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Expert Circle: „Beim Geruch die gleiche Sprache sprechen“

| Redakteur: Christian Otto

Emissionen und Gerüche spielen für die Wertigkeit des Fahrzeuginnenraums eine immer wichtigere Rolle, auch weil die Kunden mehr Nachhaltigkeit einfordern. Ein weiterer Treiber sind rechtliche Vorgaben. Eine Expertenveranstaltung des Materialspezialisten imat-uve hat nun nach Lösungen gesucht.

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Der Expert-Circle beim Materialspezialisten imat-uve gab auch die Möglichkeit das Thema Geruch direkt zu erleben.
Der Expert-Circle beim Materialspezialisten imat-uve gab auch die Möglichkeit das Thema Geruch direkt zu erleben.
(Bild: imat-uve)

Welche Relevanz Gerüche und Emissionen im Fahrzeuginnenraum haben, zeigen nicht nur die sich verschärfenden Gesetze am wichtigen Markt China. Auch ein Ranking von J.D. Power, das unangenehme Gerüche als „Nummer-1-Problem“ in einer Studie listet, bestätigt, dass das Thema zunehmende Bedeutung für Zulieferer und Autohersteller bekommt.

Der Bedarf an Informationen in diesem Bereich ist hoch. Deshalb bietet der Mönchengladbacher Materialspezialist imat-uve OEM- und Zulieferervertretern ein Praxisseminar zum Thema „Emissionen und Geruch im Fahrzeuginnenraum“ an. Erstmals fand es im Rahmen des Expert Circle gemeinsam mit »Automobil Industrie« statt.

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Dabei wurde die Bandbreite der Herausforderungen auch durch die Perspektiven der verschiedenen Speaker deutlich. Insbesondere die Spezialisten des gastgebenden Unternehmens leisteten nochmals Grundlagenarbeit. Der imat-Senior Expert Matthias Büsselmann gab hierzu einen Überblick über Testmethoden und Einflussgrößen bei Emissionsprüfungen, mit denen man laut ihm ganze Plakate füllen könne. Sein guter Rat für alle Anwesenden: „Vergleichen Sie keine Methoden untereinander.“

Geruchsverursacher minimieren

Sein Kollege Michael Holzwarth sprach über psychophysikalische Prinzipien der menschlichen Wahrnehmung von Geruch. Auch er bestätigt, dass das Thema Geruch weiter an Relevanz gewinne: „Gerade in China ist die Rate der Kunden wie Hersteller hoch, die sich über unangenehme Gerüche im Innenraum beschweren. Dort die Werte einzuhalten, ist sehr anspruchsvoll“, so der Experte.

Dabei gelte es unter anderem, die Verursacher von unangenehmen Gerüchen zu identifizieren und zu verringern. „Die Faustregel lautet, die Verursacher des Geruchs auf zehn Prozent zu minimieren“, so Holzwarth. Der Faktor Mensch spiele dabei natürlich eine Rolle, denn gerade Prüfer im Geruchspanel der Hersteller und Zulieferer reagieren unterschiedlich auf den gleichen Geruch. Wie schließt man dann aber unterschiedliche Benotungen aus? Holzwarths Tipp: „Wir müssen lernen, beim Geruch die gleiche Sprache zu sprechen.“ Das gehe nur über Training.

Neben den theoretischen Grundlagen gab es auch ein Produkt, dass der Innenraumspezialist Dr. Schneider derzeit internationalen OEMs vorstellt. Das System namens Pure Vent soll die Luft des Fahrzeug-Interieurs schadstoffärmer machen und die negativen gesundheitlichen Auswirkungen auf den Menschen minimieren. Dabei greift der Zulieferer auf die Kombination von Partikel- und Aktivkohlefilter sowie einer photokatalytischen Oberfläche zurück. Dieses System reinigt die Luft im Fahrzeuginnenraum von Schadstoffen.

Gesundheitswunsch der Endkunden als Treiber

Parag Shah, Geschäftsführer Vertrieb, Marketing, Program Management bei Dr. Schneider, sieht in Produkten wie Pure Vent die Antwort auf ein Kundenbedürfnis, das über die CASE-Megatrends hinausgeht. Denn das lautet: gesund bleiben. Dabei spiele die Verringerung von Emissionen eine entscheidende Rolle. Allerdings gebe es gerade beim Thema Geruch Zielkonflikte. In China werde der Neuwagengeruch beispielsweise als negativ wahrgenommen, während man ihn in Europa als Qualitätsmerkmal begrüße. Daraus resultieren entscheidende Fragen: Welcher Geruch ist noch akzeptabel? Wer legt es fest?

Das führe Abstimmungsschwierigkeiten zwischen OEM und Zulieferer und damit zu Unsicherheiten beim Materialhersteller, bestätigte auch Hans Peter Schlegelmilch, Gastgeber und Geschäftsführer von imat-uve. Der Manager sieht im Geruch eine wesentliche Größe, die auf den wahrgenommenen Wert des Gesamtprodukts einzahlt. Allerdings könnten neue Beduftungslösungen, die eigentlich aufwerten sollen, zu neuen Störgerüchen führen. Hier gelte es, Technologien maßvoll und nicht getrieben vom Marketing einzusetzen.

Dass gute Luft im Fahrzeuginnenraum ein USP sein kann, glauben alle anwesenden Experten. Allerdings müsse man dies für den Kunden auch erlebbar machen. Einige OEMs wie Volvo hätten hier schon erste Ansätze. Aber wie so oft in der Industrie, sollen Innovationen von Engineering-Dienstleistern und Zulieferern im besten Fall keinen finanziellen Mehraufwand für die Hersteller bedeuten.

Verbessertes Material kostet auch mehr

Diese Diskrepanz bemerkt auch Andreas Dörner, der die Vorabentwicklung bei Kraiburg TPE leitet. Das Unternehmen ist spezialisiert auf Produkte, die auf Thermoplastischen Elastomeren (TPE) basieren, und investiert in deren Prüfung und Geruchsoptimierung. Das wirkt sich auch auf den Preis aus. Hier müsse sich laut Dörner der Zulieferer immer auch die Frage stellen, ob das Gegenüber bereit ist, für das verbesserte Material zu bezahlen.

Roland Freudenmann vom Continental-Spezialist „Surface Solutions“ griff die Gesetzgebung in China auf. Die Regierung im Reich der Mitte hatte schon einen Entwurf für ein Emissionsgesetz vorgelegt. Dieses sollte 2020 kommen. Laut dem Experten könnte es aber nun doch nochmals verschoben werten.

Die dort vorgegebenen Grenzwerte für ausgewählte Substanzen seien eine Hürde, die Herstellern wehtun könnte. Wird nämlich Grenzwert gerissen, darf das Auto in China nicht zugelassen werden. Diese Rahmenbedingungen brachten laut Freudenmann „viel Dynamik für alle OEMs, die in China Autos verkaufen wollen.“ Gleichzeitig würden die Hersteller jede Verbesserung des Geruchs sehr positiv bewerten.

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