Politik Apple fordert von Zulieferern: Kein „Made in Taiwan“ auf Produkten aus Taiwan

Von Michael Eckstein

Apple fordert seine taiwanischen Zulieferer auf: Druckt kein „Made in Taiwan“ mehr auf die eigenen Produkte. Auf Drängen Chinas. Dahinter steckt ein Problem, das die Weltwirtschaft gefährdet. Denn die hängt am Tropf Taiwans.

Komponenten für iPhones sind demnächst wohl nicht mehr „Made in Taiwan", sondern "Made in Taiwan, China“ oder „Made in Chinese, Taipei“. Das fordert die chinesische Zentralregierung in Peking im Zuge ihrer "Ein-China"-Politik.
Komponenten für iPhones sind demnächst wohl nicht mehr „Made in Taiwan", sondern "Made in Taiwan, China“ oder „Made in Chinese, Taipei“. Das fordert die chinesische Zentralregierung in Peking im Zuge ihrer "Ein-China"-Politik.
(Bild: BMW)

Im Herbst steht der Produkt-Launch des iPhone 14 an – auch in China. Und da will Apple wohl nichts anbrennen lassen: Der Kult-Konzern aus Cupertino hat laut eines Berichts des Branchenmagazins Nikkei Asia seine taiwanischen Lieferanten aufgefordert, die bisherige, korrekte Herkunftsbezeichnung „Made in Taiwan“ für seine auf der Insel gefertigten Produkte in „Taiwan, China“ oder „Chinese, Taipei“ zu ändern. Und damit der bereits seit Längerem bestehenden Forderung der chinesischen Festlandregierung zu entsprechen. Die wahre Herkunft soll so verschleiert und der Eindruck erweckt werden, Taiwan sei Teil der „Volksrepublik China“. Es ist absehbar, dass andere Hersteller nachziehen werden.

Durch das Manöver versucht sich der US-Techgigant aus der Schusslinie zu nehmen – nachdem der jüngste Besuch von Nancy Pelosi auf Taiwan bei der Pekinger Regierung für Entrüstung gesorgt und die ohnehin starren Fronten zwischen den USA und China weiter verhärtet hat. Erst letzten Monat hat Chinas Präsident Xi Jinping in einem Telefonat US-Präsident Joe Biden gewarnt, in Bezug auf Taiwan „nicht mit dem Feuer zu spielen“.

Dabei kam der Affront gegen die eigene Staatsdoktrin den Pekinger Autokraten wohl gerade zupass: China nutzte die Gelegenheit und setzte mit einem riesigen, ausgedehnten Militärmanöver Duftmarken rund um Taiwan. Angeblich als Antwort auf den Pelosi-Besuch – was angesichts des enormen Planungsaufwands für eine solche Aktion nicht glaubhaft ist.

Empörtes China zieht die Daumenschrauben an

Auch wirtschaftlich zieht Festlandchina nach Pelosis Besuch die Daumenschrauben fester an und fordert laut Nikkei Asia nun nachdrücklich das Einhalten der genannten Vorgabe ein. Das Magazin beruft sich auf „mit der Materie vertraute Personen“. Bei Nichtbefolgung drohen wohl ernsthafte Konsequenzen: So befürchtet Apple laut dem Bericht Schikanen und Konflikte bei der Einfuhr seiner Waren in die Volksrepublik, etwa durch Zollbehörden oder Wareninspekteure. Diese könnten sich weigern, die mit dem Label „Made in Taiwan“ ausgezeichnete Waren anzunehmen. Selbst Strafzahlungen seien denkbar.

Erste Vorfälle hat es wohl bereits gegeben: Wie Nikkei Asia berichtet, haben chinesische Behörden bei einer Warenkontrolle eine Lieferung aus Taiwan an einen Fertigungsstandort von Apple in China aufgehalten, um die Herkunft der Waren zu überprüfen.

Eng getaktete Lieferketten: Apple scheut mögliche Verzögerungen

Derartige oder vielleicht auch weiter reichende Verzögerungen wird Apple mit seinen eng getakteten Lieferketten in China unbedingt vermeiden wollen. Schließlich lässt der iPhone-Hersteller die meisten seiner Produkte dort vollständig oder zumindest anteilig fertigen. Die Beziehungen der Unternehmen sind oft eng verknüpft: So werden zum Beispiel iPhones in chinesischen Fabrikhallen des taiwanischen Multikonzerns und langjährigen Apple-Partners Foxconn zusammengebaut; eigentlich Hon Hai Precision Industry in Shenzen. Computer wie der Mac Pro hingegen stammen aus Werken im amerikanischen Heimatland und sind entsprechend mit „Designed by Apple in California, Assembled in the USA“ gekennzeichnet.

China ist wichtiger Absatzmarkt – nicht nur für Apple

Apple hat im 3. Quartal 2022 fast 15 Milliarden US-Dollar Umsatz in China gemacht. Den Großteil davon mit iPhones. Damit liegt das Chinageschäft etwa auf Vorjahresniveau – trotz Chipmangel und Lieferengpässen.
Apple hat im 3. Quartal 2022 fast 15 Milliarden US-Dollar Umsatz in China gemacht. Den Großteil davon mit iPhones. Damit liegt das Chinageschäft etwa auf Vorjahresniveau – trotz Chipmangel und Lieferengpässen.
(Bild: Apple / Statista)

Hinzu kommt: Das zentralistisch regierte China zählt zu Apples wichtigsten Absatzmärkten weltweit – und hat maßgeblich zu dem erneut positiven Ergebnis im gerade abgeschlossenen dritten Quartal April bis Juni 2022 beigetragen. Trotz Lieferkettenproblemen und Materialmangel stiegen die Erlöse um zwei Prozent auf satte 83 Milliarden US-Dollar. Immerhin 14,6 Milliarden davon steuerte der chinesische Markt bei. Dabei zeigt sich, wie abhängig Apple nach wie vor von seinem iPhone ist – und damit von den Verkäufen in China: Das ikonische Smartphone steht für rund die Hälfte der Quartalsumsätze.

Apple, wie auch andere Hersteller, hat die Vorgabe für die Herkunftsbezeichnung bislang bewusst ignoriert und seine in Taiwan gefertigten Produkte mit „Made in Taiwan“ auszeichnen lassen. Angesichts des immer aggressiveren Auftretens der Hardliner aus der VR China, die immer lauter die Ein-China-Politik verfechten und entsprechende – gerne auch mal militärische – Schritte zur „Wiedereingliederung Taiwans“ in Festlandchina einfordern, ist Apple aber nun offenbar eingeknickt.

Zwangsarbeit: Apple in der Zwickmühle zwischen eigenem Anspruch und der Realität

Das ist nicht Apples einziges Problem: Wie ein sehr lesenswerter Beitrag von The Register aufzeigt, gibt sich Apple nach außen gerne als Verfechter von Menschenrechten im Allgemeinen und von Rechten von Minderheiten im Speziellen, nachzulesen im Dokument „Our Commitment to Human Rights“. Der Konzern schaut jedoch nicht so genau hin, wenn es um die tatsächlichen Zustände in den Fabriken seiner chinesischen Fertigungspartner geht.

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Dabei immer wieder im Fokus: Unterdrückung, Drangsalierung, Massenverhaftungen und Umerziehung von Uiguren, einer in der chinesischen Region Xinjiang lebenden muslimischen Minderheit. Zulieferer setzen diese gerne als Zwangsarbeiter ein, wie „Tech Transparency Project“ berichtet.

Im Mai 2021 beschuldigte das Investigativ-Portal „The Information“ konkret sieben Apple-Zulieferer in Xinjiang, Zwangsarbeiter einzusetzen.

Transparenz ja – aber bitte nur da, wo es nichts zu verbergen gibt

Damit nicht genug: Als US-Gesetzgeber den „Uyghur Forced Labor Prevention Act“ vorschlugen – ein Gesetz, das Unternehmen für die Nutzung von Zwangsarbeit bei Zulieferern zur Rechenschaft ziehen sollte – lobbyierte Apple gegen das Gesetz, wie die Washington Post berichtete.

Letztlich blieb der Konzern erfolglos: Ende letzten Jahres hat US-Präsident Joe Biden das Gesetz unterzeichnet. Apple setzte sich auch erfolglos bei der US-Börsenaufsichtsbehörde SEC dafür ein, einen Aktionärsantrag zu blockieren, der das Unternehmen dazu verpflichten sollte, mehr Details über die Arbeitspraktiken in der Lieferkette offenzulegen.

Klar ist, dass Apple hier synonym zu sehen ist für das Who-is-who der Weltkonzerne – zum Beispiel VW: Europas größter Autohersteller fertigt munter weiter in Xinjiangs Hauptstadt Urumqi. In unmittelbarer Nähe chinesischer Umerziehungslager, in denen Uiguren unter schwersten Menschenrechtsverletzungen auf Linie zur kommunistischen Zentralregierung getrimmt werden.

In einem Interview mit der britischen BBC wollte der scheidende VW-Chef Herbert Diess davon nichts gewusst haben. VW hält an seinem Werk dort fest.

Pelosi reizt Chinas Zentralregierung seit über 30 Jahren

Pelosi, Sprecherin des US-Repräsentantenhauses und somit vom Rang her dritthöchste Politikerin der USA, ist spätestens seit 1991 ein rotes Tuch für die chinesischen „Volksvertreter“ in Peking. Damals hatte sie auf dem „Platz am Tor des himmlischen Friedens“ (Tian’anmen-Platz) in Peking für die Einhaltung der Menschenrechte demonstriert – zwei Jahre, nachdem die damalige chinesische Regierung von Studenten angeführte Proteste für mehr Demokratie binnen zwei Tagen brutal und blutig niedergeschlagen und dabei tausende Menschen ermordet hatte.

Zur Wahrheit gehört auch: In Bezug auf Taiwan betreiben die USA ein Doppelspiel. Dem „Taiwan Relations Act“ von 1979 folgend erkennen sie einerseits die „Ein-China-Politik“ des „Reichs der Mitte“ an und haben offiziell diplomatische Kontakte zu Taiwan abgebrochen. Andererseits haben sie sich dazu verpflichtet, Taiwan Hilfe gegen jede militärische Bedrohung zu leisten. Ergo liefern sie Waffen und Verteidigungs-Knowhow auf die Insel und unterstützen inoffiziell die Demokratiebestrebungen der Inselregierung.

Die Tech-Welt am Tropf der Taiwaner

Dahinter stecken natürlich auch wirtschaftliche Erwägungen: Die ganze Welt hängt heute am Tropf der Taiwaner, wenn es um die Mangelware Chips geht. Rund zwei Drittel der weltweit verbauten integrierten Schaltkreise werden auf der Insel gefertigt. Ein Wahnsinn, der der Turboglobalisierung der letzten Jahrzehnte geschuldet ist. Und umso erstaunlicher, gilt doch das Vermeiden von „Single Points of Failure“ als essenziell in der Wirtschafts- wie in der Tech-Welt.

Sollte China – wie immer wieder angedroht – Taiwan tatsächlich eines Tages blockieren oder gar besetzen, hätte das ersichtlich verheerende Folgen für die Weltwirtschaft. Doch selbst wenn es in den nächsten Jahren gelingt, diese Abhängigkeit im Halbleitersektor durch die angestrebte und in mehreren Regionen bereits angestoßene Diversifizierung der Chip-Lieferketten zu mildern, blieben das autokratisch regierte China und sein riesiger Markt ein Problem.

Das „Dusch mich, aber mach mich nicht nass“-Prinzip funktioniert umso weniger, je mehr technische Fortschritte China macht und entsprechend immer selbstsicherer auftritt. Irgendwann werden die noch verbleibenden Demokratien dieser Welt Farbe bekennen müssen. Hoffentlich ist es dann nicht zu spät.

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