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Automobilzulieferer „Es braucht Jahre, um das Ökosystem Mobilität aufeinander abzustimmen“

| Autor: Sven Prawitz

Mitsubishi Electrics Automotive-Chef Hiroshi Onishi rechnet mit hochautomatisierten Shuttles bis zum Jahr 2030. Die Herausforderung bei der Umsetzung sei nicht die Technik, sondern der Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur.

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Hiroshi Onishi, Executive Officer and Group President of Automotive Equipment Group, Mitsubishi Electric.
Hiroshi Onishi, Executive Officer and Group President of Automotive Equipment Group, Mitsubishi Electric.
(Bild: Mitsubishi Electric)

Hochautomatisierte Mobilität im urbanen Lebensraum war das zentrale Thema des Automobilzulieferers Mitsubishi Electric auf der Tokyo Motor Show. Ähnliche Themen wird das Unternehmen auch Anfang Januar in Las Vegas auf der CES zeigen. Zu den Produkten, mit denen Mitsubishi Electric Shuttles und hochautomatisierte Pkws ausrüsten möchte, zählen unter anderem Touch-Displays und die für Dienstleistungen notwendige Vernetzung der Datenströme.

Herr Onishi, wann erwarten Sie hochautomatisierte Shuttles auf den Straßen?

Wir haben in unserer Studie noch ein Lenkrad, weil wir davon ausgehen, dass in der nächsten Stufe die letzte Meile noch manuell gefahren wird. Das erwarte ich für ungefähr 2030.

Sie erwähnen die letzte Meile, wo wird dann im Jahr 2030 automatisiert gefahren?

Vor allem auf der Autobahn. Da rechnen wir schon damit, dass die Fortbewegung völlig ohne Eingriff des Fahrers erfolgt.

Von Mitsubishi Electric kommen dabei nicht nur die Bildschirme, sondern auch die Technik, um Daten zu sammeln und zu verarbeiten.

Ja, wir sammeln und verarbeiten die anfallenden Daten und visualisieren diese dann auf den Displays. In so einer Kabine, wie wir sie in Tokyo gezeigt haben, geht es darum, den Fahrer zu unterhalten – also in der Zeit, in der er nicht mehr das Fahrzeug steuert. Es geht aber auch darum, Informationen darzustellen, die den Fahrer beim Steuern des Fahrzeugs unterstützen. Dabei geht es zum Beispiel darum, biometrische Daten zu erfassen, um den Gesundheitszustand der Passagiere zu beobachten.

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Wo ist der Unterschied zum Smartphone?

Uns ist bewusst, dass das Smartphone einige Funktionen ebenso anbieten kann. Aber, nicht alle Menschen wollen das Mobiltelefon in dieser Art und Weise benutzen. Nicht jeder besitzt eine Smartwatch. Aber trotzdem gibt es den Wunsch, zum Beispiel Vitalfunktionen im Auto zu nutzen.

Das klingt auch nach datengetriebenen Geschäftsmodellen. Wird Mitsubishi Electric künftig mit solchen Dienstleistungen Geld verdienen?

Wir denken darüber nach, die Daten, die wir mit unseren Systemen erfassen und erzeugen auch zugänglich zu machen. Aber dazu gibt es noch keine Entscheidung.

Bezogen auf IT und Elektronik sind zehn Jahre ein sehr langer Zeitraum. Für das automatisierte Fahren scheint das nicht zu hoch gegriffen zu sein. Gab es einen Punkt, an dem Sie dachten, es dauert länger?

Die Technologie für das automatisierte Fahren wird schon früher da sein. Das ist nicht das Problem. Schwierig wird, die Infrastruktur aufzubauen – zum Beispiel die Kommunikation unter den Autos. Es wird zehn Jahren brauchen, um das gesamte Ökosystem der Mobilität aufeinander abzustimmen.

Um das autonome Fahren absolut sicher zu machen, müssen Informationen von der Infrastruktur an das Auto gegeben werden.

Ist Vehicle-to-X-Kommunikation der Schlüssel für das automatisierte Fahren?

Die Auto-zu-Auto-Kommunikation ist wichtig, aber es geht eher um die äußeren Einflüsse: Dass zum Beispiel ein Auto versteht, wie Fußgänger an Straßenübergängen reagieren. Dass von der Infrastruktur Informationen an das Auto gegeben werden. Um das autonome Fahren absolut sicher zu machen, müssen solche Informationen von außen kommen und deshalb dauert es so lange.

Wie schwierig ist es aus sicherheitstechnischer Sicht, einen Mix aus autonomen und nicht-autonomen Fahrzeugen auf der Straße zu haben?

Das ist ein schwieriges Thema. Die Frage ist, wer kümmert sich um wen und wer hat wann Vorrang. Das ist etwas, was die Automobilhersteller nicht beantworten können. Das ist im Grunde genommen ein gesellschaftliches Problem, bei dem alle zusammenarbeiten müssen.

Für Autofahrer könnte der Straßenverkehr künftig unübersichtlicher werden.

Es wird in gewisser Hinsicht eine viel höhere Belastung für den Fahrer geben. Denn die Fahrer herkömmlicher Autos müssen sich zusätzlich der autonomen Autos bewusst sein. Das ist wahrscheinlich das am schwierigsten zu lösende Problem. Das autonome Fahren ist kein technisches Problem – herausfordernd ist, wie die Menschen interagieren, wenn autonome Autos auf der Straße sind.

Welche Komponenten kann Mitsubishi Electric bei einem Shuttle liefern?

Wir werden kein Anbieter für Fahrdienste sein. Aber wir können die Technik bereitstellen, um solche Dienste zu ermöglichen. Zum Beispiel die Schnittstelle, um verschiedene Unternehmen mit ihren Diensten zu verknüpfen. Wenn es also darum geht, vom Fahrzeug aus Essen zu bestellen, läuft das über unsere Technologie.

Von einigen Zulieferern in Deutschland hört man, dass sich die OEMs immer mehr auf die Systemintegration fokussieren und dafür die Spezifikationen schreiben. Entwicklungsumfänge und -verantwortung wandern damit mehr und mehr zum Zulieferer. Teilen Sie diese Beobachtung?

Es ist in der Tat so, dass die Automobilhersteller vermehrt auf uns Zulieferer zukommen und sich erkundigen, wie einzelne Ideen und Konzepte umgesetzt werden können und wie wir dabei unterstützen können. Da wird mehr an die Zulieferer übertragen.

Spüren Sie in der Automotive-Sparte von Mitsubishi Electric die zurückgehenden Verkaufszahlen in China?

In der ersten Hälfte des aktuellen Geschäftsjahres – von April 2019 bis März 2020 – ist unser Umsatz in China im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen. Wir rechnen auch weiterhin mit Umsatzsteigerungen durch weitere neue Aufträge in China und versuchen unser Geschäft zu expandieren.

Über Mitsubishi Electric

Mitsubishi Electric ist ein japanischer Zulieferer. Das Unternehmen hat die selben Wurzeln wie der Autohersteller Mitsubishi Motors und Mitsubishi Heavy Industries. Der Mitsubishi-Konzern wurde allerdings kurz nach Ende des zweiten Weltkriegs zerschlagen, so dass die drei genannten Unternehmen heute außer dem Logo und ihrer Historie nichts mehr gemeinsam haben.
Mitsubishi Electric hat fast 150.000 Mitarbeiter und erzielt einen Jahresumsatz von etwa 37 Milliarden Euro. Das Unternehmen ist in neun Branchen tätig: Gebäudetechnik, Energietechnik, Transportsysteme, Kommunikationstechnik, Klimatisierung, Fabrikautomatisierung, Automobil, Halbleiter und Raumfahrt. Produkte im Bereich Automobil sind zum Beispiel Steuergeräte für Motoren und Schließsysteme und Starter-Generatoren.

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 Sven Prawitz

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Technikjournalist