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Engineering Zu Besuch in Jaguar Land Rovers neuem Entwicklungscenter

| Autor: Svenja Gelowicz

Der britische Autohersteller hat an der Westküste Irlands ein Entwicklungscenter für E-Architektur, Software und automatisiertes Fahren hochgezogen. Über einen Besuch im neuen R&D-Center, die Pläne von JLR und eine Insel, die schneller als der Kontinent sein will, wenn es um Regulierung ab Level 3 geht.

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E-Architektur, Software und automatisiertes Fahren: Im irischen Shannon arbeitet Jaguar Land Rover in einem neuen Entwicklungszentrum an künftigen Software-Funktionen in seinen Fahrzeugen.
E-Architektur, Software und automatisiertes Fahren: Im irischen Shannon arbeitet Jaguar Land Rover in einem neuen Entwicklungszentrum an künftigen Software-Funktionen in seinen Fahrzeugen.
(Bild: Svenja Gelowicz/Automobil Industrie)

Knapp drei Stunden westlich von Dublin liegt der Ort Shannon, wo etwa Zehntausend Menschen leben. Sonne und Regen wechseln sich hier innerhalb weniger Minuten ab. Das ist wichtig: Denn geht es nach Jaguar Land Rover und einigen irischen Tech-Firmen, sind die klimatischen Bedingungen ideal, um auf der Insel großflächig autonomes Fahren zu testen. Nicht umsonst besagt eine irische Redensart, man könne alle vier Jahreszeiten an nur einem Tag erleben.

Das vergangene Jahr war nicht einfach für die Briten. Das weiß auch John Cormican, Geschäftsführer Vehicle Engineering bei Jaguar Land Rover in Irland. „Wir investieren weiter in Technik wie Elektromobilität oder autonomes Fahren, auch wenn die letzten Monate durchaus herausfordernd waren“, sagte der Manager. Gerade das Hin und Her um den Brexit plagt den Premiumhersteller, die Unsicherheit beeinflusst die Käufer.

Chinesischen Markt mit Technik erobern

Und dann war da natürlich auch noch ein schwächelndes China; immerhin der wichtigste Automarkt und vor allem großer Abnehmer von Premiumfahrzeugen. „Der Markt ist sehr wichtig, das Land ist sehr technologieorientiert. Der Wettbewerb und die Erwartungen der Verbraucher sind hoch“, sagt Cormican. Trotzdem sei es JLR wichtig, nicht das Volumen „um des Volumens willen“ zu erhöhen, sondern neue Produkte und Investitionen in Technik zu lancieren. „Wir haben unter der angespannten Situation in China gelitten. Aber es sieht danach aus, dass unsere Strategie aufgeht und der chinesische Markt sich für uns wieder positiv entwickelt.“

Wir sind immer auf der Suche nach Partnern.

Um neue Technologien weiterzuentwickeln, schaut man nicht nur nach China, sondern eben auch nach Irland. Im besagten Ort Shannon hat der Automobilhersteller ein „Software Engineering Centre“ hochgezogen, der Fokus liegt auf Fahrzeugarchitekturen für die Elektrik und Elektronik, automatisierten Fahrfunktionen und der Cloud-Infrastruktur samt Backend-Strategie. 400 Personen sollen dort insgesamt arbeiten. Man sei noch keine Software-Firma und baue deshalb nun ein „Skill Set“ auf, lässt ein Manager vor Ort verlauten.

Neues Entwicklungscenter von JLR

In den Entwicklungshallen darf, natürlich, nicht fotografiert werden. Smartphones kommen in eine Kunststofftüte mit Klebesiegel, das Plastik über der Kamera ist verdunkelt. Neben der E-Architektur für Fahrzeuge entstehen am Standort auch neue digitale Geschäftsmodelle, zum Beispiel für den Einsatz von Kryptowährung in einem „Smart Wallet“. Ein anderes Team beschäftigt sich beispielsweise mit Validierungssoftware.

Und dann sind da noch die mit Sensorik aufgerüsteten Jaguar-Modelle. Der Hersteller arbeitet hier unter anderem an der Sensorfusion, um die Stärken und Schwächen von Lidar, Radar, Kamera & Co. zu orchestrieren. Außerdem entwickelt JLR die gesamte Software für automatisiertes Fahren und trainiert die Systeme. Auf Teststrecken fährt der britisch-indische Hersteller aktuell mit 60 km/h, um Funktionen zu testen. Und um das auch im öffentlichen Verkehr zu dürfen, stehe man im engen Austausch mit der irischen Regierung. Denn die Entwickler brauchen den realen Straßenverkehr.

Geht es nach JLR, ist Irland prädestiniert als europäischer Teststandort. „Wir haben neben gut ausgebauten auch sehr schwierige Straßen. Die Wetterbedingungen sind wechselhaft, es gibt oft Nebel und Regen“, sagt Cormican. Er glaubt, Irland sei damit perfekt für reale Tests, im Gegensatz zu Kalifornien, „wo die Sonne an 365 Tagen im Jahr scheint“.

Außerdem gebe es viel Tech-Know-how durch lokale Unternehmen – zwar nicht unbedingt im Bereich Automotive, jedoch bei Datenfusion, Bewegungssteuerung und Analytik. „Wir haben wenig Produktion, aber eine starke R&D“, so Cormican. Durch die geringe Größe und die klare Verbindung zu Europa könnte man schneller regulieren und Gesetze erlassen.

JLR sucht Partner

Doch natürlich verschlingt die Entwicklung Unmengen Geld. Der Autohersteller arbeitet in Sachen Antriebsstrang bereits mit BMW zusammen. „Die Kosten für den Einstieg in die Elektrifizierung und das autonome Fahren sind enorm“, sagt Cormican, unterscheiden könne man sich besser in Sachen Ästhetik oder Emotionen. „Wir sind immer auf der Suche nach Partnern.“

Geht es speziell ums autonome Fahren, sieht Cormican, neben langsamer Regulierung und hohen Kosten, die größte Herausforderung in der Akzeptanz der Nutzer. Bislang kann JLR Know-how durch Waymo aufbauen, immerhin stocken die Kalifornier in großen Stückzahlen ihre Robotaxi-Flotte mit Jaguars I-Pace auf. Waymo stattet die Fahrzeuge mit „produktionsreifer Technik für autonomes Fahren aus“, hieß es bereits Anfang des letzten Jahres in einer Mitteilung.

Bleibt abzuwarten, ob I-Pace-Modelle bald nicht nur durch das sonnige Kalifornien kreiseln, sondern auch auf der grünen Insel im Nieselregen ihre Testkilometer sammeln.

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 Svenja Gelowicz

Svenja Gelowicz

Redakteurin Wirtschaft und Mobilität