KN95“ fehlen, hat das Unternehmen nach eigenen Angaben 510.000 Stück aus China organisiert und an verschiedene Krankenhäuser in Nordamerika gespendet. Das Powertrain-Team hat zudem in China 30.000 „KN95“-Masken geordert und nach Italien verschifft. Die Standorte und Mitarbeiter – wie auch die anderer Zulieferer und Automobilhersteller – auf der ganzen Welt spenden Handschuhe an Krankenhäuser, Mahlzeiten für Mitarbeiter des Gesundheitswesens und Hygienekits an Notunterkünfte.

„Außerdem führen wir derzeit Gespräche mit verschiedenen Autoherstellern über die Bereitstellung von Teilen für Ventilatoren, Gesichtsschutze und andere Dingen, die zur Bekämpfung der Covid-19 Pandemie gebraucht werden“, vermeldet Magna.

Mahle und Triumph arbeiten zusammen

Der Automobilzulieferer Mahle hat sich indes mit dem Unterwäschehersteller Triumph zusammengetan. Mahle liefert ein Filtermedium, das FFP3-tauglich ist und Viren abfängt. Die Produktion der Atemschutzmasken, die auch im medizinischen Umfeld eingesetzt werden können, startet bei Triumph ab sofort; die Belieferung erfolgt an behördliche Stellen.

„Derzeit prüfen wir alle Möglichkeiten, um mit technologischem Know-how, Testlaboren, Reinräumen oder auch Fertigungsmöglichkeiten in dieser Notsituation zu unterstützen. Gemeinsam mit Triumph haben wir innerhalb kürzester Zeit die Machbarkeit zur Herstellung von Atemschutzmasken geprüft, Prototypen gefertigt, die Lieferkette und den Produktionsprozess aufgesetzt. Das steht für ein herausragendes Engagement aller Beteiligten, denen ich an dieser Stelle herzlich danken möchte“, sagt Mahle-Chef Jörg Stratmann.

Parallel prüft der Zulieferer nach eigenen Angaben eine zusätzliche Eigenproduktion von warmumgeformten Masken und den Einsatz von 3-D-Druckern zur Komponentenherstellung für Atemschutzmasken und weiteres medizinisches Equipment.

ZF produziert eigene Masken

In China fertigt der Zulieferer ZF Friedrichshafen am Standort Schanghai ebenfalls Atemschutzmasken, hier allerdings für die eigene Verwendung. „Das Tragen von Masken bei der Arbeit ist in China während der Coronavirus-Epidemie behördlich vorgeschrieben. Ohne diese Mundschutz- oder Atemschutz-Masken konnte nach den chinesischen Neujahrsferien und den verlängerten Betriebsruhen wegen des Coronavirus die Produktion nicht wieder aufgenommen werden“, so ein Unternehmenssprecher.

Wir haben kurzerhand eine Maschine gekauft, um Masken herzustellen.

„Nachdem absehbar war, dass unsere Masken-Vorräte im März ausgehen werden, weil eben alle solche Masken tragen wollen und müssen, hat ZF kurzerhand beschlossen, eine Maschine zur Herstellung solcher Masken anzuschaffen und die benötigen Masken für rund 14.000 ZF-Mitarbeiter in den etwa 40 Werken in China selbst herzustellen.

Seit Anfang März produziert ZF nun 90- bis 100.000 Mundschutz-Masken täglich, um den Mitarbeitern zu ermöglichen, die Masken spätestens alle vier Stunden zu wechseln.“ Den über Bedarf produzierten Rest will das Unternehmen für die lokalen Gemeinden spenden, in denen die Werke stehen.

Hilfe von Automobilherstellern

Auch Automobilhersteller wollen helfen. Ende der vergangenen Woche meldete die Nachrichtenagentur dpa, dass General Motors und Ford die Produktion von medizinischer Ausrüstung prüfen. Dazu arbeiten jetzt auch General Electric und der Zulieferer 3M mit Ford zusammen. Konkret gehe es um über 100.000 Plastikmasken und Schutzausrüstung, die Ford auf seinen 3-D-Druckern herstellen will. Auch Tesla will Beatmungsgeräte herstellen, am Samstag (21. März) twitterte Elon Musk, „er habe sich eben lange mit Medtronic über die Technik moderner Beatmungsgeräte unterhalten“. Medtronic ist ein irischer Hersteller für Medizintechnik.

Volkswagen bereitet sich nach Medienberichten ebenfalls darauf vor, Teile für medizinische Geräte herzustellen. „Medizinisches Equipment ist natürlich neu für uns“, sagte ein Sprecher am Freitag gegenüber dpa. „Aber sobald wir die Anforderungen kennen und die entsprechende Blaupause erhalten, können wir starten.“ Es gehe um Komponenten, die sich mit 3-D-Druckern aus der Kunststoffteile- oder Prototypenfertigung herstellen ließen. Volkswagen habe bereits Anfragen von Behörden, auch zu Verbänden und Vereinen gebe es Kontakt. Zuvor hatte das „Handelsblatt“ darüber berichtet. Die VW-Gruppe verfüge über mehr als 125 industrielle 3-D-Drucker. Für die Produktion kommen laut Volkswagen auch Standorte außerhalb der Bundesrepublik infrage: „Wir haben eine internationale Taskforce, die sich bereits mit Hochdruck um dieses Thema kümmert.“ Dazu gehöre, Beschaffungswege zu prüfen – außerdem gebe es erste Versuchsteile.

Fiat Chrysler und Ferrari

Fiat Chrysler Automobiles (FCA) werde eine seiner Fabriken zur Herstellung von Atemschutzmasken umbauen, kündigte der Vorstandsvorsitzende Mike Manley in einem Brief an die Mitarbeiter an, der der Deutschen Presse-Agentur am Montag (23. März) vorlag. Diese Produkte sollten an medizinisches Personal gespendet werden. Ziel sei es, mehr als eine Million Schutzmasken pro Monat zu produzieren. Nach Unternehmensangaben sollen die Schutzmasken in einem asiatischen Werk hergestellt werden.

Wegen des Coronavirus hatte der Konzern die Fahrzeugproduktion unter anderem in Europa vorübergehend gestoppt. In Italien unterstützen laut dpa FCA und Ferrari das Medizinunternehmen Siare Engineering (Valsamoggia) bei der Produktion von Beatmungsgeräten.

Britische Regierung bittet Industrie um Hilfe

In Großbritannien hatte die Regierung bereits vergangene Woche Unternehmen um Hilfe gebeten, um Beatmungsgeräte herzustellen oder deren Fertigung zu unterstützen. Besonders gehe es dabei um:

  • Entwurf/Spezifikation
  • schnelle Prototypenerstellung
  • Vertrags-/Produktmontage
  • Zertifizierung/Regulierung/Prüfung
  • Logistik
  • medizinische Ausbildung

Die technischen Spezifikationen der Beatmungsgeräte hat die britische Regierung ebenfalls veröffentlicht. Unternehmen die diese Bedingungen erfüllen und helfen können, sollen sich online registrieren.

Industrie und Medizintechnik vernetzen

Die deutsche Regierung hat unterdessen am vergangenen Wochenende den Hackathon „#wirversusvirus“ organisiert. Ihr Ziel: mögliche Lösungen finden im Umgang mit der Covid-19-Krise. Quasi nebenbei entstanden ist dabei laut des „Tagesspiegel“ die Plattform „Industrie vs. Virus“. Hier sollen sich Industrie und Mittelstand vernetzen. Der Tagesspiegel berichtet weiter, dass sich daran auch Mitarbeiter von Audi, Bosch, Volkswagen und vom Medizintechnikhersteller Dräger beteiligen. In der zugehörigen Gruppe im Netzwerk Linkedin #industryvsvirus sind bereits über 400 Mitglieder.

Bosch sagt auf Nachfrage, man „prüfe derzeit, wie das Unternehmen mit eigenen Produkten sowie gegebenenfalls mit Fertigungsknowhow und -kapazitäten oder auch gemeinsam mit Partnern zu Lösungen beitragen kann, die bei der Eindämmung des Coronavirus helfen. Erste Ideen und auch Initiativen von Mitarbeitern werden auf Machbarkeit und vor allem rasche Umsetzbarkeit hin bewertet.“

Kostenloses Desinfektionsmittel für Krankenhäuser

Es geht aber nicht ausschließlich um Atemschutzmasken und Beatmungsgeräte: BASF stellt seit vergangener Woche kostenlos Hand-Desinfektionsmittel für Krankenhäuser in der Region Rhein-Neckar zur Verfügung. Die deutlich gestiegene Nachfrage hatte zu einem Engpass geführt. Krankenhäuser in der Region können sich bei Bedarf an Desinfektionsmitteln ab sofort per E-Mail bei dem Unternehmen melden: standortaktuell@basf.com.

„Die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus fordert uns als Gesellschaft heraus“, sagt Michael Heinz, Mitglied des BASF-Vorstands und Standortleiter in Ludwigshafen, in einer Mitteilung des Unternehmens. „Wir haben uns überlegt, wie wir im Rahmen unserer Möglichkeiten am besten helfen können, indem wir jene unterstützen, auf die es jetzt ganz besonders ankommt: die Ärzte und das Pflegepersonal in den Kliniken.“

Heinz dankte der Landesregierung Rheinland-Pfalz und dem Bundesministerium für Gesundheit für die schnelle Prüfung und Erteilung der notwendigen Genehmigungen. „Da unsere Produktionsmöglichkeiten sehr begrenzt sind, werden wir zunächst nur Krankenhäuser innerhalb der Metropolregion Rhein-Neckar beliefern können. So hoffen wir, die Nachfragesituation insgesamt zu entspannen.“

Mit Material von dpa

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Über den Autor

 Thomas Günnel

Thomas Günnel

Redakteur/Fachjournalist, Redaktion AUTOMOBIL INDUSTRIE