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Zulieferer ZF schreibt tief rote Zahlen und beschleunigt die Transformation

| Redakteur: Claus-Peter Köth

Die Coronakrise sorgt auch bei ZF für deutliche finanzielle Verluste. Als Reaktion beschleunigt der Zulieferer den Konzernumbau.

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Die Coronakrise hat auch beim Automobilzulieferer ZF für deutliche Verluste gesorgt: Das bereinigte operative Minus (EBIT) belief sich im ersten Halbjahr 2020 auf 177 Millionen Euro.
Die Coronakrise hat auch beim Automobilzulieferer ZF für deutliche Verluste gesorgt: Das bereinigte operative Minus (EBIT) belief sich im ersten Halbjahr 2020 auf 177 Millionen Euro.
(Bild: ZF)

Die Folgen der Coronakrise haben auch beim Automobilzulieferer ZF für deutliche Verluste gesorgt: Das bereinigte operative Ergebnis (EBIT) belief sich im ersten Halbjahr auf minus 177 Millionen Euro, wie das Unternehmen am Freitag (7. August) in Friedrichshafen mitteilte.

Wir erwarten, dass die Elektrifizierung jetzt noch schneller kommt.

Wolf-Henning Scheider

Im Vorjahreszeitraum lag das Ergebnis vor Zinsen und Steuern noch bei rund 650 Millionen Euro. Unter dem Strich stand ein Verlust von 911 Millionen Euro – darin enthalten seien unter anderem planmäßige Abschreibungen durch die Akquisitionen von TRW und Wabco, Restrukturierungskosten und diverse Bereinigungen bei Beteiligungen. Auch beim Umsatz musste der Konzern heftige Einbußen hinnehmen: Im ersten Halbjahr lagen die Erlöse bei 13,5 Milliarden Euro – rund 27 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

ZF rechnet mit positivem EBIT für 2020

Wenn es in den nächsten Monaten keine größere Covid-19-Welle gebe und das Marktniveau im zweiten Halbjahr entsprechend der ZF-Erwartungen im Bereich von minus zehn bis minus 15 Prozent unter Vorjahresniveau liege, dann könne man – auch in diesem für alle außergewöhnlichen Jahr – am Jahresende ein positives bereinigtes EBIT erreichen. Der erwartete Jahresüberschuss von ZF werde dennoch negativ sein.

„Wir haben unsere Kosten im ersten Halbjahr um mehr als eine Milliarde Euro reduziert“, sagte der ZF-Vorstandschef Wolf-Henning Scheider, bei der Vorlage der Zahlen für das erste Halbjahr. „In der zweiten Jahreshälfte werden wir die Produktion überall kontinuierlich hochfahren und operativ zu positiven Zahlen zurückkehren. Wir werden unseren Kurs strikt beibehalten, weiter die Ausgaben begrenzen, die Personalkapazitäten an das Umsatzniveau anpassen und sehr gezielt investieren.“

Krise begann bereits vor Corona-Pandemie

Scheider erinnerte daran, dass ZF aufgrund der seit zwei Jahren schwächeren Marktentwicklung bereits vor Ausbruch der Pandemie begonnen habe, Strukturen und Kapazitäten anzupassen: „Mit unserer Strategie Next Generation Mobility haben wir die langfristige Ausrichtung des Konzerns festgelegt und unsere Ziele formuliert. Damit sind wir auf dem richtigen Weg.“ In den Kernthemen der Transformation habe sich die Auftragslage trotz der beispiellosen Bedingungen des ersten Halbjahrs gut entwickelt.

„Wir konnten in der E-Mobilität, bei hochentwickelten Fahrerassistenzsystemen und den dafür notwendigen intelligenten und vernetzten Sensoren und Aktuatoren einige Schlüsselaufträge gewinnen.“. Positive Tendenzen zeige auch der Auftragseingang für Busgetriebe und elektrische Busantriebe sowie im Aftermarket. Zudem profitiere die Windkraftsparte von einem starken Marktwachstum außerhalb Europas. Dort ergäben sich insbesondere im Hinblick auf das weltweit zunehmende Interesse an einer Wasserstoffwirtschaft weitere interessante Entwicklungen.

Neue Divisionen

Vor wenigen Tagen hat ZF einen nach eigenen Angaben wichtigen Schritt zur weiteren Transformation des Unternehmens hin zur E-Mobilität bekanntgegeben: So werden zum 1. Januar 2021 die bisherigen Divisionen Pkw-Antriebstechnik und E-Mobility zusammengelegt, um den Kunden elektrifizierte Antriebskonzepte aus einer Hand anzubieten. Den Name dieser Division wolle man bald bekanntgeben.

Ein Grund dafür sei, dass ZF künftig keine Komponenten mehr für rein verbrennungsmotorische Antriebe entwickeln werde. Einige Entwicklungsprojekte wurden bereits eingestellt. Allerdings produziere man das bestehende Produktprogramm selbstverständlich weiter, bekräftigte Scheider auf Nachfrage.

Die Aktivitäten in der Antriebsentwicklung will ZF auf Plug-in-Hybride mit hoher Reichweite und rein elektrisch fahrenden Fahrzeugen fokussieren. Der Plug-in-Hybrid sorge dabei bis mindestens Ende 2030 für eine Auslastung der bestehenden Komponentenwerke. Was nach 2030 komme, könne man heute noch nicht absehen.

Mehr Dynamik in der Transformation der Autobranche

„Die Coronakrise hat einen spürbaren Beschleunigungseffekt auf die Transformation der Autoindustrie, denn wir erwarten, dass die Elektrifizierung jetzt noch schneller kommt. Wir nehmen diese Herausforderung an und bringen noch mehr Dynamik in die Veränderungen bei ZF, um besser am wachsenden Markt für elektrifizierte Pkw-Antriebe teilzuhaben“, sagte Scheider.

Einen weiteren Impuls erwartet der ZF-Chef von der am 29. Mai vollzogenen Wabco-Akquisition. Der Nutzfahrzeugbremsenhersteller wurde als neue Division „Commercial Vehicle Control Systems“ in das Unternehmen eingegliedert und soll dazu beitragen ZF auch im Lkw-Geschäft als Systemanbieter zu positionieren und das Portfolio für die Kunden in diesem Segment zu erweitern. Der Integrationsprozess laufe planmäßig und werde insbesondere bei den Zukunftsthemen der Fahrerassistenzsysteme und autonomen Funktionen für Nutzfahrzeuge zügig umgesetzt.

Anpassung der Kapazitäten

Neben den strukturellen Veränderungen baut ZF weltweit Kapazitäten ab, um sich auf die schwächere Nachfrage einzustellen und auch die schneller kommende Elektrifizierung des Straßenverkehrs zu antizipieren. In Deutschland hat das Unternehmen dazu den „Tarifvertrag Transformation“ mit der Arbeitnehmervertretung und den Gewerkschaften geschlossen. Er sieht vor, dass ZF bis Ende 2022 keine betriebsbedingten Kündigungen ausspricht und keine Standorte in Deutschland schließt.

Im Gegenzug erhält das Unternehmen die Möglichkeit, die Arbeitszeiten von Tarifmitarbeitern um bis zu 20 Prozent zu reduzieren und gezielt Abfindungs- und Altersteilzeitpakete anzubieten. Diese Flexibilität sei einzigartig in der Branche und helfe die Mitarbeiterkapazitäten in Deutschland sozialverträglich an die neue Normalität anzupassen. In Nord- und Südamerika sei das jedoch nicht möglich, dort werde es weitere Kündigungen geben.

Weltweit hat ZF seit Mitte 2019 bereits 5.300 Stellen abgebaut, davon allein 3.800 seit Jahresbeginn. Um Kosten zu senken, hatte ZF vor einigen Wochen angekündigt, in den nächsten Jahren bis zu 15 000 Stellen weltweit streichen zu wollen.

Scheider: „Europa ist die wohl kritischste Region“

Beim Ausblick bleibt ZF verhalten. Die Lage der Weltwirtschaft bleibe volatil, sagte Scheider. Für das zweite Halbjahr sehe er zwar Erholungstendenzen. Besonders unsicher sei aufgrund der momentan sehr hohen Covid-19-Infektionszahlen aber die weitere Entwicklung in Nord- und Südamerika.

China hingegen entwickele sich sehr vielversprechend. Das Geschäft dort komme sehr stark zurück. Auch Europa zeige im Moment zwar Erholungstendenzen, sei aufgrund des nachlassenden Exports von Fahrzeugen und strengerer Emissionsvorgaben in den nächsten Jahren aber die wohl kritischste Region.

ZF: Keine Erholung auf Vorkrisenniveau bis 2023

„Insgesamt erwarten wir in den nächsten drei Jahren keine Erholung des Marktes auf Vorkrisenniveau“, ergänzte Scheider. Dies gelte für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge bis sechs Tonnen Gewicht, wo die Prognosen mit knapp 89 Millionen Einheiten im Jahr 2023 noch weit von den etwa 94 Millionen Einheiten des Jahres 2018 entfernt seien.

Auch bei den schweren Nutzfahrzeugen gehe es tendenziell langsamer bergauf: 2023 liege der erwartete Absatz mit gut drei Millionen Einheiten um 360.000 Fahrzeuge unter dem Wert von 2019 (3,6 Millionen).

Angesichts dieser langsamen Erholung handele ZF und passe sich an die neuen Gegebenheiten an. Scheider betonte: „Das ist entscheidend, um weiter in Zukunftstechnologien wie E-Mobilität und neue Mobilitätsangebote zu investieren, Aufträge zu gewinnen und die finanzielle Unabhängigkeit für die Zukunft weiter zu stärken.“

Mit Material von dpa

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