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Elektronik Benchmark-Plattform: HMI-Bedienkonzepte vergleichen

| Autor: Sven Prawitz

Die Menüs von Infotainmentsystemen sind vielschichtig und verzweigt. Der Entwicklungsdienstleister Deutsche Automotive filmt jede einzelne Menüseite und liefert so Benchmarks für Entwickler und Designer

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HMI-Bedienkonzeote in Fahrzeugen unterscheiden sich stark voneinander. Vergleichbarkeit soll jetzt eine Benchmark-Plattform bieten.
HMI-Bedienkonzeote in Fahrzeugen unterscheiden sich stark voneinander. Vergleichbarkeit soll jetzt eine Benchmark-Plattform bieten.
(Bild: Deutsche Automotive Software)

Navigieren Sie mit ihrem Mobiltelefon, obwohl das Auto ein Navigationssystem besitzt? Viele Autofahrer verlassen sich lieber auf das Kartenmaterial und die Echtzeitinformationen des Smartphones. Denn die Daten von Google sind meist aktueller und präziser als die im Auto hinterlegten Informationen.

Außerdem ist die Bedienung des Telefons oft einfacher: Zum einen, weil wir es öfter nutzen als die Systeme im Auto. Zum anderen, weil die Menüs und Funktionen der Infotainmentsysteme oft verschachtelt und kompliziert sind. Schlechte Bedienkonzepte werden über Jahre ausgeliefert und erst mit einem Facelift oder Modellwechsel verbessert.

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Nahezu jede Fahrzeugmarke hat für die jeweiligen Displays eine eigene Optik und ein eigenes Bedienkonzept. Das erschwert nicht nur für die Bedienung für die Fahrer, sondern macht es auch für Experten mühsam, einen Überblick zu behalten. Den Entwicklern bei den Automobilherstellern und deren Systemlieferanten fehlen oft die Ressourcen für ein gutes Benchmarking. Das hört Dirk Beer, Gründer und Geschäftsführer von Deutsche Automotive Software, im Gespräch mit seinen Kunden immer wieder. „Auf Youtube gibt es lediglich verwackelte Handybilder und Werbung vom Hersteller“, sagt er.

Die HMI Benchmark-Plattform

Aus diesem Bedarf entstand die Idee zu „Screens“, einer Benchmark-Plattform, die die innovativsten HMIs (Human-Machine-Interface) darstellt. Für Screens filmt das Team des Entwicklungsdienstleisters jede einzelne Menüseite des Infotainmentsystems und erstellt daraus einen Strukturbaum. Zudem erfassen Beers Mitarbeiter einen Katalog von Anwendungsfällen wie etwa die Anzeigen des Spurhalteassistenten, wenn man die Fahrbahnmarkierung kreuzt.

In diesen Katalog sind laut Beer mittlerweile viele Anforderungen der OEMs eingeflossen. Die sogenannten Use-Cases bilden ein zweites Modul der Screens-Datenbank. Als Beispiel nennt Beer ein Telefonat per Bluetooth im Auto: „Was passiert, wenn ich aus- und wieder einsteige? Schafft es das Auto, den Call an das Telefon zu übergeben und beim Einsteigen das Handy wieder zu koppeln?“

Bis zu acht Kameras erfassen alle Displays, die Bedienknöpfe und das Fahrzeugumfeld – sowohl im Stand als auch während der Fahrt. Pro Auto kommen so etwa 15 Stunden Videomaterial zusammen, das sekundengenau durchsucht werden kann. „Wir beobachten die 40 wichtigsten Autohersteller der Welt und fokussieren uns dabei auf die innovativsten HMI-Konzepte“, beschreibt Beer das Auswahlverfahren. Screens richtet sich sowohl an Visual und Asset Designer, die für Symbole und Grafiken verantwortlich sind, als auch an Interaction Designer, die die Bedienkonzepte entwerfen.

Radikaler Strategiewechsel


In diesem Bereich liegt mittlerweile der Schwerpunkt des Entwicklungsdienstleisters: Die Deutsche Automotive Software entwickelt Bedienkonzepte für Kombiinstrumente und Infotainmentsysteme. Als sich Dirk Beer im Jahr 2010 selbstständig machte, lag der Fokus noch auf der Motoren- und Getriebeentwicklung. 2015 folgte dann ein Schwenk auf die Softwareentwicklung. „Mittlerweile bin ich der letzte Ingenieur in meiner Firma“, verdeutlicht Beer den radikalen Strategiewechsel.

Auf Youtube gibt es lediglich verwackelte Handybilder und Werbung vom Hersteller.

Dirk Beer

Heute beschäftigt Beer Medieninformatiker, Softwareentwickler, Computer-Linguisten und Psychologen. Damit deckt er einen Zukunftsbereich ab, denn digitale Dienste und Vernetzung im und mit dem Fahrzeug würden nicht nur wichtiger werden, sondern „jeder Hersteller möchte gerade über die Displays seine Identität aufrecht erhalten“. Weil viele Automobilhersteller dieses Ziel eher mittelmäßig als gut umsetzen, gibt es einen sehr hohen Bedarf, nach Best-Practice-Anwendungen zu suchen.

Laut Beer kommt Screens auf dem Markt sehr gut an, sodass die Deutsche Automotive dringend die Kapazitäten in diesem Bereich ausbauen möchte. Mitte 2020 soll ein Standort in China eröffnet werden. Später soll eine Niederlassung in den USA folgen – die ist laut Beer deutlich einfacher zu gründen, der chinesische Markt habe aber eine deutlich höhere Priorität. Insgesamt hofft Beer, Ende kommenden Jahres 52 Fahrzeuge pro Jahr in Screens aufnehmen zu können. Momentan schafft der Entwicklungsdienstleister etwa 20 Modelle.

Modellvergleich geplant

Dirk Beer, Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens Deutsche Automotive.
Dirk Beer, Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens Deutsche Automotive.
(Bild: Deutsche Automotive Software)

In einem nächsten Schritt soll Screens eine Kommentar- sowie eine erweiterte Vergleichsfunktion erhalten: Heute können alle Aufnahmen eines Fahrzeugs synchron verglichen werden – künftig soll ein Vergleich zwischen zwei Modellen möglich sein. Zusätzlich verhandelt Beer zur Zeit mit potenziellen Kooperationspartnern. Er möchte Statistiken zum Kundenfeedback in die Datenbank integrieren.

Besonders gespannt ist Beer auf das HMI-Konzept von Byton: Er hofft, noch Ende diesen Jahres ein Fahrzeug für die Analyse zu erhalten. Sollte das klappen, dürften wohl sehr viele Entwickler via Screens das erste Fahrzeug unter die Lupe nehmen, das um eine digitale Plattform herum entwickelt wurde.

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 Sven Prawitz

Sven Prawitz

Technikjournalist